WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Schuldenkrise EZB soll Spaniens Bankia retten

Spaniens Bankenkrise eskaliert, doch offiziell wollen die Südeuropäer keine Hilfe von den Euro-Partnern. Stattdessen soll die EZB per Trick eingebunden werden. Auch griechische Banken setzen auf die vermeintlichen Währungshüter.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Eine Kursanzeige spiegelt sich auf einer Scheibe einer Bankia-Filiale Quelle: dapd

Spaniens Bankenkrise eskaliert – und rückt die viertgrößte Wirtschaft des Eurolandes ins Zentrum des europäischen Schuldendramas. Die marode Großbank Bankia braucht 23 Milliarden Euro zur Sanierung. Das Geldhaus bringt das angeschlagene Spanien, das gegen den Schuldensog kämpf, weiter in Not.

Die Bankia gehört zu den Instituten, die am schwersten vom Kollaps der spanischen Immobilienwirtschaft getroffen wurden. Schätzungen zufolge hat sie 32 Milliarden Euro an faulen Vermögenswerten in den Büchern. Die Aktien des Instituts waren am Montag nicht einmal mehr ein Drittel des Betrags wert, zu dem sie im Juli 2011 an die Börse gebracht worden

Spaniens Bankenkrise erinnert immer mehr an die Entwicklung in Irland. In beiden Ländern waren Geldhäuser nach dem Platzen einer Immobilienblase in Bedrängnis geraten. In Irland sprang die Regierung den Banken frühzeitig bei, musste dazu aber unter den internationalen Rettungsschirm schlüpfen. In Spanien dagegen blieb das wahre Ausmaß der „faulen“ Immobilienkredite lange Zeit verborgen. Die Geldhäuser hofften offenbar darauf, dass die Krise rasch überwunden werde und sie die Finanzprobleme aus eigener Kraft lösen könnten. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch.

Finanzierung durch die Hintertür

Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy kündigte an, der maroden Bank beizustehen und zu stützen. Wie sie das Geld aufbringen will, verriet er allerdings nicht. Rajoy betonte lediglich, dass Spanien für die Bankia-Rettung weder das Haushaltsdefizit erhöhen noch bei den Ausgaben neue Kürzungen vornehmen werde.

Medienberichten bieten sich Madrid zwei Möglichkeiten. Die erste bestünde darin, die EU um Hilfen für die Sanierung der Banken zu bitten. Dies schloss Rajoy am Montag rigoros aus.

Die zweite Möglichkeit liefe auf einen finanztechnischen Trick hinaus. Madrid könnte das von Bankia benötigte Kapital mit Staatsanleihen finanzieren, die dem Geldinstitut unter Umgehung der Märkte direkt zur Verfügung gestellt würden. Im Gegenzug erhalte der Staat weitere Anteile an dem bereits teilverstaatlichten Institut. Bankia könnte wiederum die Anleihen als Sicherheit verwenden, um sich Geld von der EZB zu leihen. Dieser Weg birgt allerdings, wie „El País“ betont, ein großes Risiko: Spanien würde sich durch die Hintertür neue Schulden auflasten und das Misstrauen der Anleger in die Staatsfinanzen verstärken. Damit erhöhte sich die Gefahr, dass Spanien auf den Märkten sich nicht mehr mit frischem Geld versorgen kann und das Land womöglich eine internationale Rettungsaktion – nicht allein für die Banken, sondern für seine Staatsfinanzen – beantragen muss.

Auch griechische Banken in Not

Spaniens Baustellen
Spanien hat wie die anderen südeuropäischen Euro-Länder von den niedrigen Zinsen in der Währungsunion profitiert und einen kräftigen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Ähnlich wie in Irland bildete sich eine Immobilienblase, die mit einem lauten Knall platzte: Der Bausektor fiel in sich zusammen, die Arbeitslosigkeit stieg rasant. Quelle: REUTERS
Seit 2008 stieg die Arbeitslosenquote von knapp über zehn auf fast 25 Prozent. Bei den Jugendlichen ist fast jeder Zweite arbeitslos. Hatten bislang vor allem ungelernte Arbeitskräfte in der Bauwirtschaft und im Servicebereich ihren Job verloren, trifft es jetzt auch qualifizierte Kräfte. Nach einem schwachen Wachstum in der ersten Jahreshälfte 2011 befindet sich Spaniens Wirtschaft jetzt wieder in der Rezession. In diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,7 Prozent schrumpfen. Quelle: dpa
Das Hauptproblem: Fortbildungsprogramme und Arbeitsvermittlung wurden bislang vernachlässigt, Teilzeitverträge existierten bislang fast gar nicht. Auf Seiten der Arbeitnehmer haben sich zu viele Angestellte in komfortablen Bedingungen eingenistet. Flexibilität und Mobilität bei Stellensuchenden sind so gut wie gar nicht ausgeprägt. Quelle: REUTERS
Ausgerechnet die Hochqualifizierten bewegen sich nun – mit fatalen Folgen für Spanien. Weil Jobs und Perspektiven für Akademiker fehlen, schauen sich junge Iberer zunehmend im Ausland nach Jobs um. In Deutschland könnte sie fündig werden. Die Bundesregierung warb im vergangenen Herbst um spanische Ingenieure. Mit Erfolg. Bis zum Jahresende 2011 bewarben sich mehr als 14.000 junge Iberer um einen Job zwischen Hamburg und München. Spanien droht nun der „brain drain“. Quelle: dpa
Ein weiteres Problem: Spaniens Regierungschef legt ein hohes Reformtempo vor – doch die Kommunal- und Regionalregierungen zeigen keinerlei Sparbereitschaft. Während die Zentraladministration seit 2001 ihr Personal um 22 Prozent reduziert habe, sei die Belegschaft der autonomen Gemeinschaften um 44 Prozent und die der Gemeinden um 39 Prozent gestiegen, rechnete Antonio Beteta vor, der Staatssekretär für öffentliche Verwaltungen. Quelle: REUTERS
Höhere Sozialausgaben und sinkende Steuereinnahmen aufgrund der Rezession und der Abwanderung von Hochqualifizierende führen zwangsläufig zu einem Anstieg der Verschuldung. Die Gesamtverschuldung liegt derzeit mit knapp 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zwar unter dem Schnitt der Eurozone, aber diese Zahl dürfte bis 2014 rasant wachsen. Die Ratingagentur Moody’s geht davon aus, dass die Verschuldung bis Jahresende bei rund 80 Prozent des BIPs liegen wird. Quelle: dpa
Auch die Finanzmärkte sind skeptisch. Zwar haben die großzügigen Geldausleihen der Europäischen Zentralbank (EZB), bei der sich vor allem südeuropäische Banken mit Liquidität versorgt haben, auch die Renditen spanischer Staatsanleihen auf ein erträgliches Niveau gedrückt. Doch die Anleger verlangten von Spanien zuletzt wieder höhere Renditen als für Italien – ein deutliches Zeichen des Misstrauens. Quelle: REUTERS

Auch griechische Banken sind erneut auf die Hilfe der vermeintlichen Währungshüter der Europäischen Zentralbank und der Euro-Partner angewiesen gewesen. Die vier größten griechischen Banken haben eine zugesagte Geldspritze von 18 Milliarden Euro erhalten. Das teilte das Finanzministerium in Athen am Montag mit. Das Geld zur Rekapitalisierung über den europäischen Stabilitätsfonds EFSF geht an die National Bank (6,9 Milliarden Euro), Alpha (1,9 Milliarden Euro), Eurobank (4,2 Milliarden Euro) und die Piraeus Bank (fünf Milliarden Euro).

Die EZB hatte eine ausreichende Kapitalisierung der Geldhäuser zur Bedingung dafür gemacht, dass die Banken wieder an den Standard-Finanzierungsoperationen der Europäischen Zentralbank (EZB) teilnehmen können.

Autonome Regionen tief in den Miesen

In Spanien steht die Zentralregierung nicht nur wegen der Bankenkrise unter Druck, auch die 17 Regionen stehen zunehmend in der Klemme. Viele der autonomen Gebiete können sich an den Kapitalmärkten kaum noch refinanzieren. Am schlechtesten steht Katalonien da, die größte und am stärksten verschuldete Region. Anleihen mit Laufzeit bis zum Jahr 2013 rentierten am Montag bei etwa 8,3 Prozent. Zum Vergleich: bei ähnlichen Papieren der Zentralregierung waren es lediglich 3,6 Prozent. Zusammen genommen sind die spanischen Regionen mit etwa 140 Milliarden Euro verschuldet.

Europa



Spanien erwägt nun Rettungsmöglichkeiten für die Regionen, während sich die Renditen zehnjähriger Anleihen der Zentralregierung in Richtung sieben Prozent bewegen. Als Portugal, Irland und Griechenland dieses Niveau erreichten, beantragten sie Hilfsgelder von der Europäischen Union (EU) und dem Internationalen Währungsfonds (IWF).

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%