Schuldenkrise: Griechenlands Bosse kämpfen gegen den freien Fall
GRIECHENLAND
Wirtschaft: Die griechische Wirtschaft steckt in einer dramatischen Rezession. 2011 schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 6,8 Prozent. Für 2012 erwartet die EU-Kommission einen Rückgang von 4,7 Prozent. Die griechische Regierung hatte zuletzt einen Rückgang von 2,8 Prozent vorhergesagt.
Das Bild zeigt den griechischen Container-Hafen in Piräus.
Foto: dpaHaushalt: Trotz drastischer Sparanstrengungen lag das griechische Haushaltsdefizit 2011 bei 10,6 Prozent der Wirtschaftsleistung. Für dieses Jahr erwartet die Regierung ein Defizit von 6,7 Prozent.
Foto: dpaAusblick: Wie es in dem Krisenland weiter geht, ist unklar. Die Wähler haben den Sparkurs der beiden etablierten Parteien Nea Demokratia und Pasok abgestraft. Gewinner der Wahlen sind extreme rechte und linke Parteien. Ob diese jedoch eine Regierung bilden können, ist fraglich. An die vereinbarten Sparziele jedenfalls wollen sich die meisten Politiker nicht mehr halten.
Foto: dapdPORTUGAL
Wirtschaft: Im zweiten Land, das unter dem Schutz des Euro Rettungsschirms steht, geht es steil bergab. 2011 schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 1,6 Prozent - für dieses Jahr prognostiziert die portugiesische Regierung einen Rückgang von 3,3 Prozent. Hoffnung setzt die EU auf 2013: Dann soll die Wirtschaft in Portugal wieder um 0,3 Prozent wachsen.
Foto: dpaHaushalt: Im Gegensatz zu anderen Euro-Krisenländern hat Portugal seine Sparauflagen für 2011 sogar übererfüllt. Das Haushaltsdefizit lag 2011 bei etwa 4,5 Prozent – und damit unter der mit dem IWF vereinbarten Zielmarke von 5,9 Prozent
Foto: dpaAusblick: Was die Sparziele betrifft, liegt Portugal im Zeitplan. Allerdings kann die schwache Wirtschaftsentwicklung das schnell wieder ändern. Ein weiteres Problem ist die Refinanzierung des Staates. Das bisherige Hilfspaket sieht vor, dass sich Portugal ab 2013 wieder selbst 10 Milliarden Euro am Kapitalmarkt beschaffen muss. Experten halten dies für unrealistisch. Sie gehen davon aus, dass ein neues Hilfspaket nötig ist.
Foto: ReutersSPANIEN
Wirtschaft: 2011 erzielte Spanien noch ein Mini-Wachstum von 0,7 Prozent. Nach wie vor hat die Wirtschaft das Platzen der Immobilienblase nicht verdaut. Für dieses Jahr erwartet die EU-Kommission einen Rückgang um 1,8 Prozent, im kommenden Jahr soll die Wirtschaft um 0,3 Prozent schrumpfen.
Foto: ReutersHaushalt: Spanien hat seine mit der EU vereinbarten Sparziele klar verfehlt. Statt eines angestrebten Defizits von 6 Prozent, lag dieses bei 8,5 Prozent. Im kommenden Jahr macht Spanien ein Defizit von 6,3 Prozent und liegt damit weit über dem EU-Grenzwert von 3,0 Prozent.
Foto: ReutersAusblick: Nach einer Beruhigung zu Jahresanfang ist Spanien durch das Verfehlen seiner Sparziele nun erneut ins Visier der Märkte geraten. Spanien hat vor allem auf dem Arbeitsmarkt einschneidende Reformen unternommen, die sich nach Einschätzung von Ökonomen erst langfristig auswirken. Kurzfristig gefährdet das schwache Wachstum die Sparziele.
Foto: ReutersITALIEN
Wirtschaft: Mit der italienischen Wirtschaft geht es wieder bergab. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone muss sich auf einen Wirtschaftsrückgang von 1,4 Prozent einstellen. Im kommenden Jahr soll das Wachstum dann wieder bei 0,4 Prozent liegen.
Foto: ReutersHaushalt: Italien hat sein Haushaltsdefizit 2011 auf 3,9 Prozent reduziert. 2010 waren es noch 4,6 Prozent. Problematisch ist vor allem die hohe Gesamtverschuldung von 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Foto: dpaAusblick: Der neue Ministerpräsident Monti (Bild) hat seit seinem Amtsantritt wichtige Reformen angestoßen. Das entscheidende Projekt steht jedoch noch bevor: Die Reform des Arbeitsmarktes.
Foto: dapdIRLAND
Wirtschaft: Die Krise scheint überwunden. Dank einer kräftigen Erholung des Exportsektors wuchs die irische Wirtschaft 2011 um 0,7 Prozent, 2012 geht es um 0,5 Prozent nach oben. Für 2013 erwartet Brüssel sogar ein Wachstum von 1,9 Prozent.
Foto: ReutersHaushalt: Das irische Haushaltsdefizit lag 2011 bei zehn Prozent – und damit knapp unter dem Zielwert von 10,6 Prozent. In diesem Jahr soll es auf 8,6 Prozent sinken. Bis 2015 will Irland das Maastricht-Kriterium von unter drei Prozent einhalten.
Foto: dpaAusblick: Der Vorteil Irlands gegenüber anderen Euro-Krisenländern liegt in seinem hohen Exportanteil. Durch höhere Exporte konnte die Wirtschaft die harten Einschnitte der Regierung besser abfedern. Die irische Regierung will ab Ende 2012 wieder Geld am Kapitalmarkt aufnehmen. Wenn es gut läuft könnte das gelingen – allerdings zu relativ hohen Zinsen.
Foto: ReutersAls Grieche in diesen Tagen Geschäfte zu machen kann verdammt mühsam sein. Das Softwareunternehmen Intrasoft International etwa bewarb sich bei einer finnischen Bank um einen Großauftrag und landete unter den ersten drei Kandidaten. Doch dann sortierten die Finnen das 1996 gegründete Unternehmen aus, das sogar die Europäische Zentralbank zu seinen Kunden zählt. Die Finnen sahen in einem griechischen Lieferanten schlicht ein Risiko, weil sie das Unternehmen als genauso unzuverlässig einstuften wie das gesamte Land. „Bei unserer Gründung gab es ein Fragezeichen, ob Griechen in der Lage sein würden, Technologie zu produzieren“, sagt Intrasoft-Chef Athanasios Kotsis. „Aber nun sehen wir uns mit ganz anderen Zweifeln konfrontiert.“
Imageprobleme
Nach zwei Rettungspaketen für die marode Wirtschaft, nach immer neuen Beweisen für Korruption und politische Misswirtschaft haben griechische Unternehmen im Ausland ein Imageproblem. Zugleich kämpfen sie zu Hause mit Bürokratie und mit Banken, die ihnen den Geldhahn abdrehen. Ein Viertel der griechischen Firmen hat seit 2009 dichtgemacht. Bei der Hälfte der Kleinunternehmen laufen die Geschäfte so schlecht, dass sie keine Löhne mehr bezahlen können.
Griechisches Bruttoinlandsprodukt (Veränderungen gegenüber Vorjahr in Prozent)
Foto: EU-KommissionAllen Widrigkeiten zum Trotz gibt es in Europas Südosten aber durchaus Firmen, die wachsen und neue Märkte erobern. Schon vor der Krise haben sie erkannt, dass ein Heimatmarkt mit elf Millionen Einwohnern keine Sicherheit bietet und nach lukrativen Nischen im Ausland Ausschau gehalten. Ihren Unternehmen haben sie Namen wie Raycap, Coco-Mat und Intracom gegeben, die Kunden weltweit flüssig über die Lippen gehen und den Ursprung des Unternehmens nicht vorwegnehmen. Sie haben in Marketing investiert oder in Forschung und Entwicklung, andere heben sich durch ihren Kundendienst von der internationalen Konkurrenz ab.
Mit Ausdauer und Energie gegen feindliches Klima
Unternehmer, die in Griechenland überleben wollen, brauchen Ausdauer. Viel Energie geht beim Kampf gegen Bürokratie drauf. Kostas Apostolidis, Gründer des Blitzableiterherstellers Raycap, hatte jüngst Finanzbeamte in seinem Büro sitzen, die die Reisekosten als zu hoch bemängelten. Dass Raycap 88 Prozent des Umsatzes im Ausland erzielt, interessierte nicht. Mehr als zehn Prozent der Gesamtausgaben dürften Reisekosten nicht ausmachen, beharrten die Beamten.
Viele griechische Manager beklagen ein unternehmensfeindliches Klima unter Staatsbediensteten, aber auch in weiteren Teilen der Gesellschaft. Nach der Militärdiktatur habe sich in den Siebzigerjahren eine linke Gesinnung gehalten, die sich auch in der Krise nicht geändert habe. „Als Geschäftsmann ist man ein Feind“, beobachtet Kostas Maltezos, Geschäftsführer des Matratzenherstellers Coco-Mat. „Die Leute wollen nicht, dass du Geld verdienst.“
Edelliegeflächen für 1600 bis 7000 Euro aus Naturmaterial, clever vermarktet über Hotels: Der Geschäftsführer des Matratzenherstellers Coco-Mat, Kostas Maltezos, hat international Erfolg. Coco-Mat will eine der Luxusmatratzen an die Bundeskanzlerin übergeben: „Damit sie sieht, dass in Griechenland produziert wird.“
Foto: Nikos Pilos für WirtschaftsWoche
Trotz allen Ärgers über griechische Bürokratie weiß der Alleininhaber des Blitzableiterherstellers Raycap, Kostas Apostolidis, die Vorteile des Standorts zu schätzen: „Wenn ich meinen Leuten am 24. Dezember sage, dass sie bis Mitternacht arbeiten müssen, dann tun sie das ohne Murren.“ Die Kunden honorieren den Service.
Foto: Nikos Pilos für WirtschaftsWocheNoch gibt es zu wenige Firmen dieses Kalibers, und noch sind sie zu klein, um ausreichend Arbeitsplätze zu schaffen. Aber die folgenden Beispiele zeigen, was möglich ist, wenn Unternehmen die Stärken des Standorts nutzen. Das Gastgewerbe, aber auch Nahrungsmittelhersteller und die Naturkosmetikbranche etwa profitieren von der unverbrauchten Natur. Allen Unternehmen kommt das hohe Ausbildungsniveau zugute: Viele Griechen haben im Ausland studiert, kehren mit internationaler Erfahrung zurück in ihre Heimat. Mitarbeiter des US-Giganten General Electric etwa, die ihren Zulieferer Raycap auf Kinderarbeit überprüften, waren überrascht vom Know-how der Ingenieure.
Gleichzeitig sind griechische Unternehmen nicht fixiert auf Diplome und fördern ungewöhnliche Karrieren. So lässt Coco-Mat-Gründer Pavlos Evmorfidis, der sein Verkaufstalent erstmals bei einem Nebenjob in der Athener Altstadt Plaka trainierte, sein Unternehmen heute von einem ehemaligen Vertreter führen, der sein Berufsleben in einem Andenkenladen begann.
Das Geschäft mit Luxusliegeflächen
Der Reißverschluss war die Lösung. Ausländische Kunden würden einem griechischen Produkt misstrauen, befürchtete Evmorfidis, als er den Matratzenhersteller 1989 gründete. Folglich sollte jeder sehen können, woraus seine Ware im Inneren besteht: ausschließlich aus natürlichen Materialien wie Latex, Wolle und Kokosfasern.
„Als wir anfingen, haben sich alle über uns lustig gemacht“, erinnert sich Evmorfidis, ursprünglich Sportlehrer. In seinem Zweitjob als Verkäufer in einem Juwelierladen in Athens Altstadt hatte ein Kunde ihn gefragt, wo er Matratzen kaufen könnte. Evmorfidis entdeckte eine Marktlücke und recherchierte, wie die Menschen in Griechenland früher geschlafen hatten. Er stieß auf Sokrates, den griechischen Philosophen, der sich auf Seetang bettete. Also verarbeitet auch er Seetang in seinen Matratzen, die in der einfachsten Ausführung 1600 Euro kosten. Die Edelversion, ein vierlagiges Bett, kostet 7000 Euro. Es kommt ohne Besucherritze aus, bietet aber denselben Schlafkomfort wie getrennte Matratzen.
Einen Markt für die Luxusliegeflächen gibt es sichtlich. Allein in China eröffnete Coco-Mat 2011 fünf neue Geschäfte zusätzlich zu den vier bereits bestehenden. In den USA sollen in den kommenden drei Jahren 20 hinzukommen. Seit 2009 ist Coco-Mat in Hamburg mit einem Laden vertreten, in diesem Jahr wird Berlin folgen.
Mit rund 220 Mitarbeitern erzielte Coco-Mat 2011 einen Umsatz von 63 Millionen Euro. Produziert wird fast ausschließlich im nordgriechischen Xanthi. Eine Fabrik in China stellt Daunendecken und Bettwäsche her, die auch zum Sortiment gehören.
Keine Werbung nötig
Coco-Mat hebt sich durch sein Marketing von der internationalen Konkurrenz ab. Das Unternehmen macht kaum Werbung, sondern vermarktet seine Produkte stark über Hotels, die 30 Prozent Nachlass bekommen. Auslöser war das positive Echo im Hotel Sofitel am Flughafen Athen, wo Gäste nach einer gut gebetteten Nacht häufig nach den Matratzen fragten und sie sich bis nach Australien und Alaska liefern ließen. Mittlerweile schlafen Gäste in mehr als 1500 Hotels auf Matratzen von Coco-Mat.
Das Unternehmen gehört der Familie Evmorfidis und einem Geschäftspartner. Auf Banken ist es nicht angewiesen: „Wir verzichten bewusst auf Darlehen, was unsere Arbeit erheblich entspannt“, sagt Geschäftsführer Maltezos, an den der Firmengründer das Tagesgeschäft abgegeben hat.
Der drahtige Evmorfidis sprudelt allerdings immer noch vor Ideen, wie Coco-Mat verändert werden kann. Seinen Mitarbeitern zahlt er fünf Prozent mehr Gehalt, wenn sie aufhören zu rauchen. Wer mit dem Fahrrad ins Büro kommt, bekommt drei Prozent mehr. Im Sommer will er mit wechselnden Beifahrern und einem Anhänger von Athen nach Berlin radeln. Höchstpersönlich will er Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Matratze aus seiner Produktion liefern: „Damit sie sieht, dass wir Griechen auch produzieren können.“ Evmorfidis versteht etwas von Marketing.
Deutschland zählt gemeinsam mit Schweden und der Schweiz zu den aktuell wettbewerbsfähigsten Ländern Europas. Das ist das Urteil der befragten Top-Manager, die Deutschland in der Notenskala von 1 bis 4 - wobei 1 bedeutet "Das Land erfüllt im Großen und Ganzen schon heute die Anforderungen an einen Wirtschaftsstandort der Zukunft" und 4 "Das Land erfüllt diese Anforderung heute überhaupt nicht" - überwiegend mit der Bestnote auszeichneten.
Am unteren Ende der Skala finden sich Ungarn und Griechenland. Aber auch Italien und Spanien wird von den Befragten eine vergleichsweise schlechte Wettbewerbsfähigkeit bescheinigt. Großbritannien und Frankreich liegen mit einem Mittelwert von 2,1 im Mittelfeld, wobei die Beurteilung von UK in den MOEL deutlich schlechter ausfällt als in den übrigen Ländern. Frankreich bekommt nur von 18% die Bestnote 1 verglichen mit 68% für Deutschland. Eindrucksvoller kann die wirtschaftliche Asymmetrie zwischen den beiden führenden EU-Nationen nicht dargestellt werden.
Quelle: KREUTZER FISCHER & PARTNER | Marktanalyse
Foto: WirtschaftsWocheDie europäischen Top-Manager glauben an Europa als dauerhaft wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort. 47% gehen von einer künftig gleich bleibenden Bedeutung aus, 24% erwarten sogar einen Bedeutungsgewinn. Nur
28% der Befragten rechnen in Zukunft mit einem Bedeutungsverlust. Diese grundsätzlich positive Perspektive ist in den MOEL (mittel- und osteuropäische Länder) tendenziell stärker ausgeprägt als in den anderen EU-Ländern.
Möglicherweise schlagen dort in die Beurteilung die angespannte Finanzlage (Italien) oder der spürbar wachsende Konkurrenzdruck (Frankreich, UK) durch.
Quelle: KREUTZER FISCHER & PARTNER | Marktanalyse
Foto: WirtschaftsWocheNach Meinung der Top-Manager kommt in den nächsten Jahren der stärkste Konkurrenzdruck eindeutig aus Asien, allen voran aus China. 82% der Befragten erwarten, dass Europa in Zukunft stärker mit China in Konkurrenz steht, 60% antworten mit viel stärker. Auch aus Indien (75%) und dem Südostasiatischen Raum (70%) wird mit mehr Konkurrenzdruck gerechnet.
Neben Asien erwartet man auch aus Brasilien mehr Konkurrenz (67%). Etwas differenzierter ist die Beurteilung von Russland und der Türkei. Immerhin ein Fünftel der Befragten geht bei beiden Ländern von einem rückläufigen
Konkurrenzdruck aus. Die USA ist hingegen bereits außen vor. Die Antworten „stärker“ und „weniger stark“ halten sich die Waage.
Quelle: KREUTZER FISCHER & PARTNER | Marktanalyse
Foto: WirtschaftsWocheWie zu erwarten, finden sich auch die Benchmark-Länder/Regionen hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit in Asien. Insgesamt fallen 60% der Nennungen auf asiatische Länder, Regionen oder den Kontinent im Allgemeinen.
Mit 35% wird kein Land öfter genannt als China. Bei der Beurteilung sind offensichtlich Marktgröße und -potential von entscheidender Bedeutung.
Bereits an zweiter Stelle liegt jedoch Europa mit 31% der Nennungen, weit vor den USA/Nordamerika (8%) oder Brasilien/Südamerika (7%). Der alte Kontinent steht in den Augen der europäischen Top-Manager gegenüber den USA verdammt fit da. Insbesondere Westeuropa bekommt mit 13% überraschend viele Nennungen als Wirtschaftsstandort-Benchmark.
Quelle: KREUTZER FISCHER & PARTNER | Marktanalyse
Foto: WirtschaftsWocheDem Ausbau der leitungsgebundenen Infrastruktur sowie der Ausbildung und Rekrutierung von Facharbeitern räumen die Top-Manager in Zukunft die höchste Priorität ein. Dies seien - so die Befragten - die ausschlaggebenden Faktoren, ob ein Wirtschaftsstandort wettbewerbfähig ist. Das Personalthema ist insbesondere in den MOEL-Ländern besonders stark ausgeprägt.
Ebenfalls deutlich an Bedeutung gewinnen werden Förderungen für F&E und die Aufrechterhaltung der Umweltstandards. Offensichtlich befürchten die Befragten zunehmenden Druck auf dzt. Richtwerte und antizipieren
verstärkte Anstrengungen, um diese zu verteidigen.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Staatsschuldenkrise und den politischen Umwälzungen in einigen EU-Mitgliedsländern, rücken auch „Politische Stabilität“ und „Ausgeglichene Staatshaushalte“ stärker als früher in den Fokus.
Quelle: KREUTZER FISCHER & PARTNER | Marktanalyse
Foto: WirtschaftsWocheÜberraschend wenig Handlungsbedarf sieht man hingegen bei den Wohlstandsfaktoren „Sozialer Ausgleich“ und „Lebensqualität“ sowie bei Steuern & Kosten. Grund dafür ist wohl, dass beim Wohlstand ein hohes und bei Steuern & Kosten bereits ein niedriges Niveau erreicht wurde und ein weiteres Nachschärfen aus Sicht der Top-Manager nicht notwendig ist.
Quelle: KREUTZER FISCHER & PARTNER | Marktanalyse
Foto: WirtschaftsWocheDie Portfolio-Darstellung zeigt nochmals deutlich, wo aus Sicht der europäischen Top-Manager die Prioritäten hinsichtlich der Standortfaktoren liegen:
+ Leistungsfähige Energienetze
+ Gut ausgebildete Arbeitskräfte
+ Ausreichendes Potential an
Facharbeitern
+ Gut ausgebaute Daten- & Kommunikationsnetze
+ Hoher allg. Bildungsstandard in
der Bevölkerung
+ Förderungen für Forschung &
Entwicklung
+ Hohe Umweltstandards
+ Politische Stabilität
+ Ausgeglichener Staatshaushalt
Quelle: KREUTZER FISCHER & PARTNER | Marktanalyse
Foto: WirtschaftsWoche
In den Neunzigerjahren schlitterte der Pharmahersteller Pharmathen in die Krise, weil der Staat die beiden umsatzstärksten Produkte von der Liste der ersatzfähigen Medikamente strich. „Wir konnten nur überleben, wenn wir das Unternehmen internationalisieren“, sagt Geschäftsführer Vassilios Katsos. Davon profitiert Pharmathen heute.
Foto: Nikos Pilos für WirtschaftsWocheMitten in der Euro-Krise, vor sechs Monaten, eröffnete Raycap ein Vertriebsbüro in München mit zwei Mitarbeitern. Als mutig empfindet das Gründer Kostas Apostolidis nicht. Die Deutschen seien angenehme Kunden: „Sie sind rational, sie schauen sich Produkt und Service genau an.“
Die Amerikaner hat Apostolidis von der Qualität seiner Blitzableiter schon überzeugt. 60 Prozent seines Umsatzes von gut 50 Millionen Euro hat er 2011 in den USA erwirtschaftet. Seit Raycap sich gegen 50 Mitbewerber durchsetzte und in einem Großauftrag der Flugsicherheitsbehörde alle Radargeräte an US-Flughäfen mit seinen Blitzableitern ausstattete, ist die Firma in den USA bekannt. General Electric, bekannt für eine extrem niedrige Fehlertoleranz, gehört zu den Abnehmern.
2009 kaufte Apostolidis eine Produktionsstätte in den USA, um nah an seinen wichtigsten Kunden zu sein. Mittlerweile weiß er die Flexibilität seiner 250 Mitarbeiter im Stammwerk im nordgriechischen Drama noch mehr zu schätzen. „Wenn ich ihnen am 24. Dezember ankündige, dass sie bis Mitternacht arbeiten müssen, dann tun sie das ohne Murren.“ US-Mitarbeiter sagten dagegen schon einmal achselzuckend, es sei nicht ihr Problem, wenn ein Kunde eine Bestellung spät aufgebe.
Apostolidis könnte seine Geschäfte von überall aus machen. In seinem Büro mit den zwei großen Glasfronten erinnert nur der Blick auf das Olympiastadion von 2004, dass es sich im Athener Vorort Maroussi befindet. Aber vor allem die Einstellung seiner Mitarbeiter lässt ihm am Standort Griechenland festhalten: „Ich will, dass unsere Kunden Geld verdienen, und das verstehen meine Mitarbeiter.“ Soll heißen: Sind die Anlagen der Kunden vor Blitzschlägen geschützt, droht kein Produktionsausfall. Abnehmer sind unter anderem auch Hersteller von Windturbinen.
„Zu fett, zu salzig, in Summe hochgradig ungesund“, Unternehmenserbe Zafeiris Trikalinos war entsetzt, als er zufällig auf eine Gesundheitswarnung zu Bottarga stieß. Gemeinsam mit Wissenschaftlern arbeitete er an der Delikatesse aus getrocknetem Fischrogen, den seine Vorfahren seit 1856 herstellen. Ausnahmekoch Ferran Adrià hält das verfeinerte Produkt von Trikalinos zu 147 Euro das Kilo für den besten Bottarga der Welt.
Foto: Nikos Pilos für WirtschaftsWocheStark wachsender Markt
Dank der Flexibilität seiner Leute kann Apostolidis Ware in drei Tagen liefern. Der alleiniger Firmeninhaber mit Harvard-MBA führt seinen hohen Anspruch auf seine Ausbildung als Bergbauingenieur zurück. „Ich weiß, wie wichtig es ist, dass man sich auf andere verlassen kann.“
Raycap agiert in einem stark wachsenden Markt, denn konventionelle Blitzableiter, die die Spannung in den Boden leiten, reichen heutzutage nicht mehr aus, um empfindliche Geräte zu schützen. Die Griechen profitieren vom Ausbau erneuerbarer Energien, Windturbinen- und Solarhersteller zählen zu ihren Kunden.
„Unser einziges Wachstumshemmnis ist der Mangel an Nachwuchs“, sagt Raycap-Vize Kostas Samaras. Er sucht Ingenieure, um das 35-köpfige Team am Hauptsitz auszubauen. Gerade hat er eine Dänin eingestellt, 2011 einen französischen Absolventen von der Pariser Kaderschmiede Insead. Von einem deutschen Insead-Absolventen kam in diesem Jahr eine sehr höfliche Absage. Der Job sei viel versprechend, aber ein Leben in Griechenland konnte sich der Kandidat dann doch nicht vorstellen.
Sinkendes BIP, steigende Exporte
Das griechische Bruttoinlandprodukt sank 2011 laut Internationalem Währungsfonds zum dritten Jahr in Folge – und jedes Mal wird der Rückgang größer. 2009 sank die Wirtschaftsleistung erstmals um 2,34 Prozent, vergangenes Jahr waren es schon fünf Prozent. Insgesamt trägt die Industrie nur ein Zehntel zur Wirtschaftsleistung bei.
Immerhin steigen die Exporte. Lag das Saldo der griechischen Handelsbilanz laut der Welthandelsorganisation vor vier Jahren noch bei -66,2 Milliarden US-Dollar, waren es 2010 nur noch -41,76 Milliarden.
Nun veröffentlichte das griechische Statistikamt, das vergangenes Jahr die Exporte um 9,4 Prozent gestiegen seien – ausgelassen haben die Statistiker dabei Mineralölprodukte und Schiffe.
Doch was macht die griechische Industrie eigentlich aus? WirtschaftsWoche Online wirft anhand von kürzlich veröffentlichten Zahlen des Deutschen Instituts für Weltwirtschaft (DIW) einen Blick auf die zehn größten verarbeitenden Gewerbe Griechenlands.
Foto: dpa10. Maschinen
Maschinen haben für die griechische Produktion nicht die gleiche Bedeutung, wie in Deutschland. Sie liegen laut DIW lediglich an zehnter Stelle der griechischen Industrien. Ihr Anteil macht gerade mal zwei Prozent an der Bruttowertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe aus. In der gesamten Europäischen Union beträgt der Anteil 10,9 Prozent.
2010 betrugen die Exporte griechischer Maschinen 1,9 Millionen Euro, gleichzeitig wurden Maschinen im Wert von 11,5 Millionen Euro importiert. Das macht ein Saldo von -9,6 Millionen Euro.
Das Bild zeigt einen BMW auf der Automesse in Athen.
Foto: AP9. Elektrische Ausrüstungen
Elektrische Ausrüstungen liegen für die griechische Industrie an neunter Stelle. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes in Griechenland macht 2,5 Prozent aus – in der EU sind es insgesamt 5,4 Prozent.
Foto: dpa8. Chemie
4,3 Prozent der griechischen Produktion sind chemische Erzeugnisse – ausgenommen ist dabei Mineralöl. In der EU beträgt der Produktionsanteil chemischer Waren generell 6,9 Prozent.
Die griechischen Chemie-Ausfuhren sind 2010 laut DIW auf 2,4 Milliarden Euro gestiegen. 2009 waren es noch 2,1 Milliarden Euro. Das Handelsbilanzsaldo chemischer Erzeugnisse aus Griechenland sank somit auf -4,9 Milliarden.
Foto: dapd7. Textilien und Lederwaren
Bei Stoffen, Leder und Bekleidung ist der Anteil an der griechischen Produktion größer als in der Gesamt-EU. Sie stellen 4,7 Prozent der Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes, der Anteil ist generell in der EU nur 4,1 Prozent.
Foto: dpa6. Medizin
Der einzige griechische High-Tech-Zweig, der international mithalten kann, ist die griechische Pharmaindustrie, die sich hauptsächlich rund um Athen befindet und auf Generika spezialisiert ist. Pharmazeutika stellen 5,6 Prozent an der griechischen Produktion, in der EU sind es insgesamt nur 4,6 Prozent.
Foto: dpa5. Gummi- und Kunststoffwaren, Glas, Keramik, Steine und Erden
Acht Prozent am verarbeitenden Gewerbe in Griechenland macht die Produktgruppe rund um Gummi-, Glas- und Steinprodukte aus. In der EU sind es allgemein neun Prozent.
Foto: dpa/dpaweb4. Holz, Papier und Druckerzeugnisse
Bei Waren aus Holz liegt Griechenland vorm EU-Durchschnitt. Während diese Erzeugnisse 10,3 Prozent an der griechischen Produktion ausmachen, sind es in der Gesamt-EU 7,3 Prozent.
Foto: gms3. Mineralöl
Eine griechische Stärke ist das Mineralöl. Sein Anteil beträgt 10,5 Prozent an der Bruttowertschöpfung der griechischen Produktion, allgemein sind es in der EU gerade mal 1,2 Prozent.
Mit Öl können die Griechen auch im Ausland Geld verdienen. 1,8 Milliarden Euro waren es 2010 – das sind 446 Millionen mehr als im Vorjahr. Importiert wird trotzdem mehr: 11,5 Milliarden Euro an Mineralöl haben die Griechen 2010 aus dem Ausland gekauft.
Das Unternehmen mit dem höchsten Umsatz in Griechenland ist Hellenic Petroleum mit 8,9 Milliarden Euro. Diese Zahl ist jedoch kein Vergleich zum umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands. Das ist der 159 Milliarden Euro starke Volkswagen-Konzern.
Foto: REUTERS2. Metall
Am Ende des Balkans gelegen, besitzt Griechenland mit knapp 78 Prozent einen hohen Gebirgsanteil. Und darin verbergen sich einige Rohstoffe, vor allem Bauxit, aus denen die Hellenen Profit schlagen können. 12,5 Prozent an der Bruttowertschöpfung der griechischen Industrie machen Metalle aus. Metalle machen. Trotz der Bodenschätze liegt dieser Wert hinter dem EU-Durchschnitt von 14,2 Prozent.
1,2 Milliarden Euro an Grundstoffen, wie Stahl und Aluminium, verklauften die Griechen 2010 ins Ausland – ein Jahr zuvor waren es 224 Millionen Euro weniger. Im Gegenzug führte Griechenland Vorprodukte im Wert 1,4 Milliarden Euro ein. Das führt auch zu einem Minus in der Handelsbilanz, aber mit -184 Millionen Euro, ist es deutlich niedriger als bei den anderen Branchen.
Foto: dpa1. Nahrungsmittel, Getränke und Tabak
Ouzo, Feta-Käse und Olivenöl – dafür ist Griechenland bekannt. Und tatsächlich machen Nahrungsmittel, Getränke und Tabak ein Drittel der griechischen Industrie aus. In der EU sind es insgesamt nur 13,7 Prozent.
Keine Produkte werden von den Griechen dermaßen exportiert, wie Lebensmittel. 2010 betrug ihr Ausfuhr-Wert rund 3,6 Milliarden Euro, gleichzeitig wurden jedoch auch 5,5 Milliarden Euro an Nahrungsmitteln eingeführt.
Das größte Unternehmen Griechenlands nach Börsenwert ist passenderweise auch die nationale Coca-Cola-Niederlassung mit 5,3 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Das Unternehmen mit dem größten Börsenwert in Deutschland ist Siemens mit 68,25 Milliarden Euro.
Foto: gms
Heute weiß Vassilios Katsos, dass die Krise seines Unternehmens in den Neunzigerjahren ein Segen war. 1997 strich die griechische Regierung ohne Vorwarnung die beiden bestverkauften Produkte des Herstellers Pharmathen von der Liste der erstattungsfähigen Medikamente. Der Umsatz brach ein. „Mir war klar, dass das Unternehmen nur überleben konnte, wenn wir uns internationalisieren“, sagt CEO Katsos, damals 24. Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters hatte er das Unternehmen im Alter von 20 Jahren übernommen und führte anfangs die Geschäfte parallel zu seinem Pharmaziestudium. „Ich hätte ein Lieferant für einen großen Konzern werden können“, sagt Katsos. „Aber das wäre so, als ob ich Olivenöl in Containern verkaufe und den Gewinn anderen überlasse.“ Also setzte er auf Forschung und Entwicklung (F&E), um neue Märkte zu erobern – damit waren größere griechische Pharmahersteller gescheitert. „Die Banken haben uns ausgelacht, als wir nach Deutschland, Großbritannien und Frankreich exportieren wollten“, erinnert sich Katsos.
2002 gelang Pharmathen mit dem Anti-Pilz-Präparat Fluconazole der Durchbruch. Der Fokus auf F&E ist geblieben: 20 Millionen Euro investierte das Unternehmen 2011 bei einem Umsatz von 145 Millionen Euro. Das macht Pharmathen, das aktuell 35 Patente hält, zu einer der forschungsintensivsten Firmen in der EU.
Nächstes Ziel: China
Bis 2016 will Katsos, der in Athen eine amerikanische Schule besuchte, seinen Umsatz verdreifachen. Große Hoffnungen setzt er auf einen Durchbruch bei Injektionen, die das Medikament im Körper quasi deponieren. Patienten müssten dann nur noch einmal die Woche statt täglich eine Spritze bekommen. Das Produkt soll Ende 2013 auf den Markt kommen.
Pharmathen liefert in 85 Länder und ist auf dem Sprung nach China. 2008 erwarb das Unternehmen ein Forschungsinstitut für Arzneimittelwirkstoffe in Indien, das die Produktionskette vervollständigt und den Vertrieb vor Ort erleichtert.
In jüngster Zeit sieht Katsos sogar Chancen in Griechenland, wo er nur 20 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet. Bisher liegt der Marktanteil von Generika, die für Pharmathen wichtig sind, bei 15 Prozent, ein extrem niedriger Wert im internationalen Vergleich. Die Regierung hat ihr Budget für Gesundheit zusammengestrichen und will den Marktanteil von Generika schon 2013 auf 50 Prozent steigern. Pharmathen verspricht sich ein großes Geschäft.
Noch gehört das Unternehmen mit seinen mehr als 800 Mitarbeitern zu den wenigen, denen griechische Banken Kredit gewähren. Für künftige Investitionen will sich Katsos, der Pharmathen gemeinsam mit seiner Schwester Nellie besitzt, aber an ausländische Banken wenden: „Der griechische Sektor ist völlig ausgetrocknet.“
Trikalinos: Mehrwert bei Lebensmitteln
Ein Firmenschild fehlt, stattdessen weist ein handgeschriebener Zettel auf den Eingang um die Ecke hin. Ein verwinkeltes Treppenhaus führt in das niedrige Büro von Inhaber Zafeiris Trikalinos im ersten Stock. Von Luxus ist beim Familienbetrieb Trikalinos im Athener Wohnviertel Daphne wenig zu spüren. Dabei stellt das Unternehmen eine Delikatesse aus Fischrogen her, für die Feinschmecker tief ins Portemonnaie greifen. Rund 147 Euro kostet das Kilo Bottarga, ein getrockneter Fischrogen, von dem der spanische Spitzenkoch Ferran Adrià sagt, es handele sich um das beste Produkt seiner Art weltweit.
Dem 54-jährigen Trikalinos gelang es, eine Spezialität zu verfeinern, die in Italien, Frankreich und Griechenland Tradition hat und sich bis zu den alten Ägyptern zurückverfolgen lässt. Schon sie machten Fischrogen durch Mumifizierung haltbar. Dass Trikalinos ein Produkt abwandelte, das seine Vorfahren seit 1856 fast unverändert herstellten, lag an einem Warnhinweis. Zu fett, zu salzig und somit gesundheitsgefährdend, hieß es über die lachsfarbigen Eier der Meeräsche auf einem Faltblatt, das er in einem Krankenhaus fand. Trikalinos arbeitete mit griechischen Universitäten zusammen, reduzierte den Salzgehalt auf unter ein Prozent und erhöhte die Feuchtigkeit. Das verbesserte nicht nur den Geschmack des Bottarga. Heute attestieren Wissenschaftler Trikalinos, dass sein Produkt sogar Cholesterin senken kann.
Noch bedient Trikalinos vor allem den griechischen Markt. 70 Prozent seines Umsatzes von knapp 10 Millionen Euro erwirtschaftete er 2011 dort. Doch der Export wächst rasant, seit er 2006 sein erneuertes Produkt erstmals im Ausland anbot. Japan, China und Taiwan beliefert Trikalinos bereits, Russland will er 2013 erschließen.
Im Gegensatz zum Gros der griechischen Lebensmittelhersteller hat Trikalinos verstanden, dass er ein hochwertiges Produkt nur für viel Geld verkaufen kann, wenn das Design stimmt. 2008 entwickelte Marketingchefin Lila Kourti eine edle mattschwarze Verpackung, die den internationalen Designpreis Pentawards gewann. Eine wichtige Zielgruppe ist für die gelernte Köchin Kourti die Spitzengastronomie, die sie auf Messen anspricht. „Wir Griechen haben lange gebraucht, um zu verstehen, was Marketing ist“, sagt Kourti und schätzt den Rückstand zu Italien auf 15 Jahre. „Die Arbeit, die wir heute investieren, wird wahrscheinlich erst in 30 Jahren ihren vollen Effekt zeigen.“
Was Trikalinos bei Bottarga geschafft hat, das will Giorgos Kolliopoulos bei einem der wichtigsten Agrarprodukte Griechenlands wiederholen: bei Olivenöl. 60 Prozent ihrer Produktion exportieren griechische Hersteller bisher zu einem Spottpreis von 1,80 Euro pro Liter nach Italien, wo es abgepackt wird. Der ehemalige Werber Kolliopoulos füllt hochwertiges Öl unter dem Namen Lambda in elegante Halbliterflaschen, die bei Harrods in London 50 Pfund kosten. In limitierter Auflage hat er eine Edition für 11 000 Euro die Flasche aufgelegt, die er nach Saudi-Arabien verkauft. Sein Vorbild ist Champagner. „Marketing wurde in Griechenland bisher als Betrug empfunden“, sagt Kolliopoulos. „Dabei ist es ein Verbrechen, hochwertige Produkte zu verschleudern.“
Frisches Design
Vor einem Jahr kam Dimitris Vidakis von Coca-Cola Hellenic als CEO zum Naturkosmetikhersteller Korres. Als große Umstellung empfand er das nicht. „Korres ist auf dem Weg, eine globale Marke zu werden“, sagt er selbstbewusst. Cremes, Shampoos und Duschgels exportiert Korres in mehr als 30 Länder. In Deutschland betreibt Korres eigene Geschäfte in Frankfurt, München und Kassel und vertreibt seine Ware über die Parfümeriekette Douglas und den Drogeriemarkt Müller.
Das frische Design und der Rückgriff auf Hausrezepte sprechen die Kundschaft weltweit an. Die Korres-After-Sun-Lotion etwa enthält Joghurt, weil in Griechenland Sonnenbrand traditionell mit Joghurt behandelt wurde. 1200 Kräuter wachsen nur hier, betont man bei Korres. Der Reichtum der Natur lässt sich gut vermarkten. Noch erzielt Korres 65 Prozent seines Umsatzes von 43 Millionen Euro im Heimatmarkt, doch in den kommenden fünf Jahren möchte Vidakis den Anteil auf 35 Prozent zurückfahren.
Es begann mit einem Zufall
Firmengründer Giorgos Korres, der die elterliche Apotheke übernommen hatte, war ohne weltweite Ambitionen in die Welt der Kosmetik gestartet. Der Export begann mit einem Zufall: Der jetzige US-Importeur hatte die Produkte beim Kreta-Urlaub entdeckt. Eine Einkäuferin des Londoner Edelkaufhauses Harvey Nichols wiederum stieß in New York auf Korres und begann den Import nach Großbritannien. In den USA wird demnächst der Kosmetik- und Pharmagigant Johnson & Johnson in Lizenz die Produktion von Korres übernehmen. Auch das schmälert den Mythos der Marke, hilft allerdings dem Aktienkurs.
Die besseren Produkte als Korres glaubt Apivita zu produzieren, ein Naturkosmetikunternehmen, das ebenfalls aus einer Apotheke entstand. Wie Korres im Athener Stadtteil Metamorphosis angesiedelt, tüfteln die 160 Mitarbeiter von Nikos Koutsianas an Produkten, die neben griechischen Kräutern Pollen oder Gelee Royal enthalten. Die Marke beruft sich auf Hippokrates, der davon ausging, dass die Natur Heilmittel für alle Leiden bereitstelle.
Dieses ganzheitliche Konzept kommt vor allem in Asien gut an. Fünf Tage nach dem Tsunami eröffnete Apivita 2011 einen Laden in Japan, in diesem Jahr werden weitere fünf folgen. „Wir versprechen nur das, was wir halten können“, sagt Inhaber Koutsianas. „Wir behaupten nicht, Cellulite beseitigen zu können.“ Bis 2017 will das Unternehmen 80 Prozent seines Umsatzes von rund 30 Millionen Euro im Ausland erzielen, noch liegt der Exportanteil bei nur 20 Prozent.
Das Leben von Firmengründer Sokratis Kokkalis als schillernd zu bezeichnen ist eine Untertreibung. Als Kind zog er nach Ostberlin. Kokkalis studierte Physik, soll für die Stasi gearbeitet haben, war in dubiose Deals mit der DDR-Regierung verwickelt und in den Siemens-Skandal in Griechenland. Seine unternehmerische Leistung steht allerdings außer Frage. Der heute 72-Jährige gründete mit Intracom eines der größten Technikunternehmen Südosteuropas.
Zur der Holding, die an der Athener Börse notiert ist, gehören Intrasoft International, ein Softwarehersteller, der europäische EU-Institutionen beliefert. Intracom Telecom, die zu 51 Prozent der russischen Sitronics gehört, produziert Telekomsoftware. Intracom Defense Electronics baut Komponenten für Rüstungsgüter, unter anderem für amerikanische Patriot-Raketen und deutsche Leopard-Panzer.
Seine politischen Kontakte mögen Milliardär Kokkalis in der Anfangszeit geholfen haben, heute beklagt das Management, dass der Staat einen Technologiekonzern wie Intracom wenig unterstützt habe.
Keine Unterstützung
„Deutsche Telekomanbieter haben traditionell bei deutschen Unternehmen gekauft und so deren nationales Wachstum ermöglicht“, sagt Intracom-Telecom-Chef Alexandros Manos. „Griechische Unternehmen haben leider keine vergleichbare stetige Unterstützung bekommen.“ Auch bei Intracom Defense beklagt CEO Georgios Troullinos, dass der Staat als Abnehmer ausfiel: „Mit jedem neuen Minister kam eine neue Strategie.“
Daher ist Intrasoft erst seit Kurzem mit dem Staat im Geschäft. Das Unternehmen mit Sitz in Luxemburg hat der griechischen Regierung Software verkauft, mit der sie Betrug in der Sozialversicherung auf die Spur kommt. Da die EU auf eine Verwaltungsreform in Griechenland drängt, erhofft sich Intrasoft weitere Aufträge.
Fähig zu Höchstleisutngen
Zähe Ausschreibungsprozeduren haben öffentliche Aufträge für Intrasoft bisher wenig attraktiv gemacht. „In Griechenland dauern Ausschreibungen ewig, und jeder Mitbewerber kann Einspruch einlegen und Verzögerungen auslösen“, beklagt Intrasoft-Chef Kotsis. „Für Unternehmen ist so etwas tödlich.“
Die Intracom-Töchter haben überlebt, weil sie sich auf das Ausland konzentriert haben. Dem Unternehmen hilft, dass Ingenieure in Griechenland niedrigere Gehälter bekommen als in Nordeuropa. Intracom Telecom lässt in Rumänien fertigen, auch das senkt die Kosten. Manos: „Wenn man uns lässt, dann sind wir Griechen zu Höchstleistungen fähig.“