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Schuldenkrise Spanien steuert in eine Zwei-Klassengesellschaft

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In der Wirtschaft herrscht zu viel Korruption


Auf der einen Seite gibt es solche, die sich wünschten, dass Angie in Spanien das Regiment übernimmt, damit energisch und effizient gegen die enorme politische Korruption im Land angekämpft und der enorme Reichtum des Landes besser verteilt wird. Auf der anderen Seite haben viele wie Bermejo die Nase voll von der “deutschen Bevormundung.” Viele sahen in der Bankenrettung nur eine Begleichung eines Großteils der 140 Milliarden Euro Schulden, die Spanien im Jahr 2007 bei deutschen Finanzinstituten hatte.

Europas Krisenländer im Reformcheck
GRIECHENLANDWirtschaft: Die griechische Wirtschaft steckt in einer dramatischen Rezession. 2011 schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 6,8 Prozent. Für 2012 erwartet die EU-Kommission einen Rückgang von 4,7 Prozent. Die griechische Regierung hatte zuletzt einen Rückgang von 2,8 Prozent vorhergesagt. Das Bild zeigt den griechischen Container-Hafen in Piräus. Quelle: dpa
Haushalt: Trotz drastischer Sparanstrengungen lag das griechische Haushaltsdefizit 2011 bei 10,6 Prozent der Wirtschaftsleistung. Für dieses Jahr erwartet die Regierung ein Defizit von 6,7 Prozent.  Quelle: dpa
Ausblick: Wie es in dem Krisenland weiter geht, ist unklar. Die Wähler haben den Sparkurs der beiden etablierten Parteien Nea Demokratia und Pasok abgestraft. Gewinner der Wahlen sind extreme rechte und linke Parteien. Ob diese jedoch eine Regierung bilden können, ist fraglich. An die vereinbarten Sparziele jedenfalls wollen sich die meisten Politiker nicht mehr halten. Quelle: dapd
PORTUGALWirtschaft: Im zweiten Land, das unter dem Schutz des Euro Rettungsschirms steht, geht es steil bergab. 2011 schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 1,6 Prozent - für dieses Jahr prognostiziert die portugiesische Regierung einen Rückgang von 3,3 Prozent. Hoffnung setzt die EU auf 2013: Dann soll die Wirtschaft in Portugal wieder um 0,3 Prozent wachsen. Quelle: dpa
Haushalt: Im Gegensatz zu anderen Euro-Krisenländern hat Portugal seine Sparauflagen für 2011 sogar übererfüllt. Das Haushaltsdefizit lag 2011 bei etwa 4,5 Prozent – und damit unter der mit dem IWF vereinbarten Zielmarke von 5,9 Prozent Quelle: dpa
Ausblick: Was die Sparziele betrifft, liegt Portugal im Zeitplan. Allerdings kann die schwache Wirtschaftsentwicklung das schnell wieder ändern. Ein weiteres Problem ist die Refinanzierung des Staates. Das bisherige Hilfspaket sieht vor, dass sich Portugal ab 2013 wieder selbst 10 Milliarden Euro am Kapitalmarkt beschaffen muss. Experten halten dies für unrealistisch. Sie gehen davon aus, dass ein neues Hilfspaket nötig ist.    Quelle: Reuters
SPANIENWirtschaft: 2011 erzielte Spanien noch ein Mini-Wachstum von 0,7 Prozent. Nach wie vor hat die Wirtschaft das Platzen der Immobilienblase nicht verdaut. Für dieses Jahr erwartet die EU-Kommission einen Rückgang um 1,8 Prozent, im kommenden Jahr soll die Wirtschaft um 0,3 Prozent schrumpfen. Quelle: Reuters


Einig sind sich spanische Angie-Fans und Hasser jedoch in einem: Seit 2012, dem letzten Besuch von Angela Merkel in Spanien, hat sich wenig zum Besseren in ihrem Land gewendet. “Alles, was gemacht wurde, ist Marketing. Heute gibt es eine Millionen mehr Arbeitslose. Die Schulden sind höher und viele Menschen sind wesentlich ärmer. Wir leben ganz klar in einem Spanien der zwei Geschwindigkeiten, in dem die oben den Eindruck haben, es geht besser und wir unten, dass es uns wesentlich schlechter geht als in 2012”, sagt der Madrider IT-Unternehmer Juan Vila, “Die aufgedrängte Sparpolitik a la Merkel wurde auf die Kleinen umgewälzt, die haben die Fehler der Banken und Politiker bezahlt, nicht aber die eigentlich Verantwortlichen.” Die Folgen: Seit 2008 wuchs die Armut in der Bevölkerung nach einer Studie des valencianischen Forschungsinstituts IVIE von knapp 18 auf rund 23 Prozent.
Ex IWF-Chef und Wirtschaftsminister Rodrigo Rato wurde jedoch trotz klarer Unregelmäßigkeiten bei der ehemaligen Madrider Sparkasse Bankia nicht zur Verantwortung gezogen, auch nicht sein Vorgänger Miguel Blesa und die vielen anderen Sparkassenchefs und Politiker. Das hat die sozialen Schichten auseinander getrieben und den Unmut der Spanier gegen die politische Klasse enorm gesteigert. “Damit wurde nicht nur ein Europa der 2 Geschwindigkeiten gefördert, von dem Deutschland profitiert und unter dem Spaniens Bevölkerung eher leidet, sondern auch eine zunehmende soziale Ungerechtigkeit im eigenen Land. Die Regierung befasst sich jedoch derweil lieber mit vielen Dingen, die nicht wichtig sind und redet ständig um den heißen Brei herum”, regt sich der in Madrid arbeitende deutsche Manager Richard Wolf auf.
Nach rund 15 Jahren in Spanien ist der Bonner vor allem darüber frustriert, dass immer noch soviel Korruption in der Wirtschaft vorherrscht. Bestätigt werden seine Erfahrungen auch durch einen Bericht der Weltbank, nach dem sich Spanien im Ranking der Länder mit den besten Unternehmenspraktiken auf Platz 62 neben Ländern wie der Mongolei, Weißrussland oder Kolumbien befindet.

Die spanische Arbeitsmarktreform

Während sich für die Reichen des Landes, die in der La Moraleja in Madrid täglich in schicken Restaurants sitzen oder in Ciudalcampo schon am Vormittag Golf spielen, nicht viel geändert hat, wurde das Leben für viele Spanier in den vergangenen Jahren dagegen komplett umgekrempelt: “Das soziale Modell hat sich enorm verändert. Kaum jemand kauft noch Häuser, man mietet und feste Arbeitsverträge werden immer seltener. Das hat die Unsicherheit in der Gesellschaft gesteigert”, sagt Rafael Pampillón, Wirtschaftsdozent an der IE Businessschule in Madrid.

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