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Schuldenkrise Ist die Euro-Krise eine große Verschwörung?

Jürgen Roth wittert einen Putsch. Der Enthüllungsjournalist und Buchautor sagt, eine neoliberale Elite aus Politik und Wirtschaft habe die Euro-Krise genutzt, um den Sozialstaat zu erledigen. Die Putschisten hätten tausende Leben auf dem Gewissen.

Jürgen Roth Quelle: Privat

Herr Roth, Sie behaupten in Ihrem Buch, die Euro-Krise sei willkürlich herbeigeführt worden, damit die Polit- und Wirtschaftselite im Anschluss den Sozialstaat vernichten kann. Sind Sie ein Verschwörungstheoretiker?

Nein, das ist keine Verschwörungstheorie. Ich beziehe mich durchweg auf Fakten, auf Gespräche, die ich in Griechenland und Portugal mit Ökonomen, Gewerkschaftsführern und politischen Analytikern geführt habe und vor allem aber auch auf Grundprinzipien, die Europa ausmachen. Wir haben eine Europäische Sozialcharta, ein verbindliches Abkommen, das der Bevölkerung umfassende soziale Rechte garantiert. Sie ist vorbildlich. Sie scheint in Zeiten der Euro-Krise nicht mehr gültig zu sein. Eine kleine Elite, die kein Interesse an einer starken Arbeitnehmerschaft hat, konnte sich hingegen mit ihrer neoliberalen Politik durchsetzen. In den letzten Jahren haben Politik und Wirtschaft mit ihrer Sparpolitik und gegen den Willen der Mehrheit der Bürger für einen wirtschaftlichen Systemwechsel gesorgt. Für mich ist das ein klassischer Putsch. Daher auch der Buchtitel.

Zur Person

Wer sind diese Putschisten konkret?

Mehrere Akteure ziehen an einem Strang. Zunächst mal unter anderem ein ziemlich undurchsichtiger Bund von hochkarätigen Unternehmern, Medienrepräsentanten und Bankern, der Schweizer „Entrepreneurs‘ Roundtable“, in dem auch deutsche Konzernlenker und Banker sitzen. Sie sind Einflüsterer der Politik. Dann gibt es neoliberaler Politiker, etwa die portugiesischen Politiker Perdro Passos Coelho (Ministerpräsident), José Manuel Barroso (EU-Kommissionspräsident) und Eduardo Cotroga (Ex-Finanzminister). Sie wollten Portugal bereits vor der Krise um- und den Sozialstaat abbauen. Aber die Mehrheit war gegen sie. In der Euro-Krise bekamen die Politiker dann Schützenhilfe der Troika – also dem Zusammenschluss von IWF, EZB und EU-Kommission. Jene Gruppe, die den Nationalstaaten Sparmaßnahmen aufdrückt. Das Ergebnis wird gerne verschwiegen: Dieser Putsch hat bisher tausenden Menschen das Leben gekostet.

Buchcover

Das sind harte Vorwürfe.

Das ist schlicht die Wahrheit die ich belege. In den südeuropäischen Ländern hat die Selbstmordrate dramatisch zugenommen. Auch die Zahl der Totgeburten steigt kontinuierlich. Und es gibt zunehmend Menschen, die sterben, weil sie nicht behandelt werden und sie sich die nötigen Medikamente, etwa bei Krebsleiden, nicht leisten können. Das hört sich vielleicht provokant an, ist aber nicht zu leugnen. Ich habe beim Schreiben des Buchs mehrmals fast geweint, als ich diese Hoffnungslosigkeit beschrieben habe und die Erinnerungen an die Menschen, mit denen ich vor Ort gesprochen habe, wieder hochgekommen sind.

Die Sparprogramme, die die Troika mit den Nationalstaaten ausgehandelt hat, sollen die Krisenländer am Leben halten. Geld gegen Reformen, heißt es. Was ist daran verwerflich?

Es geht um die zentrale Frage, wer für die Verschuldung verantwortlich ist und wer die Lasten der Verschuldung nun trägt. In all den Ländern, insbesondere in Griechenland und Portugal kann man das beispielhaft sehen, ist die regierende politische Elite für die Schulden verantwortlich, nicht die Mehrheit der Bevölkerung.

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