WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Schuldenkrise Irland setzt auf seine Bauern

Seite 2/2

Neue Absatzmärkte für Irlands Agrarexpansion

Wachstumsstrategien für Europa
François Hollandes Mission lässt sich auf einen kurzen Nenner bringen: Wachstum. Der neue französische Präsident hat sich zum Ziel gesetzt, Europa die seiner Meinung nach einseitige Ausrichtung auf die Sanierung der Staatsfinanzen auszutreiben und den Kontinent damit aus der Wirtschaftskrise zu führen. Das Thema ist keine Erfindung Hollandes - die EU-Regierungschefs haben sich immer wieder damit beschäftigt, wie der Kontinent Rezession und Arbeitslosigkeit entrinnen kann. Aber die Debatte um die richtige Strategie erhält durch die Wahl des Sozialisten eine ganz neue Dynamik. Quelle: dpa
Die Leitfrage dabei lautet: Wie lässt sich die Wirtschaft ankurbeln, ohne dafür viel Geld in die Hand zu nehmen? Schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme gelten nicht als Option - schließlich sind die Staatskassen leer. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso propagiert daher, "auf wachstumsfreundliche Art und Weise zu sparen". Nach Ansicht vieler Ökonomen lässt sich die Konjunktur nur dann ankurbeln, wenn Wirtschafts- und Finanzpolitiker sowie Notenbanker einige bislang als unantastbar geltende Prinzipien aufgeben. Quelle: dpa
1. Weniger SparenDie heftigen Sparprogramme in Griechenland, Spanien, Italien und Co. sind nach ihrer Einschätzung Teil des Problems, nicht Teil der Lösung: „Der derzeitige Austeritätskurs ist zu hart“, sagt der Chef des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, Gustav Horn. Die Sparziele sollten auf vier bis fünf Jahre gestreckt werden. Ähnlich argumentiert Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank: „Wer Wachstum will, darf die Austeritätspolitik in den Krisenländern nicht übertreiben.“ Quelle: dapd
Barroso setzt dabei unter anderem auf die von ihm vorgeschlagenen Projektbonds. Damit will die EU-Kommission dieses und nächstes Jahr private Investitionen in Höhe von 4,5 Milliarden Euro in Infrastrukturprojekte in den Bereichen Verkehr und Energie anstoßen. Die EU selbst soll die privaten Investitionen mit 230 Millionen Euro ins Rollen bringen. Quelle: dapd
2. Unkonventionelle GeldpolitikDie Europäische Zentralbank kann nach Auffassung von Ökonomen mehr für das Wachstum tun. Die EZB sei deutlich restriktiver als die Notenbanken in vielen anderen Industrieländern, betont etwa Patrick Artus, Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis. So seien die kurz- und langfristigen Zinsen nach Abzug der Inflationsrate deutlich höher als in den USA oder Großbritannien. Um Abhilfe zu schaffen, könnte die EZB die Leitzinsen von derzeit einem Prozent auf die Untergrenze von null senken - so, wie es die Zentralbanken in den USA und in Großbritannien schon vor mehreren Jahren getan haben. Quelle: dpa
Noch wichtiger ist nach Ansicht vieler Beobachter aber, dass die EZB die Panik auf dem Markt für Staatsanleihen bekämpft - indem sie signalisiert, dass sie im äußersten Notfall als Käufer agiert. Europas Kernproblem sei die Gefahr, dass die kleineren Länder größere Staaten wie Italien anstecken, so Schmieding. „Das Risiko einer Finanzmarktpanik könnte die EZB mit solch einer Ankündigung in den Griff bekommen“, glaubt der Volkswirt. An den Finanzmärkten würden die Risikoaufschläge sinken, Staaten wie Unternehmen könnten sich leichter refinanzieren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werde die EZB eine solche Ankündigung gar nicht einlösen müssen, sagt IMK-Chef Horn: „Das ist wie im Kalten Krieg: Da hat es gereicht, seine Atomwaffen zu zeigen.“ Quelle: Reuters
3. Sanierung der BankenEin stabiles, funktionierendes Bankensystem ist Grundvoraussetzung für eine prosperierende Volkswirtschaft - viele Geldinstitute in der Euro-Zone gehen aber nach wie vor am Stock und zaudern bei der Vergabe von Krediten. „Wir brauchen dringend eine Sanierung und Rekapitalisierung der Banken“, betont Oxford-Professor Clemens Fuest. „So kann die Politik einen katastrophalen Absturz der europäischen Wirtschaft verhindern.“ Zudem brauche die Währungsunion eine einheitliche Bankenaufsicht und Regeln dafür, wie in Schieflage geratene Banken saniert werden. Quelle: Reuters

Irland setzt bei seiner Agrarexpansion aber auch auf neue Märkte in den Schwellenländern und in Afrika. Der Irish Dairy Board (IDB), die Vermarktungsorganisation irischer Molkereigenossenschaften und Molkereien, hat bereits Auslandsbüros in Peking und Shanghai eröffnet. Als der stellvertretende chinesische Staatspräsident Xi Jinping im Februar drei Tage nach Irland kam, besuchte er einen Bauernhof, wo ein neugeborenes Kalb nach ihm benannt wurde. Im April bereiste Landwirtschaftsminister Coveney mit einer Delegation von Agrarunternehmern die Volksrepublik auf der Suche nach künftigen Großkunden.

Auch in Afrika sucht Irland nach neuen Absatzmärkten. Die Regierung stellt zwei Millionen Euro für einen afrikanischen Agrarfonds zur Verfügung, der Partnerschaften mitfördern soll. „Irlands Lebensmittelunternehmen sind gut positioniert, um beim zunehmenden Nahrungsmittelbedarf des Schwarzen Kontinents eine führende Rolle zu spielen“, sagt Außenminister Eamon Gilmore.

Marktführer Kerrygold

Eine Schlüsselrolle spielt dabei die irische Marke Kerrygold. Unter diesem Label vertreibt der IDB irische Milchprodukte weltweit. Kerrygold-Produkte gibt es mittlerweile in 14 afrikanischen Staaten, insgesamt verkauft Kerrygold Butter, Käse und Milchpulver in mehr als 60 Länder. In Deutschland ist die Marke mit einem wertmäßigen Anteil von 14,1 Prozent bei Butter sogar der Marktführer. 2011 stieg der Absatz von Kerrygold-Produkten in Deutschland um fast 20 Prozent auf mehr als 150 Millionen Euro. Das Besondere an der irischen Butter ist deren gelbe Färbung, die daraus resultiert, dass irische Kühe überwiegend frisches Gras fressen, das mehr Carotin enthält als das Kraftfutter, das Stallkühe erhalten.

Vorsichtiges Abwarten

Doch taugt die Agrarwirtschaft wirklich als Wachstumstreiber? Wenn das klappen soll, braucht die Regierung viele Leute wie Kevin Kiersey. Der Landwirt beackert im Landkreis Waterford mit seinem Bruder John einen Hof, der mit 250 Hektar Fläche zu den größeren des Landes zählt. Die Kierseys halten 200 Milchkühe, John hat das Haus der Eltern übernommen, Kevin ein schmuckes Eigenheim gebaut, er fährt BMW. Als Vorsitzender des Milchausschusses im irischen Bauernverband wird er nach dem geplanten Wegfall der EU-Milchquoten im Jahr 2015 eine Schlüsselstellung bei der angepeilten 50-prozentigen Erhöhung des irischen Milchproduktion einnehmen. „Für diesen Anstieg dürften Investitionen in Höhe von 1,5 Milliarden Euro erforderlich sein“, sagt er – durchaus sorgenvoll.

Denn ob es tatsächlich zur offiziell gewünschten Expansion kommt, hängt auch davon ab, ob die klammen irischen Banken genügend Kredite an die Bauern vergeben. Auch wollen viele Landwirte erst einmal abwarten, wie sich die Preise entwickeln, bevor sie sich mehr Land und Kühe anschaffen, zusätzliche Ställe bauen und Geräte kaufen. „Die Milchquoten bestehen schon seit 1984, die Mentalität einer ganzen Generation von Bauern ist von den Quoten geprägt“, sagt Kiersey. Auf seinem Hof kann er derzeit 5000 Hektoliter im Jahr erzeugen, möglich wären ohne große Investitionen 6500 Hektoliter im Jahr. Er will nun zunächst abwarten, welche zusätzlichen Mengen seine Molkereigenossenschaft überhaupt abnehmen kann – sie hat signalisiert, dass bis 2020 maximal ein Plus von 40 Prozent möglich sei.

Europa



Wichtiger noch dürfte sein, dass er sich mit seinem Bruder John einigt, der einer Expansion skeptisch gegenübersteht. „Stellen Sie sich vor, wenn wir 600 Kühe hätten – der Charakter unseres Hofes wäre dann ein ganz anderer.“ Er warnt vor tief greifenden Veränderungen in Irland, wenn die Quoten fallen. „Ich fürchte, dass dann viele landwirtschaftliche Großbetriebe versuchen, Land aufzukaufen.“

Den Preis des Wachstums würden am Ende die Kleinbauern zahlen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%