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Schuldenkrise Draghi bringt seine Bazooka in Stellung

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Preisstabilität

Ratlose Retter: Euro-Gruppenchef Jucker, Finanzminister Schäuble und sein französischer Kollege Baroin

Doch wie weit reicht die Bazooka der EZB? „300 Milliarden Euro – dann ist Schluss“, rechnet Elwin de Groot von der Rabobank vor. Ab dieser Obergrenze könne die Zentralbank die Anleihekäufe nicht mehr neutralisieren, und es drohe Inflation. Seine Behauptung beruht auf einer technischen Analyse von Vorkrisendaten der EZB. Die Finanzwelt versetzte das in Aufruhr, schließlich hat die EZB schon Anleihen im Volumen von knapp 200 Milliarden Euro gekauft, und das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht in Sicht.

Juristisch ist die monetäre Staatsfinanzierung jedenfalls faktisch unbegrenzt möglich. Unter dem Vorwand der Preisstabilität, ihrem obersten Ziel, darf die Zentralbank auf den Spot- und Terminmärkten unbeschränkt zugreifen – und genau dies tut sie seit Mai 2010. Der geldpolitische Transmissionsmechanismus sei gestört, lautet die offizielle Begründung. Dabei ist hinter den Kulissen jedem klar, dass in Wirklichkeit die Notenpresse angeworfen wird – zur Staatsfinanzierung.

EZB unter Druck

Fakt ist: Die Behauptung der EZB, sie würde die durch den Anleihekauf verursachte Ausweitung der Geldmenge an anderer Stelle sterilisieren, dient nur dazu, die Öffentlichkeit zu beruhigen. Denn die EZB stellt den Banken des Euro-Systems gleichzeitig unbegrenzt Liquidität zur Verfügung. Damit hat sie die Kontrolle über die Geldmenge derzeit faktisch aufgegeben. Die Geschäftsbanken bestimmen, wie viel Geld im Umlauf ist.

Zwar könnte die EZB wie bisher die überschüssige Liquidität über wöchentliche Tender aufsaugen – allerdings ohne gleichzeitige Vollzuteilung. Eine Alternative wäre, EZB-Anleihen auszugeben. Doch die Geschäftsbanken werden im Aufschwung nur dann ihr Geld an die Zentralbank geben, wenn die Rendite stimmt. Das heißt, die EZB müsste eine Verzinsung oberhalb des Marktniveaus bieten. Da die überschüssige Liquidität nach der Krise laut Expertenschätzung mindestens 5000 Milliarden Euro betragen dürfte, hätte das Folgen für das allgemeine Zinsniveau in der Euro-Zone. Die EZB könnte so ungewollt die Zinsen nach oben treiben und damit den wirtschaftlichen Aufschwung gefährden.

Banken horten ihre Liquidität

Doch das sind nicht die einzigen Bedenken. Michael Schubert von der Commerzbank warnt, die EZB könnte nach der Krise nicht früh genug handeln und zu zögerlich das zusätzliche Geld aus dem Markt saugen, etwa um eine gerade beginnende wirtschaftliche Erholung nicht durch höhere Zinsen abzuwürgen. „Bei 60 Milliarden ist es nicht so schlimm, wenn die Zentralbank die überschüssige Liquidität nicht sofort aufsaugt. Bei 5000 Milliarden Euro ist das etwas anderes.“

Solange die Krise tobt und die Banken ihre Liquidität horten, ist eine Inflation in weiter Ferne. Es sei denn, es kommt zu einem deutlichen Stimmungsabsturz in der Bevölkerung. Sollten die Verbraucher aus Panik vor einer zukünftigen Geldentwertung all ihr Vermögen in Sachwerte wie Immobilien oder Rohstoffe stecken, wäre die Inflation sofort da. Die starke Nachfrage und die damit einhergehende dramatische Teuerung in den betroffenen Anlageklassen würde sich, bei Rohstoffen etwa, in steigenden Kosten niederschlagen und die Preise zusätzlich in die Höhe treiben.

Nimmt die EZB höhere Zinsen in Kauf?

Doch der größte Zweifel ist, ob die EZB den Mut aufbringt, überhaupt höhere Zinsen in Kauf zu nehmen. Den Regierungen dürfte die höhere Inflation willkommen sein, negative Realzinsen würden den Schuldenabbau der Staaten rasant beschleunigen.

Doch vieles spricht dafür, dass das System schon vorher auseinanderfliegt, da die Vergemeinschaftung von Verlusten zulasten solider Staaten langfristig von den Bürgern der Geberländer nicht geduldet wird.

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