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Schuldenkrise Spanien steuert in eine Zwei-Klassengesellschaft

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Regierenden machen immer wieder dieselben Fehler


Zwar konnte das Land sein Außenhandelsdefizit in den vergangenen zwei Jahren seit Merkels letztem Besuch deutlich reduzieren und im zweiten Quartal 2014 wuchs das Land mit 0,6 Prozent so stark wie kein anderes in der Eurozone. “Aber das hat bisher keine positiven Auswirkungen für das Gros der Bevölkerung”, sagt der spanische Notar und Buchautor Fernando Rodríguez Prieto, der enorm enttäuscht ist von Rajoys Partei Partido Popular (PP): “Die Regierenden handeln wie Autisten, völlig abgehoben von den eigentlichen Problemen der Gesellschaft, machen sie immer wieder dieselben Fehler. Wir sind bei der Bekämpfung der Korruption keinen Schritt weiter gekommen.”

So denkt Spanien über Europa
Im Internet waren die satirischen Landkarten des bulgarischen Designers Yanko Tsvetkov schon lange ein Renner. Er zeichnete jeweils den Blick verschiedener Gruppen oder Nationalitäten auf Europa und die Welt, in dem er die Namen der jeweiligen Länder durch Klischees ersetzte, die am häufigsten mit diesen Ländern assoziiert werden. Mittlerweile gibt es die Landkarten auch gebunden, als "Atlas der Vorurteile", erschienen im Knesebeck-Verlag. Auf 80 Seiten stellt der Designer dar, wie die verschiedenen Nationalitäten ihre Nachbarn wahrnehmen. Auch den Spaniern widmet Tsvetkov eine ganze Seite. Und die lassen kein Gutes Haar an ihren Nachbarn - nicht mal an den weiter entfernten. So stehen beispielsweise "verheiratete Priester" für Russland, Estland, Lettland und Litauen werden zum "Russischen Galizien" und Weißrussland zum "Russischen Franco". Ebenfalls wenig schmeichelhaft: Die Ukrainer sind aus Sicht der Spanier "Radioaktive Nannys". Quelle: Screenshot
Ähnlich charmant ist die spanische Sicht auf Rumänien: Wegen der vielen Alten- und Krankenpfleger, die von dort kommen und in anderen europäischen Ländern Arbeit suchen, ist Rumänien in der spanischen Europasicht schlicht das Land der Windelwechsler. Quelle: dpa
Sich selbst sehen die Spanier übrigens als "Café para todos" - also als Café oder beliebten Treffpunkt für alle anderen Europäer. Was ja auch nicht falsch ist. Quelle: dpa
Bei vielen Iren mag die spanische Einordnung als "Rotschöpfe" ja stimmen. Alle Briten unter "kotzende Touristen" zusammenzufassen, tut dagegen sicher sehr vielen Unrecht. Quelle: dpa
Die Türkei kommt mit "östliches Marokko" eigentlich noch recht gut weg. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Deutschland dagegen hat - Sparpolitik & Co. sei Dank - gar keinen guten Stand bei den Spaniern. Wegen der deutschen Rolle in der Euro-Krise wird Deutschland auf der Landkarte, die Spaniens Europasicht verdeutlichen soll, "Cruella de Merkel" genannt. Quelle: dpa
Schöne Strände, gute Küche und guten Wein haben die Spanier selbst. Was fällt ihnen darüber hinaus zu Italien ein? Auf der spanischen Seite im Atlas der Vorurteile steht statt Italien "Muttersöhnchen". Griechenland bekommt dagegen den Beinamen "schlechtes Olivenöl". Auch nicht nett. Quelle: AP


Anders als viele spanische Bürger gibt er sich jedoch nicht nur mit Motzen zufrieden. Rodríguez Prieto hat in den vergangenen zwei Jahren seit Merkels Auftritt vor spanischen Kameras in den Medien für eine unabhängige Justiz gekämpft, einen Blog hayderecho.com (es gibt Recht) ins Leben gerufen und auch eine Initiative gestartet, um das Wahlrecht in Spanien zu ändern. “Leider konnten wir außer einer großen Fangemeinde nicht viel erreichen, weil das Establishment nicht an seinen eigenen Säulen rüttelt. Dazu gehört auch die sozialdemokratische Oppositionspartei PSOE, die sich aufgrund der vielen Korruptionsfälle und Mitschuld an dem wirtschaftlichen Desaster in diesem Land ebenfalls in einer großen Sinnkrise befindet.”
Spanien lebe in zwei Realitäten: Die eine sei, die von Europa mitgestützte, dass es dem Land besser gehe und die Wirtschaft sich wieder erhole und die andere sei die gefühlte Realität der Menschen: “Und da ist es de facto so, dass wir in jeder Hinsicht weniger haben als vor zwei Jahren und zudem hat unsere Demokratie schwer gelitten.” Denn das Spanien der 2 Geschwindigkeiten merkt man auch am Wohlstandsunterschied zwischen Nord- und Südspanien, was Regionen wie Katalonien so weit getrieben hat, den Solidaritätspakt aufzugeben und die Unabhängigkeit von Spanien zu verlangen, um nicht mehr ärmere Regionen mitzufinanzieren.

Die Arbeitslosigkeit ist in Spanien wesentlich grösser, je weiter man gen Süden fährt. Vor allem der Mittelmeerraum, der eigentlich von einem wachsenden internationalen Tourismus profitiert, verarmt immer mehr. Während im Baskenland die Arbeitslosigkeit bei etwas 16 Prozent liegt, haben in Andalusien fast 37 Prozent der Erwerbstätigen keinen Job. Hier nehmen viele wieder die in Jahren des Baubooms brachliegende Landwirtschaft auf, um Geld zu verdienen.

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