Schuldenkrise Taumelt Europa dem kollektiven Bankrott entgegen?

Deutschland hat sich mit den Hilfspaketen für die Euro-Krisenländer finanziell übernommen. Die Kreditwürdigkeit des Landes steht auf der Kippe. Doch die Lasten für die Rettung der Krisenländer im Süden steigen weiter. Taumelt Europa dem kollektiven Staatsbankrott entgegen?

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble Quelle: dapd

Erst werden nur die Füße nass. Dann erreicht das Wasser die Flügel. Am Ende steht der Bundesadler bis zur Brust in den Fluten. Wer die Homepage des Münchner ifo Instituts besucht, erfährt ohne Umschweife, wie es um die Aussichten für Deutschlands Staatsfinanzen bestellt ist. Unter dem Icon „Haftungspegel“ listet das Wirtschaftsforschungsinstitut akribisch auf, welche Belastungen Deutschland sich durch die Euro-Rettung bereits aufgehalst hat. Wöchentlich aktualisieren die ifo-Ökonomen den Wasserstand. Danach steht Deutschland derzeit mit mehr als 770 Milliarden Euro für die Krisenländer ein.

Komplett im Wasser

Der Bundesadler aus München könnte bald komplett im Wasser versinken. Anfang vergangener Woche platzte die amerikanische Ratingagentur Moody’s mit der Nachricht in die sommerliche Ferienruhe, dass Deutschland, die Niederlande und Luxemburg ihr Top-Rating bei der Kreditwürdigkeit demnächst verlieren könnten. Die finanziellen Belastungen durch einen möglichen Euro-Austritt Griechenlands und Rettungspakete für Spanien und Italien seien „unvereinbar“ mit einem stabilen Ausblick für das Aaa-Rating der drei Länder, schrieb Moody’s. „Die Wahrscheinlichkeit ist gestiegen, dass aus den Eventualverbindlichkeiten tatsächliche Belastungen werden, von denen Deutschland den Großteil zu tragen hätte“, begründete die Agentur ihre Entscheidung. Sollten sich die Staatsfinanzen verschlechtern und die Wirtschaftskraft abschwächen, sei das Aaa-Rating Deutschlands nicht mehr zu halten, so Moody’s.

S&P droht Italien, Irland wird hochgestuft
Für Frankreich zeigt sich S&P etwas zuversichtlicher, obwohl sich am Rating („AA“) und dem stabilen Ausblick nichts änderte. Die Regierung habe Maßnahmen zur Reduzierung der Arbeitskosten und Unternehmensbesteuerung ergriffen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu verbessern, schreibt S&P. Zudem deuteten staatliche Ausgabenkürzungen darauf hin, dass die zweitgrößte Euro-Volkswirtschaft ihr Haushaltsdefizit schrittweise reduzieren werde. Die Staatsverschuldung bleibe aber hoch und werde bis 2017 noch wachsen. Rating (S&P): AAAusblick: stabil Quelle: dpa
Zypern wurde von der Wirtschaftskrise enorm mitgenommen, gerade der aufgeblähte Bankensektor des Inselstaats machte ihm in der Dynamik der Krise schwer zu schaffen. Die Bewertung des Krisenlands wurde von S&P nun um eine Stufe auf „B“ erhöht, Fitch hob den Ausblick für das Rating („B-“) auf positiv an. Bei beiden Agenturen liegt die Kreditnote klar im sogenannten Ramschbereich, der spekulative Anlagen kennzeichnen soll. Die positiven Ausblicke lassen aber Aufstufungen erwarten - vorausgesetzt, das Land erfüllt weiterhin die Auflagen der internationalen Geldgeber, die Zypern seit dem vergangenem Jahr finanziell stützen. Rating (S&P): BAusblick: positiv Quelle: AP/dpa
Standard & Poor's (S&P) hat das lang- und kurzfristige Fremdwährungsrating für die Ukraine gesenkt. Die Bewertung sei von „B-/B“ mit einem negativen Ausblick herabgestuft worden, teilten die US-Bonitätswächter mit. Hintergrund sei die derzeitige politische Instabilität in dem Land. Seit Wochen demonstrieren Regierungsgegner gegen die Regierung. Präsident Viktor Janukowitsch steht unter anderem wegen eines harten Vorgehens der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten in der Kritik. Auslöser war die kurzfristige Ablehnung eines über Jahre hinweg vorbereiteten Abkommens zwischen der Ukraine und der Europäischen Union. Janukowitsch will das Land stattdessen enger an Russland binden. Rating (S&P): „CCC+/C“Ausblick: negativ Quelle: AP
Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hat Irland gute Bonitätsnoten in Aussicht gestellt. Der Ausblick für das Rating bleibt positiv. S&P begründete die positive Haltung mit verbesserten Wachstumsaussichten des Landes. Im Durchschnitt der Jahre 2014 bis 2016 erwartet die Agentur ein Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent. Bisher war sie nur von 2,0 Prozent ausgegangen. S&P lobt die Reform- und Sparpolitik des Landes. Die Agentur erwartet eine weiterhin starke Auslandsnachfage und eine anhaltende Erholung der Binnenwirtschaft. Die hohen Investitionen aus dem Ausland stützten die Binnenwirtschaft. Gefahren sieht S&P vor allem noch im Bankensektor. Rating (S&P): A+Ausblick: positiv Quelle: dpa
Portugal droht erst einmal keine weitere Abstufung durch die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P). Die Bonitätsnote des Landes stehe nicht mehr unter verschärfter Beobachtung, teilte S&P mit. Portugal dürfte trotz einiger politischer Probleme 2013 das Ziel einer Neuverschuldung von 5,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) erreicht haben, schreiben die Experten. In diesem Jahr will Portugal dann die neuen Schulden auf vier Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung senken. Dies halten die S&P-Experten für möglich. Derzeit bewertet Standard & Poor's Portugal mit der Note „BB“. Das ist die zweite Stufe des sogenannten Ramsch-Niveaus, das spekulative Anlagen kennzeichnen soll. Der grundsätzliche Ausblick bleibe negativ. Rating (S&P): BBAusblick: negativ Quelle: dpa
Alenka Bratušek, seit Anfang 2013 Ministerpräsidentin von Slowenien, muss sich nach wie vor mit einer Bankenkrise und den hohen Schulden ihres Landes befassen. Ein Hilfsprogramm ist nach Einschätzung der EU-Kommission aber nicht von Nöten, solange das Bankensystem reformiert und das Reformtempo hoch gehalten wird. Im Rating von Standard & Poor's schneidet der osteuropäische Staat von den kriselnden noch mit am besten ab. Die Agentur bleibt bei ihrer Einschätzung, dass Sloweniens Kreditwürdigkeit auch künftig stabil bleiben wird. Rating (S&P): A+Ausblick: stabil Quelle: AP
Als Malta 2008 den Euro einführte, war das Land eines der kreditwürdigsten unter den neuen Mitgliedsstaaten. Auch heute gibt es für die Insel noch immer relativ gute Noten. Ratings: BBB+ Ausblick: stabil Quelle: REUTERS

Deutschland, Europas Musterschüler, erdrückt von der Schuldenlast der Rettungspakete für verschwendungssüchtige Krisenländer? Die Warnungen der Kritiker der staatlichen Rettungspakete scheinen sich schneller zu bestätigen als erwartet. Doch die Bundesregierung lässt das bisher kalt. Sie gibt sich betont gelassen. Die Risiken in der Euro-Zone seien nicht neu, heißt es im Bundesfinanzministerium. Moody’s habe die langfristigen Stabilisierungsaussichten übersehen, kritisierte das Haus von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Deutschland werde seinen Status als sicherer Hafen daher wahren.

Die Teilnehmer an den Finanzmärkten sehen Deutschlands Lage weniger entspannt. „Das Urteil von Moody’s ist ein Warnsignal, dass sich Deutschland mit der Rettung der Krisenländer finanziell übernommen hat“, sagt Christian Schulz, Ökonom der Berenberg Bank in London. Statt zu sinken, dürften die Lasten bald weiter steigen. Griechenland erweist sich als ein Fass ohne Boden, der Ausstieg aus der Euro-Zone rückt immer näher. In Spanien und Italien laufen die Finanzen auch in den Städten und Provinzen aus dem Ruder. Um die Löcher zu stopfen, müssen die Regierungen in Madrid und Rom noch mehr Schulden machen. An der Börse fordern Anleger daher immer höhere Risikoprämien für die Anleihen beider Länder.

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