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Schuldenkrise Spanien steuert in eine Zwei-Klassengesellschaft

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Viele Spanier sind aus Frust nach Deutschland gegangen


Eine Studie der Sparkassenstiftung Funcas zeigt: Seit 2008 konnten die reichsten autonomen Regionen dazu gehören das Baskenland, Madrid und Katalonien den Abstand zu den ärmsten, der Extremadura, Andalusien und Kastilien-La Mancha enorm vergrößern. Das starke Wachstum im Export, der inzwischen 34 Prozent des BIP ausmacht – 2012 waren es 10 Prozentpunkte weniger- ist vor allem den nördlichen Regionen zugute gekommen, wo diese Industrien und Häfen angesiedelt sind. An den südlichen Küsten, wo der Bauboom besonders stark war, fehlt es dagegen an Alternativen. Viele junge Spanier hatten vor 2008 die Schule abgebrochen, um auf dem Bau zu arbeiten, sie stehen jetzt ohne Abschluss auf der Straße. 46 Prozent der spanischen Arbeitslosen sind unter 35 Jahre. Dieses traurige Thema wird Rajoy Merkel nicht ersparen können bei ihrem gemeinsamen Spaziergang, sind doch viele Spanier aus Frust nach Deutschland gegangen, um dort eine Lehre zu machen.

Europa ist nur bedingt wettbewerbsfähig
Ein Mann trägt eine griechische Flagge Quelle: dpa
ItalienAuch Italien büßt zwei Plätze ein und fällt von Rang 44 auf Rang 46. Die Studienleiter kritisieren vor allem das Finanz- und Justizsystem. Die Abgaben seien zu hoch und Verfahren viel zu langwierig und intransparent. Lediglich bei der Produktivität und mit seiner Infrastruktur liegt der Stiefelstaat im Mittelfeld. Ein wenig besser macht es ... Quelle: REUTERS
Ein Mann schwenkt eine portugiesische Flagge Quelle: AP
Stierkampf Quelle: dpa
Eine Frau hält eine Fahne mit einer französischen Flagge in der Hand Quelle: REUTERS
Das Parlamentsgebäude in Wien Quelle: dpa
Finnische Flagge Quelle: dpa

Auch wenn sich in den vergangenen Monaten die Lage etwas entspannt hat in Spanien, haben sich die Staatschulden seit 2012 um 230 Mrd. Euro erhöht. Heute im Vergleich zum Sommer 2012, dem kritischsten Moment der spanischen Demokratie, gibt es eine Millionen mehr Menschen ohne Arbeit und 30 Prozent der spanischen Kinder leben in ärmlichen Verhältnissen. Die Anzahl der Obdachlosen in den Städten hat zugenommen, die Verteilung von Gratis-Essen läuft überall auf Hochtouren. Ohne den Familienzusammenhalt würde das Land auseinander sprengen.
Die Zweiklassen-Gesellschaft sehen viele Spanier auch immer mehr im Kampf gegen die Korruption. Die offensichtliche Ungerechtigkeit vor Gericht macht sie wütend: “Viele kleine Firmen müssen hier derzeit wüste Steuerprüfungen über sich ergehen lassen und nachzahlen. Wenn man vergisst, in die Parkuhr einzuwerfen, hat man direkt einen Strafzettel von 40 Euro am Auto kleben. Aber Rajoys Partei bleibt trotz Schwarzgeld-Buchhaltung unbeschadet. Eingebuchtet wurde bisher nur der Buchhalter. Das kann doch nicht sein”, regt sich der Unternehmer Juan Vila auf.
Jesús Lizcano, Geschäftsführer von Transparencia Internacional und Madrider Universitätsprofessor, bestätigt diese Entwicklung: “Aufgrund des Drucks der Gesellschaft legen die Parteien Entscheidungsprozesse und Finanzierung offener, auch öffentliche Institutionen kommunizieren besser mit den Bürgern als noch vor 2 Jahren. Aber es fehlt politischer Wille, die systematische politische Korruption anzugehen. Es wirkt alles wie Marketing. Viele Bürger fühlen sich betrogen.” Das erklärt, warum bei den vergangenen Europawahlen im Mai eine kleine Partei wie “Podemos” (Wir können) den großen enormen schaden konnte und inzwischen gemäß einer Umfrage des Forschungsinstituts CIS bei nationalen Wahlen 15 Prozent der Stimmen bekommen würde.

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Für Roberto Centeno ist die enorme Popularität des linken 35jährigen Podemos-Führer Pablo Iglesias nicht verwunderlich: “Spanien ist inzwischen das Land der EU, wo das Geld besonders ungleich verteilt ist.” Der wegen seiner radikalen Kritik an Rajoy und dem gesamten spanischen politischen System nicht unumstrittene Wirtschaftsprofessor glaubt, dass sein Land enorme Rückschritte gemacht hat in den vergangenen Jahren: "Nach ein paar Jahren Boom sind wir wieder dort, wo wir vor 1996 waren. Es gibt eine Handvoll großer Unternehmen wie Telefónica, Banco Santander, der Modekonzern Inditex, die Hochtief-Mutter ACS und die zweitgrößte spanische Bank BBVA, die diese Krise ohne großen Schaden überlebt haben und die kleinen und mittleren Unternehmen sind auf der Strecke geblieben. Deswegen haben wir traditionell diese hohe Arbeitslosigkeit, es gibt keinen breiten Mittelstand wie in Deutschland." Gemäß Angaben des spanischen Statistikamts INE haben fast 20.000 Firmen und Haushalte seit 2012 Konkurs angemeldet Währenddessen haben die großen wie Telefónica und BBVA riesige neue Bürokomplexe gebaut und vielerorts deutsche Rivalen hinter sich gelassen.
All das scheint Merkel im Detail nicht zu interessieren: “Aber vielleicht sollte Deutschland nicht nur schauen, die ausstehenden Rechnungen zu kassieren, sondern auch nachhaltig etwas in den Krisenländern wie Spanien verändern,” sagt Bermejo. Sie gesteht aber auch ein, dass sie oft daran gedacht hat, wie viele andere Spanier nach Deutschland zu gehen und dort ihr Glück mit ihrem Kind zu versuchen: "Man hört so viele gute Sachen aus Deutschland."

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