Soziologe Raphael Liogier "Frankreich steht am Scheideweg"

Am Nachmittag wollen Hunderttausende in Paris auf die Straße gehen, um ein Zeichen gegen Terrorismus zu setzen. Im Interview befürchtet der französische Soziologe Raphael Liogier aber eine europaweite Identitätskrise.

Die Karikaturen für "Charlie Hebdo"
Karikatur von 2006: Ein Rahmen um ein weißes Stück Papier. Überschrift: "Please enjoy this culturally, ethnically, religiously, and politically correct cartoon responsibly. Thank You." Quelle: Twitter
Ein Terrorist schießt auf einen Bleistift, der entzwei bricht. Doch ein Spitzer spitzt den abgebrochenen Stift wieder an. Dieser radiert mit seinem Radiergummi den gezeichneten Terroristen weg. Quelle: Twitter
Ein Flugzeug fliegt auf zwei nebeneinander stehende Bleistifte zu. Das Bild erinnert an die Anschläge auf die Zwillingstürme des World Trade Centers im September 2001. Quelle: Twitter
Ein von hinten gezeichneter Terrorist hat einen Zettel auf dem Rücken, auf den ein Bleistift schreibt: "You lost!" ("Du hast verloren!") Quelle: Twitter
Eine Zeichnung der Zeitschrift Charlie Hebdo. Aus der Titelseite der Zeitung erhebt sich eine Hand mit Feder, die dem Betrachter den Mittelfinginger zu zeigen scheint. Quelle: Twitter
Ein Gewehr und ein Stift nebeneinander. Auf dem Gewehr: "Murderous assault on french satirical newspaper". Auf dem Stift: "Free Expression". Bildunterschrift: "But the Pen Will Endure" Quelle: Twitter
Ein Terrorist mit Krummsäbel hat einer Person (T-Shirt: "Charlie Hebdo") den Kopf abgeschlagen. Aus dem Hals streckt sie dem Terroristen noch die Zunge entgegen. Bildunterschrift: "Onsterfelijk" Quelle: Twitter
Links: Eine panische Menge Männer, bezeichnet mit "Taliban". Rechts: Eine Frau mit Buch, auf dem "Education" (Erziehung, Bildung") steht. Bildunterschrift: "Weapon of Mass Instruction" Quelle: Twitter
Zwei Terroristen feuern in das Gebäude von Charlie Hebdo, aus dem eine Blutlache fließt. Doch die Schüsse treten hinten aus dem Gebäude wieder aus und die Kugeln treffen eine Moschee. Quelle: Twitter
Zwei Terroristen in der Redaktion von "Charlie Hebdo", ein getöteter Zeichner im Hintergrund. Eine Ausgabe der Zeitung betrachtend, sagt ein Terrorist: "Just what sort of a sick mind?!..." Quelle: Twitter
Links steht ein Terrorist mit rauchendem Gewehr, rechts liegt ein Zeichner in einer Blutlache. Der Terrorist sagt "He drew first". Quelle: Twitter
Zwei Männer. links ein vermummter Terrorist mit Gewehr, rechts ein freundlich schauender Zeichner mit Feder und Tinte. Überschrift: "Who has damaged Muhammad more?" ("Wer hat Mohammed mehr geschadet?" Quelle: Twitter
Von oben nach unten: Yesterday: Ein angespitzter Stift. Today: Der Stift ist in der Mitte auseinander gebrochen. Tomorrow: Aus dem entzwei gebrochenen Stift sind zwei angespitzte Stifte geworden. Quelle: Twitter
Zwei Terroristen in der zerstörten Redaktion von Charlie Hebdo betrachten einen Pinsel. Einer sagt "What´s this little weapon, which hurt us so much?" Quelle: Twitter
Ein Screenshot von Twitter. Verschiedene Schreibgeräte zeigen von rechts oben im Bild auf einen vermummten Mann mit Gewehr links unten im Bild, vor ihm eine Blutlache. Quelle: Twitter
Eine Karikatur, die keine ist: Ein gezeichnetes Blumengesteck, darum ein Band mit dem Spruch "For our heroes at Charlie Hebdo. With our love & respect". Quelle: Twitter
Zwei vermummte Personen mit Gewehren stehen vor einem Gebäude, auf dem "Charlie Hebdo" steht. Unter der Zeichnung steht "Be careful, they might have pens" ("Sei vorsichtig, sie könnten Stifte haben"). Quelle: Twitter
Diese Karikatur ist eine Gleichung. Ein von einer Patrone zerfetzter Bleistift plus einen Anspitzer ergeben zwei Bleistifte. Quelle: Twitter

„Wir alle sind Charlie, wir alle sind die Polizei, wir alle sind französische Juden", sagte der französische Ministerpräsident Manuel Valls mit Blick auf die Opfer. In Paris wollen Hunderttausende auf die Straße gehen - auch Staatschefs aus vielen europäischen Ländern. Es scheint so, als ob die Nation und ganz Europa zusammensteht. Der französische Soziologe Raphael Liogier begrüßt den Zusammenhalt, warnt aber auch vor einem Terrorismus mit ganz anderer Qualität als bislang.

Herr Liogier, in den vergangenen Tagen wurde häufig der Zusammenhalt der französischen Bevölkerung jenseits politischer oder religiöser Unterschiede beschworen. Waren das mehr als schöne Sonntagsreden? Oder besteht nicht vielmehr die Gefahr, dass unter dem Eindruck der Attentate das Zusammenleben noch schwieriger wird?

Raphael Liogier: Ich begrüße, dass man sich endlich der Notwendigkeit bewusst geworden ist, Zusammenhalt zu demonstrieren. Dass das auch Politikern klar geworden ist wie dem jetzigen Premier und früheren Innenminister Manuel Valls, der noch vor nicht allzu langer Zeit ganz anders geklungen hat. Oder auch dem ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Allerdings besteht in der Tat auch das Risiko, dass sich das Trennende eher noch verstärkt. Frankreich steht am Scheideweg. Das Land muss sich jetzt entscheiden, in welche Richtung das Pendel ausschlägt.

Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass Frankreichs extreme Rechte unter Marine LePen, aber auch der rechte Flügel der Konservativen unter Ex-Präsident Nicolas Sarkozy die Attentate der vergangenen Woche für ihre politischen Ziele einsetzen und damit Erfolg haben?

Wir erleben vielleicht die schwierigste Identitätskrise seit langer Zeit. Übrigens nicht nur in Frankreich. Auch in Deutschland. In ganz Europa. In vielen Ländern wird die Gefahr des nationalen oder kulturellen Identitätsverlusts beschworen. Wenn man die Lage auf die Medizin überträgt, erkennt ein Arzt im Moment der Krise, wenn die Symptome einer Krankheit sich ganz deutlich zeigen, auch die notwendige Therapie. Im positiven Fall. Dann kann er den Patienten retten. Es kann aber auch sein, dass die Krise in den Untergang führt, zum Tod. Diese Entscheidung steht jetzt an. Dazu zählt auch, dass die Sicherheitskräfte sich darüber klar werden, dass sie nicht mehr gegen eine terroristische Gefahr kämpfen, wie wir sie bis zur Jahrtausendwende kannten. Der Terrorismus hat heute eine ganz andere Qualität.

Wie konnte es dazu kommen, dass die Attentäter der vergangenen Woche der Polizei und den Geheimdiensten durchaus bekannt waren, aber nicht aufgehalten werden konnten?

Wir kennen heute zwei Formen des Dschihadismus. Denjenigen, der von den 80er Jahren bis zum Beginn der 2000er Jahre praktiziert wurde. Die Attentate des 11. September 2001 gehörten noch in diese Kategorie. Und jetzt haben wir es mit dem Dschihadismus von Individuen zu tun, die schwer zu greifen sind. Erstere hatten ihn professionalisiert. Sie übten ihn wie einen Beruf aus. Sie hatten eine theologische Ausbildung, sie kamen aus hierarchisch strukturierten Organisationen. Diese Leute entwickelten sich zu einem bestimmten Zeitpunkt zu Dschihadisten, indem sie sich radikalisierten. Das waren einerseits sehr intelligente Köpfe, zum Teil ausgebildet an europäischen Universitäten. Und solche, die aus benachteiligten Schichten kamen, in Frankreich häufig aus den Vorstädten. Sie radikalisierten sich zum Beispiel im Gefängnis, weil sie dort radikale Prediger trafen.

Zur Person

Was ist heute anders?
Heutzutage sehen wir Leute, die auf direktem Weg in den Dschihad springen. Sogar noch bevor sie richtige Muslims werden. Sie eignen sich erst im Nachhinein eine minimale muslimische Praxis an, einzig zu dem Zweck, um ihren Dschihad zu rechtfertigen. Wo wollen sie die kontrollieren? Man weiß ja oft nicht einmal, wo sie sind. Im Gegensatz zu denen am Ende des vergangenen Jahrhunderts frequentieren sie Moscheen eher selten. Man kann deshalb auch nicht durch Imame auf sie Einfluss nehmen, die vom Staat legitimiert sind. Sie finden zwar auch ihre Netzwerke und Organisationen, häufig im Internet. Aber sie betrachten Al Quaida oder den Islamischen Staat nicht als Organisationen, denen sie angehören, sondern vielmehr als Label.

Wie eine Markenjeans, die man tragen muss, um dazu zu gehören?

In der Tat. So berief sich zum Beispiel in Paris einer der Attentäter auf den Islamischen Staat und die beiden anderen auf Al Quaida. Hinter den Attentätern stand aber keine Logistik einer der beiden großen Organisationen. Nachdem die Anschläge verübt waren, gab es keinen Fluchtplan, sie wussten nicht wohin. Und es gab auch keinen Plan, wie am 11. September, sofort als Märtyrer zu sterben. Sie sind nur deshalb zu Märtyrern geworden, weil es letztlich für sie keinen anderen Ausweg gab.

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