Spanien In Spanien kippt die Stimmung

Spanien leidet unter der härtesten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Erst langsam merken die Bürger, dass Empörung allein nicht reicht für eine Wende im Land.

Ein

Über Mittag macht eigentlich alles zu in den kleinen touristischen Straßen rund um den Madrider Plaza del Sol. Dort, wo sich seit nunmehr zwölf Monaten immer wieder Tausende von Menschen treffen und gegen die Politik und Banken protestieren. Mit Protestschildern, Spontanreden und

Sprechchören, die aus den Lautsprechern dröhnen, fordern sie mehr Mitspracherecht, Transparenz und weniger Korruption.

Es ist die Bewegung 15. Mai, kurz 15-M genannt. Sie selber nennen sich “los indignados”, “die Empörten”. Die Goldankaufgeschäfte, die sich hier am Plaza del Sol aneinanderreihen wie die Tapas-Bars, halten nicht viel von den Demonstranten. Im Gegenteil: Sie stören ihre Geschäfte, die dank der Krise so boomen, dass die Goldankäufer in der Hauptstadt inzwischen auch zwischen 14 und 17 Uhr aufhaben. Eine Zeit, in der fast alle anderen Läden in der Stadt geschlossen sind.

Doch immer mehr Spanier spüren ihre Bank im Nacken. Um die vielen offenen Kredite bedienen zu können, müssen sie ihren Familienschmuck regelrecht verscheuern.

Glaubt man den offiziellen Zahlen sind inzwischen 24 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung arbeitslos. Allerdings arbeiten viele schwarz, die Schattenwirtschaft soll laut Experten 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts einbringen.

Spaniens Baustellen
Spanien hat wie die anderen südeuropäischen Euro-Länder von den niedrigen Zinsen in der Währungsunion profitiert und einen kräftigen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Ähnlich wie in Irland bildete sich eine Immobilienblase, die mit einem lauten Knall platzte: Der Bausektor fiel in sich zusammen, die Arbeitslosigkeit stieg rasant. Quelle: REUTERS
Seit 2008 stieg die Arbeitslosenquote von knapp über zehn auf fast 25 Prozent. Bei den Jugendlichen ist fast jeder Zweite arbeitslos. Hatten bislang vor allem ungelernte Arbeitskräfte in der Bauwirtschaft und im Servicebereich ihren Job verloren, trifft es jetzt auch qualifizierte Kräfte. Nach einem schwachen Wachstum in der ersten Jahreshälfte 2011 befindet sich Spaniens Wirtschaft jetzt wieder in der Rezession. In diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,7 Prozent schrumpfen. Quelle: dpa
Das Hauptproblem: Fortbildungsprogramme und Arbeitsvermittlung wurden bislang vernachlässigt, Teilzeitverträge existierten bislang fast gar nicht. Auf Seiten der Arbeitnehmer haben sich zu viele Angestellte in komfortablen Bedingungen eingenistet. Flexibilität und Mobilität bei Stellensuchenden sind so gut wie gar nicht ausgeprägt. Quelle: REUTERS
Ausgerechnet die Hochqualifizierten bewegen sich nun – mit fatalen Folgen für Spanien. Weil Jobs und Perspektiven für Akademiker fehlen, schauen sich junge Iberer zunehmend im Ausland nach Jobs um. In Deutschland könnte sie fündig werden. Die Bundesregierung warb im vergangenen Herbst um spanische Ingenieure. Mit Erfolg. Bis zum Jahresende 2011 bewarben sich mehr als 14.000 junge Iberer um einen Job zwischen Hamburg und München. Spanien droht nun der „brain drain“. Quelle: dpa
Ein weiteres Problem: Spaniens Regierungschef legt ein hohes Reformtempo vor – doch die Kommunal- und Regionalregierungen zeigen keinerlei Sparbereitschaft. Während die Zentraladministration seit 2001 ihr Personal um 22 Prozent reduziert habe, sei die Belegschaft der autonomen Gemeinschaften um 44 Prozent und die der Gemeinden um 39 Prozent gestiegen, rechnete Antonio Beteta vor, der Staatssekretär für öffentliche Verwaltungen. Quelle: REUTERS
Höhere Sozialausgaben und sinkende Steuereinnahmen aufgrund der Rezession und der Abwanderung von Hochqualifizierende führen zwangsläufig zu einem Anstieg der Verschuldung. Die Gesamtverschuldung liegt derzeit mit knapp 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zwar unter dem Schnitt der Eurozone, aber diese Zahl dürfte bis 2014 rasant wachsen. Die Ratingagentur Moody’s geht davon aus, dass die Verschuldung bis Jahresende bei rund 80 Prozent des BIPs liegen wird. Quelle: dpa
Auch die Finanzmärkte sind skeptisch. Zwar haben die großzügigen Geldausleihen der Europäischen Zentralbank (EZB), bei der sich vor allem südeuropäische Banken mit Liquidität versorgt haben, auch die Renditen spanischer Staatsanleihen auf ein erträgliches Niveau gedrückt. Doch die Anleger verlangten von Spanien zuletzt wieder höhere Renditen als für Italien – ein deutliches Zeichen des Misstrauens. Quelle: REUTERS

Doch auch die Spanier, die noch Arbeit haben, verdienen oft nicht mehr als 1500 Euro. Zum Vergleich: Eine 3-Zimmer-Wohnung in Madrid kostet rund 1000 Euro Miete pro Monat.

Die Reformen der aktuellen Regierung unter dem Konservativen Mariano Rajoy, angepeitscht aus Brüssel, finden auf den Straßen keine Unterstützung. Die Sparpolitik des Landes führt zu weniger Jobs und geringer Kaufkraft. So jedenfalls empfinden es die “Empörten”. Dazu gehört auch José Parra-Moreno, Geschäftsführer der Immobilienberatung für institutionelle Investoren, der Grupo Main. Der 52-Jährige hat die aktuelle Regierung gewählt, aber er ist bei Weitem nicht mit allen Umsetzungen einverstanden. “Einschnitte sind notwendig, aber sie müssen auch richtig kommuniziert werden. Viele befinden sich heute in einer wesentlich schlechteren Lage als vor den Wahlen im November. Damit hat kaum einer gerechnet.”

Das sind die Schuldenkönige Europas
A general view of the old town of Tallinn, Estonia Quelle: AP
Speaker of the Parliament of Finland Eero Heinaluoma,president-elected Sauli Niinisto, president Tarja Halonen Quelle: dapd
LuxemburgDer kleinste Flächenstaat der Welt hat 2011 nur 0,6 Prozent des BIPs an neuen Schulden aufgenommen. In Euro macht das putzige 253 Millionen Euro. Genauso hoch wie Luxemburgs Neuverschuldung war das operative Ergebnis der VW-Tochter MAN im ersten Quartal 2012. Quelle: dpa
Ein Aufkleber mit der Aufschrift «Made in Germany» und dem EU Symbol klebt auf einem Solarkollektor Quelle: dpa
View of the new embassy of Malta in Berlin Quelle: AP
Blick auf das hell erleuchtete Riesenrad im Prater in Wien Quelle: dpa
Europäische Länder-Flaggen hängen schlaff vor dem Europäischen Parlament in Brüssel, Belgien Quelle: dpa

Eine der kuriosen Folgen: Auf den Straßen der 6-Millionen-Einwohner-Metropole gibt es kaum noch Staus. Selbst nicht in Stoßzeiten. Denn auch Autos werden in der Krise überflüssig. Kredithaie beleihen sie inzwischen sogar. Aber noch schlimmer als das Auto abgegeben zu müssen, ist es, sein Haus zu verlieren: Rund um den touristischen Plaza Mayor, im Zentrum von Madrid schlafen immer mehr Menschen in Hauseingängen – ein bisher ungewohntes Bild für die Hauptstadt.

Ähnliches sieht es in Barcelona aus, wo die Zahl der Obdachlosen seit 2008 um 32 Prozent auf fast 3000 Menschen gestiegen ist. Rund 200 Häuser müssen in ganz Spanien täglich zwangsgeräumt werden. Oft trifft es Einwanderer aus Rumänien, Lateinamerika oder Marokko, die Anfang des Jahrtausends nach Spanien kamen – und in der Regel schnell eine Arbeit und eine Bank fanden, die ihnen eine Wohnung zu 100 Prozent finanzierte.

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