Spanien vor der Wahl Liberaler Shootingstar klingt wie spanischer Christian Lindner

Die Sparpolitik hat die regierenden Konservativen unbeliebt gemacht. Nun wird gewählt - und eine Protestpartei spielt die entscheidende Rolle.

Shootingstar: Der Liberale Rivera begann als Kämpfer gegen Kataloniens Sezessionisten - und klingt nun wie ein spanischer Christian Lindner.

Niemand will an diesem Abend ohne Selfie mit Albert Rivera nach Hause gehen. Also lässt der Chef der neuen, liberalen spanischen Partei Ciudadanos die Häppchen liegen, die im Anschluss an seine Rede im eng bestuhlten Festsaal eines Fischrestaurants auf der Ferieninsel Menorca serviert werden, stellt sein Zahnpasta-Lächeln zur Schau und lässt sich als Spaniens Shootingstar huldigen. „Die anderen Politiker lügen, wenn sie den Mund aufmachen. Rivera ist Realist“, sagt ein älterer Mann. „Dieses Mal wird er leider die Wahlen noch nicht gewinnen“, seufzt eine junge Frau. „Aber beim nächsten Mal ganz bestimmt. Rivera ist Spaniens Zukunft.“ Noch kein König, aber Königsmacher.

Schwung im Süden: Wirtschaftswachstum in Europa. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Am 20. Dezember, wenn Spanien ein neues Parlament wählt, wird der 36-jährige Jurist mitentscheiden, wer künftig das Land regiert. Erstmals seit dem Ende der Franco-Diktatur vor 40 Jahren wird es nämlich nicht für die Alleinherrschaft der konservativen Partido Popular (PP) oder der Arbeiterpartei PSOE reichen. Es wird eine Koalition geben. Während außerhalb Spaniens noch über die Rolle der linken Protestbewegung Podemos spekuliert wurde, weil deren Chef Pablo Iglesias sich als Politbruder des griechischen Regierungschefs Alexis Tsipras inszeniert, haben die Spanier ihre Sympathien einem Politneuling aus dem konservativ-liberalen Spektrum übertragen: Rivera. Dessen Partei ist zwar auch ein Resultat der Enttäuschung vieler Spanier mit dem klassischen Parteiensystem, ansonsten aber das genaue Gegenteil all der Protest-Populisten, die sonst in Europa derzeit reüssieren: Ciudadanos glaubt an die Kraft des Marktes, die Selbstheilungskräfte der Zivilgesellschaft – und die Verankerung Spaniens im Euro-Gefüge. So könnte Spanien anders als Griechenland oder Portugal ein Euro-Krisenland werden, in dem die Kritik an der aus Brüssel und Berlin verordneten Austeritätspolitik zwar in einer Abwahl der Regierung, nicht aber in einer Abkehr von der Realität mündet.

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Bloß kein Vorbild an Griechenland

An jenem Freitagabend auf Menorca Ende August tauschten etwa 150 Neugierige die laue Brise an der Hafenpromenade gegen die Wahlveranstaltung von Ciudadanos. Inzwischen füllt Rivera Kongresshallen. Anfang Dezember in Saragossa wollten ihn 1500 Leute hören. „Ich finde die Vorstellung, mit 60 in Rente zu gehen, auch toll“, nimmt der Vorsitzende in weißem Leinenhemd, hellblauen Hosen und Wildlederslippern eine Idee von Podemos aufs Korn. „Aber wer soll das bezahlen?“ Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle, wie die linke Protestpartei es fordert? „Wenn uns das Beispiel Griechenland eines gelehrt hat, dann das: Wir können keine Vorschläge machen, die nicht zu finanzieren und deshalb auch nicht umzusetzen sind. Das würde die Bürger nur mehr frustrieren als die Politik der aktuellen Regierung.“ Rivera will stattdessen die Mittelschicht stärken, „diejenigen, die heute zermalmt werden von hohen Steuern und doch der Motor Spaniens sind“, Firmengründungen binnen 24 Stunden ermöglichen, in Bildung und Forschung investieren.

Für eine kleine Weile glaubt man, einem spanischen Christian Lindner zu lauschen, käme dann nicht doch dieser Hieb gegen „Deutschland, das hartherzigste Mitglied Europas“. Die Südländer, fordert Rivera, „müssen die Euro-Regeln respektieren, aber auch über die Zahlung der Schulden verhandeln und über die Flexibilisierung der Haushaltsdefizite, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen“.

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