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Stärken-Schwächen-Analyse Wie gefährlich ist Italien wirklich?

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Italiens Stärken im Überblick

Stärke 1: Luxus

Während der Rest der italienischen Wirtschaft in den vergangenen Monaten erst langsam wieder aus der Krise fand, ist der Export von teuren Mode-, Design- und Genusswaren seit Ausbruch der Krise 2011 um 20 Prozent gestiegen. Die Guccis und Pradas, die Cucinellis und Armanis, die Antinoris und Illys verkaufen so viel wie nie zuvor.

Warum ihnen das derzeit besser gelingt als anderen Luxusherstellern? Weil in dem Land zwei Dinge zusammenkommen: Nirgendwo gelingt die Symbiose aus ganz altem Handwerk und ganz neuem Hightech besser – und eine neue Generation drängt in den Familien an die Macht. Heute beschäftigt die Mode-, Leder- und Schmuckindustrie in 69.000 Unternehmen mehr als 500.000 Menschen und setzt 83 Milliarden Euro im Jahr um – fast 60 Milliarden davon im Ausland.

Stärke 2: Cluster
Die italienische Wirtschaft lebt von einer Art analogem Netzwerk-Effekt: Unternehmen, die in einer Nische stark sind, scharen weitere Unternehmen aus diesem Bereich um sich. Durch gegenseitige Kooperation wächst man miteinander. Gucci ist dafür ein gutes Beispiel. Dutzende Zulieferer fertigen für sie in vielen kleinen Schritten. Alle davon sitzen in der Toskana, werkeln mit 10, 15 Leuten vor sich hin und ergänzen sich gegenseitig.

Das ist die Folge einer Besonderheit des italienischen Arbeitsrechts bis Ende des vergangenen Jahrhunderts: Firmen mit weniger als 15 Mitarbeitern mussten weniger strenge Arbeitsgesetze einhalten. Also gründete man lieber viele kleine Firmen als wenige Große. Als man sah, welche Vorteile das hat, behielt man die Struktur bei, als die Gesetze längst Geschichte waren.

Diese kleinen Unternehmen tummeln sich immer auf einem Fleck. Autoteile kommen aus dem Nordosten von Modena, Leder und Schuhe kommen aus Florenz, Brillen aus Belluno, Möbel aus Monza, Stoffe aus Empoli. Das Florentiner Ledergewerbe besteht aus einem Netzwerk von gut 600 Firmen, die alle auf kleinste Nischenhandwerke spezialisiert sind.

Dass dieses Cluster-Prinzip zukunftstauglich ist, zeigt eine andere Branche: Kaum ein Fleckchen in Europa hat eine solche Dichte an Finanz-Startups wie Mailand, kaum irgendwo entstehen so viele digitale Geschäftsmodelle wie im Trentino. Und diese Cluster setzen sich wiederum gemeinsam für ihre Interessen gegenüber dem Staat ein: Laut dem Digital Tax Index der Universität Mannheim ist Italien wegen seines Steuersystems das attraktivste Land für digitale Geschäftsmodelle unter den G7-Staaten.

Stärke 3: Infrastruktur

Auch wenn das Klischee anders geht: Zumindest im Norden des Landes verfügt Italien nicht nur über eine leistungsstarke Wirtschaft, sondern auch über eine ebensolche Infrastruktur. Autobahnnetz, Glasfasernetz und Schienennetz in Regionen wie Trient-Südtirol, der Lombardei, Venezien oder Piemont sind auf europäischem Top-Niveau.

Das Schnellzugsystem in der Nordhälfte des Landes gilt als so vorbildlich, dass gerade erst der weltgrößte Infrastrukturfonds 2,5 Milliarden Euro in den Erwerb des privaten Schnellzugbetreibers ntv („italo“) investierte.

Italienische Haushalte in vielen Städten des Landes haben zudem bereits, wovon die meisten deutschen Kunden noch immer träumen: einen Anschluss ans superschnelle Internet via Glasfaserkabel. Ein Gigabit pro Sekunde schaffen die Leitungen im Upload wie im Download, die der Energieversorge Enel nach und nach im Land verlegt. Manche deutschen Kunden können froh sein, wenn sie mit 16 Megabit pro Sekunde surfen können.

Ende 2015 gründete der Energiekonzern zusammen mit einer öffentlichen Pensionskasse ein Joint Venture, Open Fiber, das die Datenkabel verlegt und betreibt. Bis 2021 will das Konsortium 270 Kommunen erschlossen haben, die 9,5 Millionen italienische Haushalte abdecken. Etwa 32 der 60 Millionen Italiener hätten dann ein schnelles Internet von Enel. Kosten: knapp drei Milliarden Euro.

Fazit
Der Industrieverband Confindustria definierte vor den Wahlen drei Ziele für die künftige Wirtschaftspolitik: Innerhalb der nächsten fünf Jahre müssten 1,8 Millionen Arbeitsplätze geschaffen werden, das Bruttosozialprodukt sollte jährlich um zwei Prozent wachsen und der Schuldenstand um 20 Prozentpunkte gesenkt werden.

Nun, da sich die neue Regierung abzeichnet, muss man sagen: Keines dieser Ziele genießt unter Ministerpräsident Giuseppe Conte und den ihn stützenden Parteien besondere Bedeutung. Im Gegenteil: Die Ausgabenpläne der Regierung dürften die europäischen Partner genauso herausfordern, wie die im Regierungsbündnis kursierenden Vorstellungen zur Rolle der Währungspolitik.

Nur: Die italienische Wirtschaft ist nicht zu vergleichen mit der griechischen. Das Land birgt das Risiko, Europa in turbulente wirtschaftspolitische Zeiten zu stürzen. Dessen Wirtschaft aber ist robust genug, die ein oder andere politische Unebenheit abzufedern.

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