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Stephen Ross "Die Zentralbank ist dem Volk verpflichtet, nicht den Banken"

Der renommierte Finanzmarktexperte Stephen Ross fürchtet neue Preisblasen an den Vermögensmärkten – und warnt vor längerfristig steigender Inflation.

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Stephen Ross warnt vor längerfristig steigender Inflation. Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Professor Ross, Sie haben intensiv über die Finanzmärkte geforscht. Hat Sie Ihr Wissen zum Millionär gemacht?

Stephan Ross: Sagen wir es mal so: Es ist ganz gut gelaufen für mich. Meine Erkenntnisse haben mir bei der Geldanlage geholfen.

Der Kampf der EZB gegen die Krise

Von welchen Faktoren hängt die Rendite eines Investments ab?

Wenn jemand sein Geld nur in das Wertpapier eines Unternehmens steckt, hängt seine Rendite zu 75 Prozent von der Geschäftsentwicklung dieses Unternehmens ab. Diversifiziert er sein Portfolio, gleichen sich die unterschiedlichen firmenspezifischen Einflüsse aus, die Rendite hängt dann vor allem von der allgemeinen Marktentwicklung ab. Die wiederum wird von makroökonomischen Faktoren wie dem Wachstum, den Realzinsen und der Geldpolitik bestimmt.

Analysten versuchen, die Zinsentscheidungen der Notenbanken zu prognostizieren ...

... obwohl die Zentralbanken nur die Zinsen für kürzere Laufzeiten direkt beeinflussen. Bei längeren Laufzeiten von 20 Jahren und mehr ist der Einfluss der Notenbanker gering. Zwar haben die Zentralbanken durch die Käufe von Staatsanleihen die Renditen am langen Ende nach unten gedrückt. Aber es sind vor allem die Käufe und Verkäufe privater Investoren, die die Renditen am langen Ende des Marktes bestimmen.

Mit welchen Maßnahmen Regierungen und Notenbanken Sparer attackieren können
Instrument: NiedrigzinsAusgestaltung: Notenbank kauft (über Banken, die günstig Geld bekommen) Staatsanleihen; Notenbank hält Leitzinsen unten negativ betroffen wären/sind: Konten, Anleihen, Lebensversicherung, Betriebsrenten, Versorgungswerke Eintrittswahrscheinlichkeit: läuft bereits; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: Inflation frisst Zinsen; Sparen lohnt sich kaum; ••••∘ Vorteil für Staaten: niedrige Zinslast auf eigene Schulden historische Vorbilder: USA • = unwahrscheinlich/ sehr niedrige Einbußen; ••••• = so gut wie sicher/ sehr hohe Einbußen Quelle: dpa
Instrument: Inflation zulassenAusgestaltung: Notenbanken schöpfen weiter Geld; Bürger verlieren Vertrauen; Umlaufgeschwindigkeit des Geldes steigt negativ betroffen wären/sind: Bargeld, Konten, Anleihen, Lebensversicherung Eintrittswahrscheinlichkeit: aktuell gering; langfristig wahrscheinlich; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Hohe Inflation kann sämtliche Geldvermögen entwerten; ••••• Vorteil für Staaten: Schulden werden nicht auf dem Papier, aber real drastisch verringert historische Vorbilder: Deutschland 1923; Frankreich 18. Jahrhundert; Zimbabwe 2009 Quelle: dpa
Instrument: NegativzinsAusgestaltung: Notenbank setzt negativen Leitzins fest; Banken legen negative Zinsen auf die Guthaben von Sparern um oder verteuern Gebühren/Kredite negativ betroffen wären/sind: Konten Eintrittswahrscheinlichkeit: ist bereits in der Diskussion; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Erspartes leidet nominal durch Negativzinsen und real durch Inflation ••••∘ Vorteil für Staaten: höheres Wachstum durch ausgeweitete Kreditvergabe erhofft historische Vorbilder: Schweiz 1964, 1970er; Schweden; Dänemark Quelle: dpa
Instrument: VermögensabgabeAusgestaltung: Staat schneidet sich von allen Vermögenswerten einmalig ein Stück ab negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: je reicher desto härter; ••••∘ Vorteil für Staaten: kann Schulden sofort drastisch senken historische Vorbilder: Deutschland 1918/19, 1952 Quelle: dpa
Instrument: ZwangsanleiheAusgestaltung: Staat zwingt Bürger, einen Teil ihres Vermögens in Staatsanleihen zu packen; wird (teilweise) zurückgezahlt negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: hängt von Rückzahlungen ab; •••∘∘ Vorteil für Staaten: verschafft Spielraum bis zum Rückzahlungsdatum historische Vorbilder: Deutschland 1914, 1922/23 Quelle: dpa
Instrument: Neue SteuernAusgestaltung: Vermögensteuer, zum Beispiel ein Prozent auf steuerpflichtiges Vermögen (nach Abzug von Freibeträgen) negativ betroffen wären/sind: Vermögen generell Eintrittswahrscheinlichkeit: politische Forderung; ••••∘ wie gefährlich für das Vermögen?: für Vermögende; •••∘∘ Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen historische Vorbilder: Deutschland, wurde 1997 abgeschafft Quelle: dpa
Instrument: Neue SteuernAusgestaltung: Transaktionsteuer von 0,1 Prozent auf Aktien und Anleihen und 0,01 Prozent auf Derivate; fällig für jedes Geschäft negativ betroffen wären/sind: Aktien, Anleihen, Derivate; indirekt auch Fonds und Lebensversicherungen Eintrittswahrscheinlichkeit: politisch herrscht Konsens; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: drückt auch Rendite von Fonds und Versicherungen; •••∘∘ Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen historische Vorbilder: Deutschland 1881–1991; Schweden 1985–1992 Quelle: dpa

Welche Folgen hat die seit Jahren sehr expansive Geldpolitik?

Längere Phasen mit lockerer Geldpolitik führen unweigerlich zu höheren Preissteigerungen. Das trifft nicht nur Vermögensgüter wie Aktien und Anleihen. Auch die Preise für Güter und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs werden als Folge des Liquiditätsüberhangs früher oder später anziehen. Wann das geschieht, kann allerdings niemand vorhersagen.

Die Zentralbanken versuchen, die Zins- und Inflationserwartungen der Märkte zu steuern. Macht das Sinn?

Es ist vernünftig, wenn die Zentralbanken die Märkte auf Zinsänderungen vorbereiten, statt sie zu überrumpeln. Allerdings sollten sich Notenbanker davor hüten, allzu genaue Angaben über den Zeitpunkt von Zinsänderungen zu machen. Das versetzt die Märkte in Unruhe.

"Die EZB hat gewusst, auf welche Risiken sie sich einlässt"

Sollten die Zentralbanken neben den Preisen auch das Finanzsystem stabilisieren?

Die Zentralbanken sind dem Volk verpflichtet, nicht den Banken. Im Zentrum ihrer Überlegungen sollte daher die Frage stehen, welche Folgen ihre Entscheidungen für Inflation, Produktivität und Beschäftigung haben. Es ist ja nicht so, dass die Banken bisher unbeaufsichtigt gewesen wären. Seit Jahren stehen die Aufsichtsbehörden ständig bei den Banken auf der Matte. Viel gebracht hat das nicht. Warum sollte sich das jetzt ändern? Wenn man den Finanzsektor stabilisieren will, muss man die Banken zwingen, mehr Eigenkapital vorzuhalten.

Zur Person

Durch den Kauf von Staatsanleihen sind die Zentralbanken Gläubiger der Regierungen geworden. Gefährdet das ihre Unabhängigkeit?

Als Gläubiger der Regierungen haben die Zentralbanken ein Interesse daran, dass die Staaten ihre Schulden bedienen. Das kann zu Konflikten führen. In den USA ist die Gefahr angesichts der Kreditwürdigkeit der Regierung vergleichsweise gering. In Europa hingegen, wo die Europäische Zentralbank Anleihen von Ländern wie Griechenland gekauft hat, deren Solvenz nicht gesichert ist, sieht die Lage anders aus. Die EZB hat gewusst, auf welche Risiken sie sich einlässt. Den Druck, unter dem sie jetzt steht, hat sie selbst erzeugt.

Wie groß ist die Gefahr neuer Preisblasen an den Vermögensmärkten?

Europa



Die Niedrigzinsen sollten die Realwirtschaft ankurbeln. Doch bisher hat es keinen Schub bei produktiven Investitionen gegeben. Stattdessen fließt das Geld in die Aktienmärkte und macht Banker und Börsianer glücklich. Man muss schon sehr optimistisch für die Gewinnaussichten der Unternehmen sein, um die aktuellen Börsenbewertungen für vertretbar zu halten.

Und wenn die Blase platzt? Kommen dann die Zentralbanken mit der nächsten Geldspritze?

Sie meinen wie in China? Das wäre das Schlechteste, was die Zentralbanken tun können. Die Fed steht schon jetzt unter dem Verdacht, die Zinsen niedrig zu halten, um einen Kursrutsch zu verhindern. Die Zentralbanken sollten sich nicht am Auf und Ab der Finanzmärkte orientieren. Denn das gefährdet ihre Glaubwürdigkeit.

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