Studie Deutsche mögen Polen immer lieber - aber nur ein bisschen

Autodiebe, Schwarzarbeiter und Wodka - Vorurteile gegenüber Polen gibt es genug. Eine Studie zeigt, dass das Polen-Bild der Deutschen zwar positiver wird - eine entschiedene Verbesserung ist aber weiter Mythos.

Die Wahrheit über Polen
"Polen sind fleißiger als Deutsche", sagte Gauck und sorgte mit dieser Aussage für einiges Aufsehen. Statistisch gesehen hat er Recht: Polen arbeiten im Durchschnitt mehr als Deutsche. Die OECD spricht von 1.939 Jahresstunden in Polen und 1.419 Arbeitsstunden pro Jahr in Deutschland. Quelle: dpa
Von einer „polnischen Wirtschaft“ sprachen viele Deutsche früher, wenn sie einen schlecht geführten, unordentlichen Betrieb bezeichneten. Auch wenn man Unordnung schwer quantifizieren kann, so sprechen zumindest die Wachstumserfolge der gegenwärtigen polnischen Volkswirtschaft dafür, dass sie nicht so vollkommen chaotisch sein dürfte. Das Bild zeigt den früheren Präsidenten Lech Walesa an seiner ursprünglichen Wirkungsstätte, der Danziger Werft. Quelle: dpa
Polen ist besonders korrupt, lautet ein anderes Vorurteil. Tatsächlich liegt Polen nach dem Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International in Europa im Mittelfeld. Neun andere EU-Staaten sind korrupter als Polen – allen voran: Griechenland. Quelle: dpa
Für ihren unverrückbaren Katholizismus sind die Polen bekannt. Ein reines Vorurteil war – und ist – das sicher nicht. Der verstorbene Papst Johannes Paul II. – bürgerlich Karol Wojtyla – wird auch postum noch verehrt. Im Vergleich zu anderen europäischen Nationen sind die Polen sehr katholisch (etwa 90 Prozent) – allerdings mit ebenso abnehmender Tendenz wie in anderen westlichen Ländern. Die Zahl der Kirchgänger ist seit 1989 um ein Drittel geschrumpft. Quelle: dpa
Ebenso legendär wie ihr Katholizismus ist die Vaterlandsliebe der Polen. Auch die Aufteilung des alten polnischen Königreichs unter Preußen, Österreich und Russland und die Nichtexistenz eines unabhängigen Staates während fast des gesamten 19. Jahrhunderts änderte nichts am Nationalstolz. Gegen russische und deutsche Besatzer lehnten sich die Polen immer wieder auf, stets wurden sie geschlagen. Besonders brutal schlug im September 1944 die deutsche Besatzungsmacht einen Aufstand in Warschau nieder. Bundeskanzler Gerhard Schröder verneigte sich vor einer Gedenkglocke bei den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag des Warschauer Aufstandes am 1. August 2004. Quelle: AP
Wenn es um Galanterie geht, stehen die Polen traditionell ganz vorne. Einige Polen behaupten, dass der angedeutete Handkuss, mit dem ein Mann eine Dame begrüßt, von polnischen Adligen nach Frankreich exportiert wurde. Quelle: gms
Heilig ist in Polen nicht nur die Kirche und das Vaterland, sondern auch die Gastfreundschaft. In polnischen Familien wird an Weihnachten ein zusätzliches Gedeck aufgetragen, das nicht nur an verstorbene Verwandte erinnern soll, sondern auch einem unangemeldeten Gast zur Verfügung steht. Quelle: dpa

"Heute gestohlen, morgen in Polen" - Vorurteile über ihre östlichen Nachbarn haben die Deutschen genug. Der Autoklau ist nur eins der vielen Beispiele. Aber die Polen haben Grund zur Hoffnung. Denn das Bild der Deutschen von Polen hat sich laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung und des Warschauer Instituts für öffentliche Angelegenheiten zuletzt etwas verbessert. Insgesamt 70 Prozent der Befragten halten die gegenwärtigen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen für eher gut oder sogar sehr gut. Bei der letzten Umfrage im Jahr 2008 waren es erst 48 Prozent.

Als Nachbarn, Kollegen oder Mitbewohner können sich drei von vier Deutschen einen Polen gut vorstellen. Eine Mehrheit in Deutschland würde heute Polen als deutsche Staatsbürger, Freunde oder Chef akzeptieren, heißt es in der Langzeitstudie. Für die am Mittwoch vorgestellte Untersuchung wurden zum vierten Mal seit dem Jahr 2000 repräsentativ mehr als 1000 Deutsche ab 14 Jahren befragt.

Allerdings verlieren sich tief verwurzelte Vorurteile laut der Studie nur schleichend. "Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die entschiedene Verbesserung des deutschen Polenbildes in den letzten Jahren ein Mythos ist", schreiben die Autoren. Vor allem in der Gesellschaft herrschten immer noch Stereotypen vor. Auf die Frage, was sie mit den östlichen Nachbarn verbinden, fallen den befragten Deutschen noch immer Begriffe wie Kriminalität, Autodiebstahl, Schwarzarbeit oder Ostblock ein. Mit sieben Prozent ist Autodiebstahl die mit Abstand am häufigsten genannte Assoziation.

"Freundlich, gebildet, modern"

Die Wissenschaftler stellen aber fest, dass diese alten und verbreiteten Vorurteile langsam auf dem Rückzug sind. Seit 2006 bewerten die Deutschen ihre Nachbarn deutlich positiver. Positive Charaktereigenschaften wie freundlich, unternehmerisch, gebildet und modern wurden immer häufiger genannt. Deutlich weniger Befragte werteten Polen dagegen als rückständig, schlecht organisiert, verantwortungslos, intolerant, passiv-abwartend oder unfreundlich. Wobei die Sicht der Menschen in den ostdeutschen Bundesländern positiver ist als im Westen.

Auffällig ist allerdings, dass sich die Wahrnehmung von Polen in den deutschen Eliten aus Politik und Wirtschaft am stärksten verbessert hat. Insgesamt sei dagegen das große Unwissen der Deutschen über Polen immer noch auffällig, schreiben die Autoren der Studie. Zwar verbessere sich das Bild von Polen und seine Bevölkerung, allerdings verlaufe die Veränderung in den Köpfen der Deutschen langsam und habe sogar etwas an Dynamik verloren, wie die Bertelsmann-Stiftung mitteilte. Beispielsweise sei die Akzeptanz eines Polen als Arbeitskollegen um fünf Punkte auf 79 Prozent gesunken.

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Osteuropa-Experte Cornelius Ochmann von der Bertelsmann-Stiftung deutet dies aber nicht als Rückschritt, denn die abnehmende Akzeptanz sei nicht mit einem Anstieg der negativen Antworten verbunden gewesen. Vielmehr sei die Antwort „schwer zu sagen“ öfter gefallen. Die Forscher begründen das mit einem generellen Stimmungswechsel in den Jahren der Schuldenkrise in Europa. Die Befragten seien einfach zurückhaltender bei ihrer Bewertung geworden.

Parallel befragten die Meinungsforscher das Russland-Bild der Deutschen ab. Hier gab es 30 bis 50 Prozent schlechtere Bewertungen als beim direkten Nachbarn. „Die Sympathie der Deutschen gilt weiterhin dem Westen. Die Aussöhnungsprozesse mit den Niederländern und Franzosen sind abgeschlossen. Der Osten bleibt weiterhin der unbekannteste Teil der Nachbarschaft der Deutschen“, sagte Ochmann.

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