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S&P-Urteil Euro-Retter auf dem Irrweg

Die Kritik an der Abstufung von neun Euro-Ländern durch S&P führt in die Irre. Die Ratingagentur hatte keine andere Wahl.

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Luftballon in einer Pfütze Quelle: dpa

Nein, überraschend ist der Wirbel um die Herabstufung von gleich neun Ländern der Euro-Zone durch die Ratingagentur Standard & Poor’s nun wirklich nicht. Die Kritik an den Amerikanern war so vorhersehbar wie das Urteil von S&P selbst.

Im Dezember hatten die Bonitätsprüfer angekündigt, die Kreditwürdigkeit der Euro-Mitgliedsländer zu überprüfen. Bis zum 6. März musste das Urteil fallen. Wer die zähen Verhandlungen der Politik und die Auktionen von Staatsanleihen in den vergangenen Wochen verfolgte, der wusste: Eine Abstufung mehrerer Eurostaaten ist unausweichlich.

Wie die Agenturen bewerten
Wie die Ratingagenturen die Staaten bewertenDie Ratingagentur S&P hat Frankreich die Topnote entzogen, das sogenannte „Triple A“. Bereits im November hatte die Agentur die zweitgrößte europäische Volkswirtschaft herabgestuft - allerdings nur versehentlich aufgrund eines „technischen Fehlers“. Ratings (S&P/Moody's/Fitch): AA+/Aaa/AAA Quelle: dapd
Österreich hat Anfang 2012 sein Spitzenrating verloren, jedenfalls wenn es nach S&P geht. Experten bemängeln, die Regierung von Kanzler Werner Faymann habe nicht ausreichend gespart. Zudem sei die österreichische Wirtschaft stark mit der italienischen verwoben. Wenn die Krise im Nachbarland weitergeht, könnten andere Agenturen folgen. Doch bislang blieb alles beim alten. Ratings (S&P/Moody's/Fitch): AA+/Aaa/AAA Quelle: Reuters
Ungarische Gedenkmünze Quelle: dpa
Portugiesischer Euro unter der Lupe. Quelle: dpa
Die Ära Silvio Berlusconi ist zu Ende, Mario Monti übernimmt. Doch die Probleme Italiens wachsen weiter. Der italienische Schuldenberg ist der zweitgrößte in Europa. Nur Griechenland hat noch mehr Schulden. Alle drei großen Ratingagenturen haben die Kreditwürdigkeit des Landes herabgestuft, weitere Negativurteile drohen. An den Anleihemärkten sind die Renditen inzwischen auf Niveaus gestiegen, zu denen sich Italien kaum noch refinanzieren kann. Rating (S&P/Moody's/Fitch): A/A2/A- Quelle: dpa
Die Ratingagenturen haben den Daumen über Griechenland als erstes gesenkt. Bereits im Juni 2011 stuften sie das Land als erstes aus Europa auf Ramschniveau herab. Mittlerweile ging es wieder bergauf. Nur Moody's hält seit März 2012 das Rating auf dem niedrigsten Niveau. S&P und Fitch sind etwas nachsichtiger – auch deshalb hat Athen die rote Laterne beim Rating der EU-Staaten abgegeben. (S&P/Moody's/Fitch): B-/C/B- Quelle: Reuters
Premierminister José Luis Rodriguez Zapatero wird die Sorgenfalten nicht los. Spanien bewertet die Ratingagentur Fitch seit Ende Januar mit A statt AA-minus. Die Ratingagentur Moody’s hatte die Bonitätsnote von Spanien bereits im Herbst um zwei Stufen gesenkt, auf "A1". Die Ratingagentur setzte zudem den Ausblick für die Note auf "negativ", in Zukunft sind also weitere Abstufungen möglich. Spanien bleibe in der Krise weiterhin für Marktturbulenzen anfällig, erläuterten die Bonitätswächter. Das Land habe einen großen Finanzierungsbedarf und außerdem hoch verschuldete Banken und Konzerne. Zudem werde ein schwaches Wirtschaftswachstum das Erreichen der ehrgeizigen Sparziele erschweren. S&P hat seine Drohungen wahr gemacht und das Land als eines von neun Euro-Staaten herabgestuft. Quelle: dapd

Seit Monaten etwa musste Frankreich, bis zum Freitag wie Deutschland ausgezeichnet mit der Top-Bonitätsnote, deutlich mehr Zinsen für neue Kredite zahlen als Berlin. Lange vor der Herabstufung durch S&P bewerteten die Gläubiger Frankreich rund zwei Bonitätsklassen schlechter als die Ratingagenturen.

Stockende Verhandlungen und verwässerte Reformpläne

„Ich glaube nicht, dass Standard & Poor's wirklich begriffen hat, was wir in Europa schon auf den Weg gebracht haben“, entgegnete Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Montag im Deutschlandfunk trotzig. Alle Länder hätten schon Maßnahmen zur Reduzierung ihrer Defizite in Kraft gesetzt. Wirklich? Fakt ist: Seit dem Durchbruch beim Euro-Sondergipfel im Dezember in Gipfel stocken die Verhandlungen über einen Fiskalpakt innerhalb der Europäischen Union.

Italiens Ministerpräsident Mario Monti, der in der Tat Reformen in seinem Land einleitete, drängte zuletzt auf eine Verwässerung der Reformpläne. Selbst die Europäische Zentralbank warnte vor einer Aufweichung der Schuldenreduzierungspläne.

Anders als die zornige Stimme des Volkes

Angela Merkel, Nicolas Sarkozy Quelle: dpa

Europa, das ist die bittere Wahrheit, ist zum großen Teil überschuldet. Die Staatsdefizite steigen unaufhaltsam weiter an, in Italien und Spanien, in Frankreich und Griechenland. Die Hellenen beispielsweise sind auch nach 18 Monaten Dauer-Hilfe ein hoffnungsloser Fall. Dennoch fließen aus den anderen Eurostaaten immer weitere Milliarden nach Athen, immer weniger Fortschritte macht gleichzeitig das Land.

Wäre die Troika, bestehend aus Vertretern aus IWF, Europäischen Zentralbank und der Europäischen Union, die das Land seit heute wieder untersucht, frei von politischem Einfluss, sie würde kein anderes Urteil fällen können als die Ratingagenturen: Griechenland ist de facto pleite. Wer Milliarden in das Land pumpt, kann nicht damit rechnen, sein Geld je wiederzusehen. Und so belastet das Land auch die Kreditwürdigkeit seiner Gläubiger, insbesondere auch den anderen Ländern Europas.

Übrigens: Standard & Poor’s vertritt, anders als die zornige Stimme des Volkes glauben machen will, keine Einzelmeinung. Auch Fitch hatte zum Ende des vergangenen Jahres die Eurozone ins Visier genommen und etwa Spanien, Italien und Irland mit der Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit gedroht. Der Ausblick für das französische Rating wurde von „stabil“ auf „negativ“ gesetzt. Die Chance, dass Frankreich auch bei der zweiten großen US-Ratingagentur sein Top-Rating innerhalb der kommenden zwei Jahre einbüßt, liegt bei knapp über 50 Prozent.

An alle Verschwörungstheoretiker

Allen Anhänger einer Verschwörungstheorie made in USA sei zudem noch einmal gesagt: Anfang August 2011 stufte S&P die Vereinigten Staaten wie nun Frankreich ebenfalls um eine Stufe von „AAA“ auf „AA+“ herab.

Statt zu jammern oder beleidigt zu sein, sollten Europas Politiker die Schuldenkrise nachhaltig und entschieden bekämpfen – und ihre Rettungspolitik überdenken. Statt zu agieren, folgen Berlin, Paris und Brüssel seit Monaten nur noch dem Druck der Märkte. Merkel, Sarkozy und Barroso, selbst die Währungshüter von der Europäischen Zentralbank, haben mit ihrer Euro-Politik das eingebüßt, was sie eigentlich auszeichnen sollte: Unabhängigkeit und Entscheidungsgewalt.

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