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Tauchsieder

Aus griechischer Sicht...

Politik und Medien haben es geschafft: In Deutschland wird wieder mit scheelem Blick auf andere Nationen herab geblickt. Was sich unterdessen in Griechenland tut, scheint niemanden mehr zu interessieren. Wer genauer hinsieht, muss erkennen: Tsipras ist eine Gefahr - und eine Hoffnung.

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Alexis Tsipras ist Gefahr und Hoffnung für Griechenland. Quelle: Bloomberg

Für die vielen Griechenland-Fachleute, die es neuerdings in Deutschland gibt, ist die Sache sonnenklar: Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras (Syriza) hat eine 180-Grad-Wende hingelegt. Er hat sein Volk am vergangenen Sonntag gegen die Reformpläne der „geldgebenden Institutionen“ abstimmen lassen, um dieselben Reformpläne, ein wenig verschärft sogar, höchstselbst an diesem Sonntag in Brüssel mit durchzuwinken - was für eine verrückte Volte!

Welchen Sinn ergeben Tsipras’ Kapriolen? Führt uns der linke Schelm aus Athen mal wieder an der Nase herum? Oder läuft er möglicherweise mitten hinein in ein Glaubwürdigkeitsproblem, in eine innenpolitische Krise, die ihm den Kopf kosten wird? Was werden seine linken Parteifreunde, was werden die Griechen überhaupt von einem Mann halten, der ein scharfes „Oxi“ (Nein) vor acht Tagen zum Trompetensignal der nationalen Würde erklärte - und der ihnen nun ein entschiedenes „Nai“ (Ja) verordnet?

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Nun - die Griechen werden Alexis Tsipras folgen, so wie sie ihm vergangene Woche gefolgt sind und verwunderlich ist das nicht. „Tsipras ist ein politischer Pop-Star in Griechenland“, sagt Gregory Vallianatos, der Vorsitzende der kleinen Oppositionspartei „Liberale Allianz“ - ein Mann, der sich vor einer Woche das Mandat geholt habe, an diesem Sonntag mit weitreichenderen Reformen im Gepäck nach Hause zu kommen als die, zu deren Durchsetzung die Altparteien nie fähig waren.

Dazu muss man wissen, dass die „Jasager“ und „Neinsager“ sich vor einer Woche zerrissen einig waren in  Griechenland: Denn die meisten Griechen sehnen nicht nur das Ende der Krise herbei und wollen auf jeden Fall in der Euro-Zone bleiben; sie haben vor allem auch restlos genug von Nea Dimokratia (Konservative) und Pasok (Sozialisten/Sozialdemokraten), die sich das Land seit vier Jahrzehnten im Wechsel zur Beute ihrer Klientelpolitik gemacht haben. Dass beide Parteien die Bevölkerung für ein „Ja“ erwärmen wollten, empfinden viele Griechen sehr zu recht als Provokation. 

Seit vergangener Woche nun werden die Karten in der griechischen Politik ganz neu gemischt. Das hat vor allem drei Gründe. Erstens: Die Griechen mögen sich in den vergangenen Jahren an die Krise gewöhnt haben wie an die Sommerhitze; sie ist zu einem Teil ihres Alltags geworden und lähmt das Land.

Aber mit den Kapitalverkehrskontrollen bekam der Mangel eine neue, handfeste Qualität: Die Banken verliehen kein Geld mehr. Die griechischen Lieferanten verlangten Bargeld. Die ausländische Exporteure von Medizin und Nahrungsmitteln hielten ihre Waren im Lager. Apple und Amazon wiesen griechische Nutzer zurück, die ihre Rechnung über einheimische Konten und Kreditkarten begleichen wollen. Die Touristen wurden nervös und stornierten ihre Buchungen. Die Hotels auf den Inseln entließen ihre Halbjahreskräfte. Die Situation spitzte sich spürbar zu: Ein Land zwischen Gelassenheit und Vulkanausbruch.

Zweitens: Das politische Günstlingssystem beginnt seit einiger Zeit zu bröckeln - erstmals seit vier Jahrzehnten zeichnet sich am Horizont die Chance einer leicht transparenteren Demokratie nach mitteleuropäischen Maßstäben ab.

Das liegt zum einen an den parteilosen Bürgermeistern von Athen (Giorgos Kaminis) und Thessaloniki (Giannis Boutaris), die für viele Griechen so etwas wie positive Gegenentwurf zum nationalen Filzsystem sind. Und das liegt zum anderen daran, dass die größte Oppositionspartei Nea Dimokratia das Referendum nutzte, um ihre Vorsitzenden Andonis Samaras zu trennen, das personifizierte Sinnbild eines prinzipienlosen Politikers in Griechenland. 

Nationale politische Einheit

Drittens schließlich hat Tsipras alle Oppositionsparteien, abgesehen von Kommunisten und Nationalsozialisten, am Tag nach dem Referendum ins Boot geholt und damit so etwas wie eine nationale politische Einheit hergestellt.

Stavros Theodorakis zum Beispiel, der die sozialliberale To Potami führt und entschieden „Nai“ protegierte, saß am Wahlabend noch einigermaßen fassungslos an seinem Schreibtisch in der Parteizentrale, starrte abwechselnd auf Laptop und Fernseher, versuchte die Niederlage einzusortieren und schüttelte frustriert den Kopf: „Tsipras hat das Land vergiftet mit Nationalismus.“ Nein, er erwarte nicht, dass der Regierungschef auf die anderen Parteien zugehen, um Unterstützung für seinen Kurs werben werde, so Theodorakis bitter: „Die haben doch alle Lösungen.“

Und auf die Frage, mit welchen politischen Absichten Tsipras nun in die Gespräche gehen werde, antwortete Theodorakis sarkastisch: „Was weiß ich? Keiner weiß es. Wahrscheinlich nicht einmal er selbst. Ein schlechtes Programm wäre besser als gar kein Programm.“ Und doch - keine 24 Stunden später stand auch Theodorakis hinter der Marschroute von Tsipras: Seither sprechen die Griechen gegenüber Europa (vorerst) mit einer Stimme.

Yannis Tsironis Quelle: imago images

Der Grund dafür ist denkbar einfach: Ein Grexit wird in Athen als Bedrohung der Stabilität und inneren Ordnung wahrgenommen. „Es kommt jetzt alles darauf an, den Lobbyisten der Drachme zu widerstehen“, sagt Umweltminister Yiannis Tsironis, der einzige Politiker der Oikologoi Prasinaoi (Grüne) im Kabinett von Ministerpräsident Alexis Tsipras. Er ist sich in diesem Punkt restlos einig mit dem neuen Oppositionsführer und ehemaligen Wirtschaftsminister Kostis Chatzidakis (ND): „Die Rückkehr zur alten Währung wäre ein nationales Desaster", so Chatzidakis: „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Hardliner in Athen und Brüssel siegen - und der Grexit unser Land zugrunde richtet.“

Kostis Chatzidakis Quelle: Nils Bröer für WirtschaftsWoche

Natürlich, darüber, wie es mit dem Land weiter gehen soll, haben die beiden ganz unterschiedliche Vorstellungen. Tsironis, dessen Ministerium sich in einem schmucklosen Hochhaus außerhalb des Regierungsviertels befindet, ist der Auffassung, dass Griechenland kein Staats-, kein Banken, kein Steuer- und kein Fiskalproblem hat, sondern vor allem ein Produktionsproblem:

„Wir brauchen das Vertrauen der Investoren, um unsere Wirtschaft zu stabilisieren“, sagt Tsironis. „Wir können es uns nicht länger leisten, dass uns alle drei Wochen oder Monate der Bankrott droht - oder angedroht wird.“ Das Entscheidende, so Tsironis weiter, sei deshalb „eine nachhaltige Vereinbarung, die uns die nötige Zeit gibt, uns endlich auch auf das zu konzentrieren, was zu tun ist.“

Er selbst zum Beispiel möchte endlich loslegen mit seinem „rural planning“ - und die Landschaft ordnen in Schutz- und Nutzgebiete, in Tourismus- und Agrarregionen - „aber das ist nur möglich, wenn nicht alle Politik unter dem Vorbehalt der nächsten Deadline steht.“

Kostis Chatzidakis ist ein ganz anderer Politiker-Typ, ein Mann, dem der gute Ruf voraus eilt, das griechische System von innen heraus reformieren zu wollen: integer, selbstkritisch, veränderungsbereit. Er trägt Anzug und Krawatte statt Kurzarmhemd, auf seinem Schreibtisch herrscht die Ordnung der klaren Linien statt papiernes Chaos, sein Büro ist mit Parkett ausgelegt und nicht mit Linoleum, fein möbliert, nicht schmucklos-altfunktional.

An der Wand hängen die Reproduktionen zweier Stiche, eine Panorama der Hauptstadt aus dem Jahre 1889 und eine alte Karte seiner Heimat Kreta, auf dem Schreibtisch liegt die neueste Ausgabe der „Foreign Affairs“ und eine Essaysammlung von Albert Camus. Chatzidakis meint, sein Land stehe derzeit vor zwei zentralen Herausforderungen.

Erstens: Alle Griechen müssen zusammen stehen. Zweitens: Griechenland muss im Euro bleiben. Alles andere sei vorerst nachrangig. Die Gefahr sozialer Spannungen sei mit der überparteilichen Vereinbarung noch nicht ausgestanden, so Chatzidkakis: Tsipras müsse nun beweisen, dass das Nein der Griechen kein „Nein“ zum Euro und schon gar nicht zu Europa gewesen sei - und „er muss diesen Weg jetzt zu Ende gehen“. Dass Tsipras damit endgültig zum dominierenden Politiker des Landes aufsteigt - damit hat Chatzidakis bis auf Weiteres kein Problem: „Die Lage ist ernst. Es geht jetzt nicht um Parteien. Sondern um Griechenland. Wir sind dazu verdammt, den Weg aus der Krise gemeinsam zu gehen.“

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