WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Tauchsieder

Was heißt Gewalt? Was Sicherheit?

Seite 3/3

Für Frieden und Sicherheit soll Rechtsstaat sorgen

Siedentops große Leistung besteht darin, dass er das revolutionär-emanzipatorische Potenzial des Christentums minutiös zurückverfolgt bis zu seinen Anfängen: Paulus, Augustinus, Duns Scotus und William von Ockham sind seine wichtigsten Gewährsleute. Am Ende ist ihm mit Blick auf die "Geschichte des Westens" und seiner Werte eine kühne Entmystifikation der Antike und der Aufklärung gelungen - und eine beeindruckende Rehabilitation der Frühkirche und des Mittelalters. Mag sein, dass er dabei zuweilen die Meriten des Christentums glorifiziert. Dem Lesevergnügen und dem intellektuellen Reiz sind seine Einseitigkeit und Übertreibungslust nur förderlich - nicht zuletzt, weil Siedentop es gelingt, dem Christentum dabei auch die Fähigkeit zur Selbstaufklärung zuzusprechen: Die Leistung, Gottes Willen zum Maßstab seiner persönlichen Lebensführung zu machen, ohne dabei die Autorität weltlicher Gesetze und Institutionen zu unterlaufen, die Leistung auch, das Superioritätsgefühl des gottgefälligen Ausgezeichnet-Seins mit der frohen Botschaft der Nächstenliebe auszusöhnen, erbringt das Christentum zu guten Teilen vor dem Advent der Aufklärung (und steht dem Islam als vielleicht wichtigste Aufgabe noch bevor).

"Frankreich hat zur Expansion des Terrorismus beigetragen"
Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras hat die Terroranschläge von Paris als „Barbarei“ verurteilt. „Wir vereinigen alle unsere Kräfte und stärken die Solidarität mit dem französischen Volk“, sagte Tsipras am Samstag in einer Fernsehansprache an das griechische Volk. „Es ist unser aller Pflicht, die Werte des Humanismus und der Freiheit zu beschützen.“ Europa werde „ein Land der Freiheit und der Demokratie bleiben“, fügte Tsipras hinzu. Quelle: AP
Der syrische Machthaber Baschar al-Assad hat den Westen für die Ausbreitung des Terrors mitverantwortlich gemacht. Die Terrorangriffe seien untrennbar damit verbunden, was seit fünf Jahren in Syrien passiere, sagte Assad der amtlichen Nachrichtenagentur SANA zufolge am Samstag bei einem Treffen mit einer Delegation französischer Politiker und Medienvertreter. „Die fehlgeleitete Politik der westlichen Staaten, vor allem Frankreichs (...) haben zur Expansion des Terrorismus beigetragen“, sagte Assad. Quelle: AP
Bundeskanzlerin Angela Merkel Quelle: AP
Bundespräsident Joachim Gauck sagte, die Trauer macht am Rhein nicht halt. „Aus unserem Zorn über die Mörder müssen Entschlossenheit und Verteidigungsbereitschaft werden. Auch dabei stehen wir an der Seite der Franzosen.“ Er betonte: „Die Terroristen werden nicht das letzte Wort haben.“ Quelle: dpa
Nach den Anschlägen in Paris hat der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy dem Terrorismus den Kampf angesagt. „Sie können uns Schaden zufügen, sie werden uns aber nicht besiegen“, sagte der konservative Regierungschef in einer Rede in Madrid. Mit fester Stimme fügte Rajoy im Regierungspalast Moncloa an: „Heute sind wir alle Frankreich!“  Quelle: dpa
Frankreichs Präsident Francois Hollande Quelle: AP
US-Präsident Barack Obama Quelle: REUTERS

2. Jörg Baberowski, Räume der Gewalt

Für den Berliner Historiker Jörg Baberowski ("Räume der Gewalt", erschienen im Fischer Verlag) ist Thomas Hobbes ein wichtiger Gewährsmann, weil er sich einer Gewaltforschung verpflichtet fühlt, die nicht nach den Vorkehrungen fragt, um Gewalt zu vermeiden, sondern nach Situationen, die die Entstehung von Gewalt begünstigen und ihre Dynamiken verständlich machen. Baberowski, bekannt für seine Forschung über den Stalinismus, hält Gewalt für eine anthropologische Grundtatsache: Man dürfe nicht hoffen, sie bannen, gar überwinden zu können. Mehr noch: Nur wer Gewalt als lauernde Möglichkeit und latente Bedrohung begreift, so Baerowski, kann auch Vorkehrungen treffen, sie zu beherrschen.

Zur Bekräftigung seiner These hat Baberowski einen mitreißend-verstörenden Essay geschrieben, der argumentative Eleganz mit der Kraft suggestiver Rhetorik und der Anschaulichkeit schwer erträglicher Augenzeugenberichte verbindet. Im zitatreichen Rückgriff auf die einschlägige Literatur - Norbert Elias, Elias Canetti, Michel Foucault, Wolfgang Sofsky - zerlegt er zunächst den liberalen Doppelmythos vom „Prozess der Zivilisation“ (Verfeinerung der Sitten, Affektkontrolle, zunehmende Gewaltaversion) und vom „Wandel durch Handel“ (friedlich tauschende Kaufleute).

Dann nimmt er die These von der „strukturellen Gewalt“ auseinander, die hinter allen Hierarchien Machtausübung, hinter aller Ungleichheit ein Herrschaftsinstrument vermute. Und schließlich macht Baberowski Front gegen eine rein negative Anthropologie, die den Menschen als Freiheitsbestie imaginiert - als Instinktmaschine, die ihre zivilisatorischen Grenzen verlässlich überschreite, sobald die Verhältnisse es erlaubten und das Denkbare machbar erscheine.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Europa



    Baberowski beharrt demgegenüber auf „Räume der Gewalt“, die Optionen zu ihrer Entgrenzung eröffnen - Optionen, von denen manche Menschen im Fall der Fälle Gebrauch machen, manche aber auch nicht. Sein kalter Blick auf Kriege, Lager und Pogrome schmerzt, denn mit Baberowskis Beispielen wächst die Einsicht: Der Mensch hat die Fähigkeit zur Selbstverrohung, die Disposition zur Gewalt, aus Lust, aus Freude, aus Langeweile, aus Gewohnheit - aus Gelegenheit. Was bleibt, ist kein Trost, nur dauernde, heikle Aufgabe: die Organisation eines Rechtsstaates, der weiß, dass Menschen töten können - und sich daher seine Macht erhält, für Frieden und Sicherheit zu sorgen.

    Dem Autor auf Twitter folgen:


    Inhalt
    Artikel auf einer Seite lesen
    Zur Startseite
    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%