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Tauchsieder
Demonstration gegen die EU-Urheberrechtsreform zu Artikel 13 Quelle: imago images

Ich bin Facebook

Im Streit um das Urheberrecht maskieren Netzaktivisten ihr Eintreten für den Kostenlos-Konsum als Kulturkampf für die Freiheit – und degradieren sich zum Büttel der Digitalkonzerne.

Peter Sloterdijk hat einmal sehr schön beschrieben, dass die res publica der Römischen Republik aus dem Geist der Empörung entstand: Nachdem Sextus Tarquinius, der Sohn des Gewaltherrschers, die tugendhafte Lucretia vergewaltigt hat, lehnt sich das römische Volk gegen Willkür, Tyrannei und Machtmissbrauch auf, um sich hinfort nur noch selbst auferlegten Regeln zu unterwerfen. Für die Selbstbestimmung eines Gemeinwesens, so könnte man das Beispiel analogisch lesen, ist nicht eine bestimmte Idee von Freiheit grundlegend. Sondern das entschiedene Eintreten einer Mehrheit für die Abschaffung der Unfreiheit. 

Der dreifache Vorteil eines derart defensiven Freiheitsbegriffs liegt auf der Hand: Er verdeutlicht erstens, dass die Erschließung eines Freiheitsraumes seiner Nutzung logisch vorausgeht. Zweitens, dass auch die „negative“ Freiheit immer von den Wertvorstellungen „positiver Subjekte“ getragen wird, die sich einen Raum für geteiltes, regelbasiertes Tun oder Lassen eröffnen. Und drittens, dass auf dem weiten Feld der Freiheit allerlei angebaut werden kann – dass aber die Grenzen dieses Feldes von einer universal geltenden Definition dessen bestimmt werden, was Unfreiheit elementar bedeutet: in der Macht eines anderen zu stehen.

Es ist daher keine Lappalie, sondern ein recht peinliches Ärgernis, mit welcher Unverfrorenheit vorwiegend junge Netzaktivisten dieser Tage nicht nur eine Banalisierung des Freiheitsbegriffs zu Markte tragen, sondern dass sie sich im Namen dieser Freiheit auch noch zum naiven Sachwalter von Konzernen degradieren lassen, deren Geschäftsmodell auf die Sedierung eines bürgerrechtsbasierten Freiheitsbewusstseins, auf eine Eliminierung der „öffentlichen Sache“, kurz: auf die Durchsetzung von Unfreiheit zielt. So genannte „Influencer“, die sich auf Vermittlungsplattformen wie Youtube zu Propagandisten der Vermittlungsplattformen herabwürdigen; Wikipedianer, die auf die strikte Neutralität ihrer schwarmintelligent hergestellten Wissensprodukte schwören und mit der eintägigen Abschaltung ihres Angebots zugleich hochpolitisch, noch dazu im untergangsprophetischen Wachtturm-Stil („Dies ist unsere letzte Chance“ …) agitieren; nicht zuletzt der eifernd-aktivistische, abstoßend kraftwortreiche Hohn, der sich in asozialen Netzwerken über die angebliche Ahnungslosigkeit vor allem von CDU-Politikern ergießt, die in Brüssel an der geplanten EU-Urheberrechtsreform arbeiten - die Selbstblindheit und -gerechtigkeit, mit der sich die Agitateure in die Rolle von Zwergmariannen einer „Freiheit des Internets“ imaginieren, um das politisch streitbare Ziel seiner Billigkeit als Marktplatz kostenlos handelbarer Kollektivgüter durchzusetzen, ist wirklich atemberaubend. 

Nein, liebe Leute, die Freiheit führt nicht mehr das Volk; sie camoufliert sich und verführt es – als oligopoler Silicon-Valley-Komplex, der sich zur Durchsetzung seiner lobbyistischen Interessen auf die Bataillone netzromantisch bewegter Volks-Piraten verlassen kann: „Ihr, unsere Opfer, seid unsere engsten Verbündeten“, schreibt der US-Informatiker Jaron Lanier in einem fiktiven Dankesbrief der Valley-Konzerne - zu Recht: Spätestens seit den Hinweisen auf botgesteuerte Wahlen in den USA und Großbritannien und Facebooks Datenlecks ist klar, dass das Internet kein digitaler Kirchentag ist, bei dem sich Wohlgesinnte wechselseitig ihrer St.-Martins-Solidarität versichern, sondern ein datenkapitalistisches Schlachtfeld, auf dem es um die Annexion von Kundeninformationen, die Aggregierung von Macht, die Konzentration, Distribution und Zirkulation von geld- und interessegeleiteter Information geht. Wie blind müssen Menschen anno 2019 also etwa sein für die freiwillige Unterwerfung unter die inhaltlichen Filter, manipulierten Nachrichtenlisten und werbeinduzierten Steuerungen von Facebook, um gleichzeitig zu glauben, sich gegenüber der EU als Sachwalter der „Meinungsfreiheit“ aufspielen zu können? 

 Unfreiheit bedeutet, in der Macht eines anderen zu stehen? Es wird Zeit, dass die Netzaktivisten erstens ihren Blick dafür schärfen, dass sie mit dieser Unfreiheit selbst gemeint sein könnten. Und zweitens, was mit der Vereinseitigung ihrer Freiheitsperspektive sonst noch auf dem Spiel steht. Denn wenn Amazon-Chef Jeff Bezos vor allem vom „Kunden“ her denkt und Netzaktivisten vor allem vom „User“, heißt das auch, dass ihnen die Freiheit aller anderen, die zugleich Kunden und User sind - etwa der Mitarbeiter und Produzenten – nicht ganz so sehr am Herzen liegt. Das ist diskutabel. Nur sollte man sein Eintreten für den Kostenlos-Konsum nicht als Kulturkampf für eine Freiheit maskieren, die man anderen meint vorenthalten zu können. In Artikel 13 der geplanten Urheberrechtsreform geht es um einen Ausgleich von Interessen zwischen Urhebern, Nutzern und Plattformbetreibern, das ist alles. Plattformen, die mit der Distribution urheberrechtlich geschützter Werke Geld verdienen, sollen diese Werke nicht mehr unerlaubt zugänglich machen dürfen, sich statt dessen Genehmigungen einholen. Was soll daran schlecht sein? Kommerzielle Anbieter entlohnen Autoren, Musiker, Künstler über Verwertungsgesellschaften, die deren Interessen wahrnehmen, daran ist nichts neu – und wer daran etwas ändern will, müsste erst einmal erklären, warum er meint, Urheber sollten vor der unregulierten Versamplung und Vermarktung ihres geistigen Eigentums ungeschützt sein.

Es gibt Gründe, die gegen das Reformwerk sprechen, ausgerechnet die finanzkräftigsten Plattformen dürften die Folgen und Kosten der „Uploadfilter“ am besten minimieren können. Aber es ist ganz gewiss nicht so, dass die EU in diesen Wochen die Meinungsfreiheit aufs Spiel setzt. Daran arbeitet die Facebook-Generation mit ihrem grotesken Protest im Dienste von Mark Zuckerberg schon selbst, genauer: an der sukzessiven Verkleinerung des öffentlichen Raumes, in dem „das Politische“ als Politisches verhandelbar ist. Denn das ist ja das eigentliche Ziel von Facebook: die Schließung eines Freiheitsraumes, in dem die Wertvorstellungen „positiver Subjekte“ suspendiert sind, damit Nutzern die Freiheit schier grenzenlos erscheinen kann. Konkreter gesprochen: Es geht Facebook um die datenbasierte Steuerung politisch abgeschalteter Konsumenten, deren derivativer und deprivierter Begriff von Freiheit sich allein darin erschöpft, rund um die Uhr surfen zu können. Facebook kommt es auf Zerstreuung und Entpolitisierung, auf die Kraft von Zahlen, Floskeln, Klicks an, auf die Einebnung aller Sinnhierarchien, die Nivellierung alles Bedeutenden, die Egalisierung von Politik, Wirtschaft und Kultur, auf die Zerstörung der öffentlichen Sphäre und die Schaffung eines Raums für konzernkapitalistisches Emotionsmanagement – auf die Ausleuchtung, Ausbeutung und algorithmisch optimierte Zurichtung unseres Privatlebens.

Facebook bringt uns durch die systematische Trivialisierung der Welt einander näher – indem es uns Nutzern die Denk- und Diskursfähigkeit abtrainiert. Es zählt der Trend, nicht die Bedeutsamkeit. Das „Gefällt mir“, nicht dessen Grund. Die Präsenz des Hier-und-Jetzt-Ereignisses, nicht die Arbeit an einem Ziel. Als Begleitagentur des augenblicklich Sich-Vollziehenden gilt Facebooks Interesse der medial vermittelten Verdopplung einer Realität, die sie abbildet, erzeugt und deren Teil sie zugleich ist. Dadurch schafft Facebook die Bedingungen einer Kommunikation, die alles Zeitliche und Erzählerische zugunsten einer unendlichen Serie von Momenten tilgt – die mit hoher Geschwindigkeit um Augenblicke kreist, deren „Sinn“, „Wahrheit“ und „Bedeutung“ allein in der sofortigen Rückkopplung, in der instantanen Bezeugung anderer Nutzer besteht. Die Menschen werden arretiert im Taumel unaufhörlicher Gegenwart, sind pausenlos unterwegs von Augenblick zu Augenblick, schockstarr eingefroren im unverbundenen Nach- und Nebeneinander des objektiv Wichtigen und subjektiv Banalen. Anders gesagt: Im Präsentismus von Facebook kommt die Gegenwart ganz zu sich, weil Nutzer (und Wähler) in ihr nicht mehr den Anspruch entwickeln können, der Vergangenheit eine bessere Zukunft schuldig zu sein. Alles ist, im doppelten Wortsinn, gleich.

Es sei denn, die EU stört. Dann lassen wir uns von Facebook mobilisieren. Dann stehen wir für Facebook auf. Dann machen wir Stimmung. Empören uns. Gegen die Willkür, die Tyrannei, den Machtmissbrauch der Politik. Ich bin Facebook. Ende der Geschichte.  

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