WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Tauchsieder

Was heißt Gewalt? Was Sicherheit?

Seite 2/3

Liberale Gesellschaften bleiben politischer Goldstandard

Was aber folgt daraus? Erstens: Keine Toleranz der Intoleranz. Die liberalen Gesellschaften des Westens, zu denen sich alle Welt zustimmend oder ablehnend verhält, sind und bleiben - aller Geschichte und allen Widersprüchlichkeiten zum Trotz - der politische Goldstandard. Sie sind von ihrem normativen Gehalt her stärker als alle anderen Staatsformen und Gesellschaften von Ideolgieferne bestimmt und aller Eiferei abhold. Allein der Westen hält den Menschen im umfassenden, das heißt existenziellen Sinne fähig zur Freiheit.

Zweitens: Nur aus der Ambivalenz der individuellen Freiheit, die ein Versprechen ist und eine Zumutung zugleich, kann eine starke Form der Toleranz erwachsen - ein starker Staat starker Bürger, die je ihre eigene Authentizität und Identität entwickeln und einander in Respekt begegnen, die mit- und gegeneinander um Kompromisse und beste Lösungen ringen. Dass dabei Aspekte der Freiheit einen kategorialen Vorrang vor Aspekten des Respekts genießen, versteht sich von selbst: In liberalen Gesellschaften darf sich jeder über Jesus, Mohammed und die Skurillitäten der humanistischen Lebenskunde lustig machen, muss es aber nicht.

Das bedeuten die Anschläge in Paris für Deutschland

Drittens: Echte Toleranz erwächst aus Differenz: Sie lässt das Andere im festen Bewusstsein des Eigenen gelten. Das heißt unter anderem: Religion ist nicht Privatsache - warum auch? Jeder darf auf ihre Vorzüge hinweisen, ihre Symbole tragen, darf ein Kopftuch tragen und sich bekreuzigen in der U-Bahn, so wie sich dort auch zwei Frauen küssen und Männer mit Kapuzenpullis aufhalten dürfen, die mit dem Schriftzug „I Love Putin“ bedruckt sind. An eben diesem starken (Selbst-)Bewusstsein für das Eigene indes, für die Vorzüge von Freiheit und Toleranz, scheint es vielen Bürgern im Westen mittlerweile zu mangeln: am tief eingewurzelten Bewusstsein auch für die kulturellen Wurzeln der Abendlandes - und auch am festen Willen, diese Vorzüge, ganz im Sinne von Hobbes, zu sichern.

Was am Freitag in Frankreich passiert ist
Freitag, 13. November, 21.20 UhrEin Selbstmordattentäter zündet seinen Sprengstoffgürtel in der Nähe eines Eingangstores des "Stade de France" im nördlichen Vorort Saint-Denis. Dabei sterben der Angreifer und ein Passant. In dem Stadion findet das Fußball-Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland statt. Quelle: REUTERS
Frankreichs Präsident Francois Hollande und der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier sehen zu. Quelle: dpa
21.25 UhrIm zehnten Arrondissement schießen an der Kreuzung Rue Bichat und Rue Alibert Bewaffnete auf Menschen, die auf der Terrasse der Bar "Le Carillon" und des Restaurants "Petit Cambodge" sitzen. Dabei sterben 15 Menschen, zehn überleben schwer verletzt. Quelle: dpa
21.30 UhrVor dem "Stade de France" zündet ein zweiter Selbstmordattentäter seinen Sprengstoffgürtel und stirbt. Nun wird der französische Präsident über die Vorkommnisse informiert - Steinmeier sitzt zu diesem Zeitpunkt noch auf der Tribüne. Quelle: AP
Bewaffnete eröffnen das Feuer vor der Bar "A La Bonne Biere" Quelle: dpa
Restaurant "La Belle Equipe" in der benachbarten Rue de Charonne Quelle: AP
Ein Selbstmordattentäter sprengt sich im Restaurant "Le Comptoir Voltaire" am Boulevard Voltaire im elften Arrondissement in die Luft. Quelle: dpa

Zu beiden Themen, zu den kulturellen Wurzeln des Westens sowie zur Sicherung von Gewalt bedrohter Freiheit, sind zuletzt zwei exzellente Bücher erschienen. Beide öffnen den Blick über die Augenblicksdebatten hinaus, die derzeit im Angesicht des Terrors geführt werden.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    1. Larry Siedentop - Die Erfindung des Individuums: Der Liberalismus und die westliche Welt

    Die meisten Historiker verlegen die "Erfindung des Individuums" immer noch ins 18. Jahrhundert, ins Zeitalter der Aufklärung, und sprechen dabei allenfalls dem Renaissance-Humanismus des 15. Jahrhunderts eine vorbereitende Rolle zu. Individuelle Freiheit, so das Klischee, hat was mit Voltaire und Diderot zu tun, mit der Amerikanischen Verfassung und der Französischen Revolution, mit der Überwindung von Glaube und Aberglaube durch Wissenschaft, Vernunft und Kritik. Der amerikanische Politikwissenschaftler Larry Siedentop ("Die Erfindung des Individuums", erschienen im Klett Verlag) stellt diese große Erzählung der westlichen Welt vom Kopf auf die Füße. Die Idee der Selbstbestimmung, so seine zentrale These, kommt nicht erst durch die Kritik am Christentum, sondern viel früher, durch das Christentum selbst, in die Welt.

    Neu ist Siedentops Gedanke nicht. Dass seit der Anrufung eines einzigen, jenseitigen, sich offenbarenden Gottes alle irdische Macht (des Königs, des Grundherren) kritisierbar ist, weil sie unter dem Vorbehalt vorstaatlicher Moralvorstellungen (der Untertanen, Bauern) steht, haben bereits Karl Jaspers, Hans Joas oder Charles Taylor dargelegt. Demnach verhilft der Monotheismus der Idee unveräußerlicher Menschenrechte zum Durchbruch: Er räumt Gläubigen die Möglichkeit ein, sich gegenüber Gott auf ihr persönliches (!) Gewissen zu berufen. Seither ist das Gesetz der inneren Stimme allgemein-gültiger als das irdische Recht und die Qualität individueller Absichten wichtiger als alle sozialen Ordnungen.

    Inhalt
    Artikel auf einer Seite lesen
    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%