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Tauchsieder
Quelle: imago images

Vorsicht, Weltversimpler!

Alle Welt liest Yuval Harari und Francis Fukuyama. Warum bloß? An ihren Büchern kann es nicht liegen. Eine Abrechnung – und fünf Empfehlungen.

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In fast jedem Artikel über Yuval Noah Harari taucht der Hinweis auf, dass Barack Obama, Angela Merkel und Bill Gates das ein oder andere Buch von ihm gelesen haben. Der israelische Historiker hat sich mit „Eine kleine Geschichte der Menschheit“ und „Homo Deus“ in den intellektuellen Jetset hochgeschrieben. Auch wenn es dafür keinen vernünftigen Grund gibt. Wohl aber drei Erklärungen.

Erstens: Harari agiert wie ein rhetorischer Notenbanker: Wie diese Geld, schöpft jener Behauptungen aus dem Nichts, um sie mit weiteren Behauptungen parataktisch zu verknüpfen - und um auf diese schwarzkünstlerische Art die Illusion von Schlüssigkeit zu erzeugen. Einmal in der Welt, kann man um Fiat-Sätze wie „Die Menschen wollen ewig leben“ oder „Sapiens folgen einer warmen sozialen Logik“ oder auch „Menschen sind von Natur aus egalitär“ lauter hübsche Luftschlösser bauen – so lange jedenfalls, bis sich ein Leser fragt, ob sie wirklich von der Realität gedeckt sind. 

Zweitens: Harari legitimiert seine Behauptungssätze, indem er sie der Basisbehauptung zugrunde legt, er, Yuval Harari, überblicke megaauktorial, adleraugenhaft, fast göttergleich alle Zeit- und Weltläufte. Und weil das so ist, kann er mit der Welt spielen wie ein Legoland-Ingenieur, munter deskriptive Passagen mit normativen Ansprüchen vermischen und umgekehrt: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - alles fließt ineinander, Hauptsache, der scheinlogische Drive stimmt, und ja, das muss man ihm lassen, das kann Harari fürwahr: seinen Texten einen hochdramatisch-tragischen, fast straussopernhaften Ton verpassen - eine harmonische Spannung erzeugen, die ihre Überwältigungskraft aus der Dissonanz von Schwarzmalerei, Determinismus und tapferem Optimismuszwang bezieht. Kurzum, der allwissend dunkelraunende Sound macht bei Harari die Musik: Der Mensch, der bei ihm immer zugleich Menschheit ist, hat zuerst die Religion erfunden, um sich von ihr betäuben und beherrschen zu lassen, und er unterwirft sich jetzt den Algorithmen der Datenkonzerne - das ist Hararis waltende Weltgeschichte in Kurzform: Halb machte der Mensch sie, halb sank er vor ihr hin: „Wir können nicht auf die Bremse treten“, weil sich „eine gewisse Prägung durch die Vergangenheit nun einmal nicht vermeiden lässt“ aber, aber: „Über gewisse Entscheidungsfreiheiten verfügen“ wir doch, weil Harari uns mit seinen Dystopien auch irgendwie einladen will, „die Zukunft zu verändern“.

Drittens: Ohne zeit- und grenzenüberschreitende Siebenmeilenstiefelei kann man ganz buchstäblich nicht als Autor von Welt reüssieren. Nur wer ambivalenzscheu simplifiziert und mit kräftigen Strichen zeichnet, wer Geschichte zur schwungvollen Story umdeutet und das Denken alter Denker entzeitlicht, indem er sie zu Sprüchespendern degradiert, kann als intellektuelle Zirkusnummer auf internationalen Foren, Messen, Konferenzen herumgereicht werden, um im Wege einer prächtig entlohnten Keynote Weltpolitiker und Globalmanager momentweise zu irritieren. Denn diese Weltpolitiker und Globalmanager haben vor allem eines: wenig Zeit. Weshalb sie nach großen Erzählungen dürsten, nach Komplexitätsreduzierungskünstlern und ihren Erzeugnissen. Von dem Ein-Thesen-Buch, dass sie im Halbjahr lesen, um beim Geschäftsessen in New York, Rio, Tokio ein Gespräch anknüpfen zu können: Schafft die Menschheit vor lauter Glücks-, Gesundheits-, Lebens- und Optimierungsgier, sich als erfindungsreicher „Homo Deus“ selbst ab?

Auch Francis Fukuyama hat den deutschsprachigen Teil der Menschheit gerade wieder mit einem Buch beehrt, „der meistzitierte amerikanische Intellektuelle der Gegenwart“, heißt es im Einband. Wahrscheinlich soll es ein Versprechen sein. Tatsächlich fragt man sich nach der Lektüre, wie es um den Zustand unserer „Wissensgesellschaft“ bestellt sein muss, wenn sie sich vor allen anderen ausgerechnet auf diesen Politikwissenschaftler bezieht. Worum geht es? Nun, Fukuyama hat bekanntlich vor fast drei Jahrzehnten den Siegeszug der liberalen Demokratie gefeiert. Es bleibe noch ein bisschen kulturelle Überzeugungsarbeit und Raum für zivilisatorische Vervollkommnung, das schon, aber prinzipiell sind wir am „Ende der Geschichte“ angelangt, weil jeder Mensch nach ein bisschen Frieden, Wohlstand, Selbstbestimmung strebe. Es war das Buch zum Weltgefühl - das Buch, das den Sieg der Demokratie über den Kommunismus, zugleich den hegelschen Traum von wechselseitiger Anerkennung und Würde, von der sukzessiven Aufhebung aller Herr-und-Knecht-Verhältnisse feierte.

Das Weltgefühl heute? Irgendwie anders. Weshalb Fukuyama auch nicht mehr vom Ende der Geschichte schreibt, sondern von den Verzögerungen, denen dieses Ende ausgesetzt ist. Nicht, dass er etwas zurückzunehmen hätte, nein: Fukuyama ist spätestens seit dem 11. September 2001 mit der Verteidigung seiner These beschäftigt, und verwendet alle Energie darauf, sie aktualisierend umzudeuten. Und so dengelt er mal wieder am griechischen Begriff, an der antiken Seelenlage, der anthropologischen Gemütskategorie thymos herum - ein weites Sinn- und Wortfeld fürwahr, von Homer bis Platon und Aristoteles - ein Wortfeld, das mit deutschen Vokabeln wie Wut, Zorn, Ehre, Würde, Stolz und Anerkennung großräumig umzäunt, aber nicht treffend übersetzt werden kann.

Wobei – was interessieren einen wie Fukuyama die Griechen und die Philologen, die Welt ist mächtig durcheinander und furchtbar kompliziert, also wandeln wir uns den thymos identitätspolitisch an, um wieder mal ganz auf der intellektuellen Mittelhöhe der Zeit zu sein. Fukuyamas rettungslos abgehangene Ein-Satz-These diesmal: Die Demokratisierung der Würde hat zu einer Egalisierung der Werte geführt: Weil wir heute jedem und allem gegenüber Respekt bezeugen, sei uns der Sinn für das Gehaltvolle und Gemeinsame abhanden gekommen. Die Linken hegen pluralen Identitäten (Migranten, Homosexuelle, Schwarze). Die Rechte und der Islamismus pflegen homogene Identitäten (Nation, Rasse, Religion). Weshalb Linke und Rechte sich in der Mitte treffen müssen, um der Zersplitterung der Gesellschaften entgegenzuwirken, so Fukuyama: Was es braucht, sei ein neues, bekenntnishaftes Nationalbewusstsein.

 

Damit könnte auf den ersten Blick, mit Jürgen Habermas und abzüglich aller Hoffnung auf politische Geländegewinne dank der Arbeit von supranationalen Institutionen wie der EU, eine Art Verfassungspatriotismus gemeint sein, der alle parzellierten Gruppenidentitäten überwölbt. Ist es aber nicht. Fukuyama schwebt statt dessen etwa die Ablegung eines Treueeids vor, die Einführung eines zivilen oder militärischen Pflichtdienstes, die Stärkung der Außengrenzen, die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft, eine leitkulturelle Assimiliation von Ausländern. Kann man diskutieren. Weil Fukuyama damit aber offenbar alle anderen Identitäten (Kultur, Religion, Region, Geschlecht, Sozialisation) zugleich relativieren und marginalisieren will, könnte man auch sagen: Fukuyama möchte den Teufel des Chauvinimus mit dem Beelzebub des Nationalismus austreiben. 

Die Dürftigkeit der These wird nur noch unterboten von der Schamlosigkeit, mit der Fukuyama sich sinnentstellend an Geistesgrößen der Vergangenheit, vor allem an der Dialektik Hegels, versündigt und sinnverzerrend bei Autoren der Gegenwart bedient - nur um einen rettungslos ungeordneten Textbrei anzurühren, der die abstrakten thymos-Begriffe unterschiedslos auf alle Zeiten, Kulturen und Weltregionen anwendet - und in dem „die Geschichte“ immer dann als anonymer Akteur auftaucht, wenn mal wieder irgendein Unsinn behauptet werden muss: Das „lange 19 Jahrhundert“ wird dann etwa „Zeuge“ von zwei konkurrierenden Versionen der Würde, während „im frühen 20. Jahrhundert“ eine „universalistische Doktrin“ hinzukam und sich nach 1945 zwei „Pole“ ausbildeten… - immer passiert bei Fukuyama irgendwie irgendwas, ein rhetorischer Notenbanker auch er, der Thesen aus dem begründungslosen Nichts schöpft, Abstraktheit auf Abstraktheit stapelt und unkonkrete Entwicklungen aus unkonkreten Entwicklungen hervorgehen lässt: „Sämtliche bestehenden Nationen sind das historische Produkt einer Mischung aus Druck und Konsens.“ Was das heißen soll? Keine Ahnung. Ein unlesbares, ja: unverschämtes Buch.

Was sie statt dessen lesen könnten: Axel Honneths „Anerkennung. Eine europäische Ideengeschichte“ (2018) zum Beispiel; hier werden Hegel, Rousseau und Smith als, nun ja: thymotische Vordenker klug und kritisch gewürdigt, nicht gedemütigt. Charles Taylors „Quellen des Selbst“ (1996) oder George Meads „Geist, Identität und Gesellschaft“ (1973) natürlich - in beiden Klassikern wird die Komplexität des Themas Identitätsbildung gründlich, umfassend, geist- und quellenreich veranschaulicht, nicht oberflächenpolitisch ausgebeutet. „Die Sakralität der Person“ (2015) von Hans Joas auch, um sich dem Thema Menschenrechte und Menschenwürde anzunähern. Oder auch „Zorn und Zeit“ von Peter Sloterdijk, um sich des thymos-Themas einmal leselustig anzunähern. So viel Zeit haben Sie nicht? Ach was. Immerhin habe ich Ihnen vier, fünf Stunden mit Harari und Fukuyama erspart! 

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