Terror in Paris "Der Terror wird nie aufhören, solange es den IS gibt"

Europa steht nach den Anschlägen des IS unter Schock. Sicherheitsberater Florian Peil erklärt, welche Gefahr der "Islamische Staat" für Deutschland birgt und warum der Westen mit weiteren Anschlägen rechnen sollte. Ein Interview.

Die Anschläge in Frankreich haben große Anteilnahme ausgelöst Quelle: REUTERS

WirtschaftsWoche Online: Die Anschlagserie in Paris reiht sich ein in eine Vielzahl von versuchten und gelungenen Anschlägen in Europa. Hat der „Islamische Staat“ (IS) den Krieg, den er im Nahen Osten führt, endgültig nach Europa getragen?

Florian Peil: Es ist noch zu früh für eine valide Analyse. Ich hoffe nicht, dass solche Attacken Terroranschläge ein Teil unserer Lebenswirklichkeit werden, aber ich rechne dennoch fest mit weiteren Anschlägen, insbesondere von Einzeltätern begangenen Klein- und Kleinstanschlägen. Die Anschläge von Paris stellen für Europa aufgrund ihres hohen Grads an Planung und Koordination jedoch eine neue Dimension der Bedrohung durch den Terror dar.

Das bedeuten die Anschläge in Paris für Deutschland

Nach dem Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ Anfang des Jahres wurden die Sicherheitsmaßnahmen in Frankreich erhöht. War das nicht genug?

Die französischen Sicherheitsbehörden sind grundsätzlich sehr fähig und haben die Möglichkeit - im Gegensatz zu den Deutschen – vergleichsweise robust vorzugehen. Das Problem ist nur, dass die jihadistische Szene in Frankreich sehr groß und allein dadurch kaum zu überwachen ist. Bis Ende dieses Jahres sind mehr als 1000 Franzosen nach Syrien und in den Irak ausgewandert - von denen nun einige wieder heimkehren.

Die Heimkehrer werden von den Sicherheitskräften beobachtet.

Ja, aber nicht dauerhaft. Gerade in Frankreich ist auffällig, dass den Behörden die bisherigen Attentäter vor der Tat als „Gefährder“ bereits bekannt waren und viele vorübergehend unter Beobachtung standen. Ergeben sich im Zeitraum der Beobachtung keine Auffälligkeiten, wird die Überwachung nach einer Weile eingestellt. Für eine dauerhafte Beobachtung fehlen die Ressourcen – personell wie finanziell. Die Sicherheitskräfte in Frankreich arbeiten spätestens seit dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ am Limit.

In Frankreich wurden nach dem Angriff auf „Charlie Hebdo“ die Abhörgesetze verschärft. In Deutschland wurde die Vorratsdatenspeicherung wieder eingeführt. Was bringen solche Maßnahmen?

Mehr Informationen sind nicht zwangsläufig die Lösung, will man Anschläge verhindern. Denn mehr Informationen können auch den Blick verstellen. Sie müssen ausgewertet werden, wofür wiederum mehr Personal gebraucht wird. Derartige Informationen sind jedoch vor allem nach einem Anschlag sehr nützlich: Sie helfen, die Hintergründe der Terroristen aufzuklären und ihre Netzwerke zu zerschlagen. Zur Verhinderung von Anschlägen haben solche Maßnahmen bislang nur wenig beigetragen, wenn überhaupt.

Sind weiche Ziele, wie die, die in Paris angegriffen wurden, denn überhaupt zu schützen?

Auf Dauer ist es nicht möglich sie zu schützen. Es gibt – in Frankreich wie in Deutschland – Abertausende solcher Ziele, wir können nicht vor jedem Restaurant Polizisten positionieren. Zumal die für solche Situationen oft gar nicht oder nur unzureichend ausgebildet sind.

Das schreiben die französischen Zeitungen zu den Anschlägen

Welche Konsequenz ist daraus zu ziehen? Sollten wir uns aus Syrien und dem Irak zurückziehen und hoffen, dass der IS uns fortan in Frieden lässt?

Nein, das ist keine Option. Die jüngsten Anschläge...

... das mutmaßliche IS-Attentat auf das russische Flugzeug in Sinai, der Anschlag in Beirut gegen die Hisbollah, der Anschlag in der Türkei und nun die Attacke gegen Paris...

... waren alles Attacken auf diejenigen, die den IS im Irak und in Syrien an vorderster Front bekämpfen. Der IS hat durch den Druck seiner Gegner in den vergangenen Wochen deutliche Gebietsverluste hinnehmen müssen, die Rede ist dabei von bis zu 25 Prozent des Territoriums. Die Anschläge könnten den Versuch darstellen, die Koalition von den Kämpfen in Irak und Syrien abzulenken, um ein wenig Luft zu gewinnen und das eigene Territorium zu stabilisieren. Stört die Anti-IS-Koalition beim Projekt der Staatenbildung nicht weiter, so mag uns das vielleicht kurzfristig ein wenig Ruhe verschaffen – aber sobald der IS sich wieder stabilisiert hat, wird er wieder zu expandieren versuchen. Das wird nie aufhören, solange es den IS gibt. Die Anschläge sind aber auch ein Signal an die Gegner des IS: Sie müssen einen Preis für ihren Kampf gegen den IS bezahlen.

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