Terror in Paris Frankreich erlebt den lange gefürchteten Alptraum

Sicherheitskräfte rechneten seit Monaten mit Terrorattentaten in Paris. Verhindern konnten sie sie nicht. Über die Zustände in Paris und die Folgen für das Land berichtet unsere Frankreich-Korrespondentin.

Kerzen werden in Frankreich angezündet. Quelle: REUTERS

Es war genau das Szenario, das französische Sicherheitsexperten seit langem befürchtet hatten: mehrere gezielte Anschläge zur gleichen Zeit in der Hauptstadt Paris. Sie hatten sich vorbereitet, wie sie darauf am schnellsten reagieren würden. Nur verhindern konnten sie sie nicht. Als die Attentäter am Freitagabend zuschlugen, starben mindestens 128 Menschen. Fast 200 wurden zum Teil schwer verletzt. Viele von Ihnen schweben in Lebensgefahr.

Am Tag danach gleicht Paris einer Geisterstadt. Wer nicht unbedingt etwas zu erledigen hat, bleibt zu Hause. Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat an alle appelliert, sich keiner unnötigen Gefahr auszusetzen. Denn noch immer ist nicht klar, ob und wenn ja, wie viele der Attentäter noch flüchtig sind und womöglich weitere Ziele im Visier haben. Acht Terroristen wurden nach Angaben der Sicherheitskräfte in der Nacht getötet beziehungsweise sprengten sich selbst in die Luft.

"Wir sind in einem Kriegszustand, und das wird noch lange so bleiben", sagt der Politologe Bruno Tertrais. "Dieser Krieg geht uns alle an", sagt der Militärstratege Pierre Servent. "Krieg", das ist an diesem Samstag ein häufiges Wort, auch Präsident François Hollande benutzte es am Vormittag in einer kurzen Fernsehansprache. Gegen wen er geführt werden muss, scheint auch klar. Die Attentate seien von einer "Terrorarmee, dem IS", verübt worden, sagte der Staatschef. Sie seien außerhalb Frankreichs geplant und mit Hilfe von Komplizen auf französischem Staatsgebiet umgesetzt worden.

Das schreiben die französischen Zeitungen zu den Anschlägen

Claude Moniquet, Ex-Mitarbeiter des französischen Auslandsgeheimdienstes DGSE, warnt, die Bedrohung sei nach dem gestrigen Abend nicht vorbei. "Wir müssen sehr schnell in Erfahrung bringen, ob dort draußen noch Komplizen der Attentäter unterwegs sind und ob logistische Zellen ihrerseits zur Tat schreiten können. Auf lange Sicht muss man sagen, dass wir eine andere Dimension der Gefahr erreicht haben." Bereits seit den Anschlägen Anfang Januar auf die Redaktion der Satire-Zeitung "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt in Paris waren die Sicherheitsvorkehrungen in Frankreich verschärft worden. An Bahnhöfen, Flughäfen und bei Touristen beliebten Orten patrouillierte bewaffnetes Militär.

Dass die Anschläge am Freitag dann an Plätzen verübt wurden, die kaum touristische Sehenswürdigkeiten aufweisen, aber gerade am Wochenende eine Vielzahl von Einheimischen in die Bars, Restaurants und Konzertsäle ziehen, ist für Stéphane Barthoment deshalb keine Überraschung. "Wir wissen, dass wir durch die verstärkte Präsenz von Sicherheitskräften in den Straßen kein Attentat irgendwo in Paris verhindern können", sagt der ehemalige Polizist und Autor der Sachbücher "La fabrique du jihad" (Die Dschihad-Fabrik) und "Le jour où la France tremblera" (Der Tag, an dem Frankreich erzittern wird).

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