Terror in Paris Noch ein 9/11 käme Europa teuer zu stehen

Präsident Obama spricht, als habe Europa in Paris Anschläge wie am 11. September 2001 erlitten. Es ist vor allem eine Warnung. Reagieren die Europäer nun wie damals die USA, wäre der Preis enorm: politisch, moralisch, ökonomisch. 

Noch ein 9/11 käme Europa teuer zu stehen Quelle: dpa

Die Anschläge von Paris in Amerika zu erleben, weckt viele Erinnerungen an die Tage nach dem 11. September 2001: Das kollektive Entsetzen, die Trauer, die Fassungslosigkeit, das Gefühl der Bedrohung. Aber auch der Gedanke daran, dass es damals die Franzosen waren, die den Satz prägten: “Wir sind alle Amerikaner” (Le Monde). Nun fließt das Mitleid in die umgekehrte Richtung. Deswegen hat es US-Präsident Barack Obama auch nur gut gemeint, als er von einem Angriff auf die gesamte zivilisierte Welt sprach, ganz so, als erlebe nun Europa seinen 11. September. Gleichzeitig erschrecken viele, die die Jahre nach diesem Tag in den USA erlebt haben, vor genau so einer Analogie. Denn ohne die Opfer und den Schock der Attacken von damals verharmlosen zu wollen - die amerikanische Reaktion auf die Terroranschläge kann nicht zum Nachahmen einladen. Sie war für Amerika und die Amerikaner in höchstem Maße eins: teuer. 

Das bedeuten die Anschläge in Paris für Deutschland

Der rasch ausgerufene "Krieg gegen den Terror" ist moralisch kostspielig gewesen. Denn Amerika, die Opfernation, wandelte sich binnen kurzem in einen vor Rachelust schäumenden Aggressor. Für den Einsatz in Afghanistan fand sich noch breite Unterstützung, auch in Deutschland, für den Feldzug in den Irak so gut wie gar nicht mehr. Selbst George H. W. Bush, Vater des damals verantwortlichen US-Präsidenten und auch eines möglichen neuen republikanischen Hoffnungsträgers, hat gerade heftige Kritik an dieser Art von Außenpolitik - ausgeführt von mächtigen Schatten-Eminenzen wie Dick Cheney und Donald Rumsfeld - geäußert. Diese haben keine neue Weltordnung geschaffen, sondern eine neue Weltunordnung. 

Dieser Krieg hat, auch nicht zu vergessen, den Nahen und Mittleren Osten noch mehr destabilisiert und so zu den aktuellen Problemen der Flüchtlingskrise maßgeblich beigetragen. Gleichzeitig verlor die Nation, deren Gründung so sehr für Menschenrechte stand, dass Frankreich ihr eine "Freiheitsstatue" vermachte, schrittweise ein wenig ihre Seele - in den Einzelzellen von Guantanamo, in den geheimen Flügen der extraordinary rendition, in den Folterkammern von Abu Graib, ja auch in den NSA-Abhörprotokollen. 

Dieser Krieg ist aber auch politisch kostspielig gewesen. Die Tage nach den Anschlägen waren in den USA erfüllt von einem Geist der Gemeinschaft, des Anpackens, auch des Opferwillens. Doch die Bush-Regierung riet den Landsleuten damals, shoppen zu gehen, sie wollte keinen neuen Gemeinsinn, sondern ungestört seine neue Weltunordnung planen. Davon hat sich das politische System in den USA noch nicht erholt, genauso wenig wie von den Lügen über Massenvernichtungswaffen im Irak, die Glaubwürdigkeit der Medien und der Politik erschütterten. Amerikanische Politik ist in den vergangenen 15 Jahren noch schriller geworden, noch parteiischer, auch noch abhängiger von den Zuwendungen einzelner Großspender. Der Zirkus der aktuellen republikanischen Bewerber für das Präsidentenamt um den Politclown Donald Trump unterstreicht diesen Trend. 

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