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Thorsten Polleit EZB-Politik "kann in Hyperinflation enden"

Der Degussa-Chefökonom Thorsten Polleit warnt die Zentralbank vor dem Versuch, Staatsschulden wegzuinflationieren und prophezeit das Ende des Papiergeldes.

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Degussa-Chefökonom Thorsten Polleit Quelle: Oliver Rüther für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Polleit, die Renditen für spanische und italienische Staatsanleihen steigen, spitzt sich die Euro-Krise erneut zu?

Polleit: Die Krise ist noch längst nicht vorüber. Die milliardenschweren Geldspritzen der EZB für die Banken haben die unterliegenden Probleme, die Überschuldung von Staaten, Banken und Bürgern, nicht gelöst – vielmehr verschlimmern sie sie.

Spanien und Italien haben wichtige Reformen auf dem Arbeitsmarkt verabschiedet. Warum ignorieren die Märkte das?

Die jahrzehntelange Politik des billigen Geldes hat in den Krisenländern Beschäftigungs- und Produktionsstrukturen entstehen lassen, die nicht zu halten sind. Die Märkte fürchten, dass die nötige Bereinigungsrezession den politischen Willen zu Reformen erlahmen lässt. Deshalb trennen sie sich von den Peripherie-Anleihen. Deren Renditen werden weiter steigen...

...bis die Krisenländer die Zinsen nicht mehr zahlen können und Bankrott anmelden?

Die EZB ist auf Inflationskurs. Sie wird alles tun, um Staatsbankrotte zu verhindern. Sie hat den Banken billiges Zentralbankgeld geliehen, damit sie damit höher verzinsliche Anleihen der Krisenländer kaufen und deren Zinsen nach unten drücken. Sollten die Banken nicht mehr mitspielen, wird die EZB in großem Stil selbst Staatsanleihen kaufen und mit neu gedrucktem Geld bezahlen. Sie wird versuchen, die Staatsschulden wegzuinflationieren. Das kann leicht in Hyperinflation enden.

Noch ist von Inflation nicht viel zu sehen. Das Zentralbankgeld steckt im Bankensektor, statt in die Realwirtschaft zu fließen.

Wenn die Kreditvergabe nicht in Gang kommt, wird die EZB der US-Notenbank folgen und Wertpapiere direkt von Pensionskassen und anderen Anlegern kaufen. Der Geldbetrag wird dann auf den Konten der Verkäufer gutgeschrieben und bläht die Geldmenge auf. Im Papiergeldsystem kann die Zentralbank, wenn es politisch gewollt ist, Hyperinflation in sechs Sekunden produzieren!

Das Mandat der EZB lautet aber, die Preise stabil zu halten.

Das Hauptansinnen der EZB ist es längst, Staats- und Bankenpleiten um jeden Preis zu verhindern. Sie wird deshalb noch mehr Geld drucken und die Realzinsen weiter in den negativen Bereich drücken. Anleger, die Geld halten, sind die Verlierer. Dass die großen Zentralbanken ihre Geldpolitik gleichgeschaltet und so den Währungswettbewerb faktisch ausgehebelt haben, erleichtert ihnen die Inflationierung. Über kurz oder lang werden die Bürger das Vertrauen in das Papiergeld verlieren. Schon jetzt büßt es seine Funktion als Mittel zur Wertaufbewahrung mehr und mehr ein.

Papiergeldstandard der Vergangenheit

Europas Krisenländer im Reformcheck
GRIECHENLANDWirtschaft: Die griechische Wirtschaft steckt in einer dramatischen Rezession. 2011 schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 6,8 Prozent. Für 2012 erwartet die EU-Kommission einen Rückgang von 4,7 Prozent. Die griechische Regierung hatte zuletzt einen Rückgang von 2,8 Prozent vorhergesagt. Das Bild zeigt den griechischen Container-Hafen in Piräus. Quelle: dpa
Haushalt: Trotz drastischer Sparanstrengungen lag das griechische Haushaltsdefizit 2011 bei 10,6 Prozent der Wirtschaftsleistung. Für dieses Jahr erwartet die Regierung ein Defizit von 6,7 Prozent.  Quelle: dpa
Ausblick: Wie es in dem Krisenland weiter geht, ist unklar. Die Wähler haben den Sparkurs der beiden etablierten Parteien Nea Demokratia und Pasok abgestraft. Gewinner der Wahlen sind extreme rechte und linke Parteien. Ob diese jedoch eine Regierung bilden können, ist fraglich. An die vereinbarten Sparziele jedenfalls wollen sich die meisten Politiker nicht mehr halten. Quelle: dapd
PORTUGALWirtschaft: Im zweiten Land, das unter dem Schutz des Euro Rettungsschirms steht, geht es steil bergab. 2011 schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 1,6 Prozent - für dieses Jahr prognostiziert die portugiesische Regierung einen Rückgang von 3,3 Prozent. Hoffnung setzt die EU auf 2013: Dann soll die Wirtschaft in Portugal wieder um 0,3 Prozent wachsen. Quelle: dpa
Haushalt: Im Gegensatz zu anderen Euro-Krisenländern hat Portugal seine Sparauflagen für 2011 sogar übererfüllt. Das Haushaltsdefizit lag 2011 bei etwa 4,5 Prozent – und damit unter der mit dem IWF vereinbarten Zielmarke von 5,9 Prozent Quelle: dpa
Ausblick: Was die Sparziele betrifft, liegt Portugal im Zeitplan. Allerdings kann die schwache Wirtschaftsentwicklung das schnell wieder ändern. Ein weiteres Problem ist die Refinanzierung des Staates. Das bisherige Hilfspaket sieht vor, dass sich Portugal ab 2013 wieder selbst 10 Milliarden Euro am Kapitalmarkt beschaffen muss. Experten halten dies für unrealistisch. Sie gehen davon aus, dass ein neues Hilfspaket nötig ist.    Quelle: Reuters
SPANIENWirtschaft: 2011 erzielte Spanien noch ein Mini-Wachstum von 0,7 Prozent. Nach wie vor hat die Wirtschaft das Platzen der Immobilienblase nicht verdaut. Für dieses Jahr erwartet die EU-Kommission einen Rückgang um 1,8 Prozent, im kommenden Jahr soll die Wirtschaft um 0,3 Prozent schrumpfen. Quelle: Reuters

Anleger fürchten eine Preisblase bei Gold.

Seit Anfang des Jahrtausends ist der Goldpreis im Gleichschritt mit anderen Vermögenspreisen gestiegen. Das spricht gegen eine Goldpreisblase. Der steigende Goldpreis reflektiert vielmehr den Kaufkraftverlust der Papiergeldwährungen.

Wie teuer wird Gold noch?

Der Preistrend zeigt weiter nach oben. Langfristig hängt der Goldpreis entscheidend von der Zukunft des globalen Geldsystems ab. Setzt man zum Beispiel die amerikanische Geldmenge M1 ins Verhältnis zu den offiziellen Goldreserven der USA, ergäbe sich rechnerisch ein Goldpreis von mehr als 8000 Dollar je Feinunze. Bei einer 40-prozentigen Golddeckung käme immerhin noch ein Goldpreis von knapp 3500 Dollar zustande. Wenn Panik entsteht, geht es natürlich weiter rauf, bei anderen Sachgüterpreisen allerdings auch.

Die Regierungen machen keine Anstalten, zum Goldstandard zurückzukehren.

Die Eliten haben daran selbstverständlich kein Interesse. Aber solange es freie Märkte gibt, bleibt es den Investoren überlassen, das Vermögensaktivum zu erwerben, dem sie vergleichsweise viel Vertrauen entgegenbringen. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die Marktkräfte die monetäre Bedeutung des Goldes wieder entdecken. Der Papiergeldstandard ist ein planwirtschaftliches System. Es wird zerfallen, weil es den Marktgesetzen zuwiderläuft.

Bis es so weit ist, dürfte aber noch viel Zeit vergehen.

Der Erosionsprozess verläuft exponentiell. Man weiß es nicht mit Gewissheit, aber in drei Jahren könnte der Papiergeldstandard, wie wir ihn kennen, bereits Vergangenheit sein.

In Arbeit
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Was heißt das für die Anleger?

Das Wichtigste ist, nicht in festverzinsliche Schuldverschreibungen zu investieren und bei Aktien auf Unternehmen zu setzen, die steigende Kosten in die Preise überwälzen können. Sachwerte wie Immobilien sollten durch Kassehaltung in physischem Gold und Silber, den ultimativen Zahlungsmitteln, ergänzt werden. Und: international diversifizieren.

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