Türkei Erdogan blockiert die Türkei

Der boomende Markt vor den Toren der EU ist ein Mekka für Investoren. Doch Ministerpräsident Erdogan hemmt mit seinem Islamisierungskurs den notwendigen Wandel hin zu einer innovativen Ökonomie.

Unternehmen leiden unter dem Islamisierungskurs Erdogans. Quelle: REUTERS

Zwischen Topfpflanzen und Notebook-Bildschirmen gedeiht das kreative Chaos, von dem jede IT-Bude lebt. Unter dem Konferenztisch klemmt ein Gymnastikball, auf den Tischplatten winden sich Kabel durch Papierberge. Ruhelos klappern die Tastaturen der IT-Entwickler. Sie tüfteln an Cloud-Software zur effizienteren Steuerung von Lieferketten – ein Job, dem Programmierer rund um den Globus nachgehen. Nur dass hier alle paar Stunden der Muezzin ruft: Die Softwareschmiede Solvoyo residiert im Herzen von Istanbul.

Islam und IT, Religion und Innovation? Für Nilüfer Durak ist das kein Widerspruch. „Wir Türken probieren gern Dinge aus und sind bereit, dabei voll ins Risiko zu gehen“, sagt die Managerin des US-Softwareherstellers. Das seien die besten Zutaten für Innovationen, meint die Frau mit dem kessen Lockenkopf, die ihr Berufsleben überwiegend als Investmentbankerin in Amerika verbracht hat und seit Mai dieses Jahres für Solvoyo das globale Geschäft von ihrer Heimatstadt Istanbul aus leitet.

Diese Volkswirtschaften geben 2050 den Ton an
Skyline Berlin schön Quelle: dpa
Eine Frau verkauft Hülsenfrüchte Quelle: REUTERS
Platz 9: Russland und der IranDank erneut hoher Ölpreise und einer stark steigenden Konsumnachfrage ist das russische BIP im Jahr 2011 laut amtlicher Statistik um 4,3 Prozent gewachsen. Für die kommenden drei Jahre sagen die HSBC-Experten Wachstumsraten in ähnlicher Größenordnung voraus. Sie gehen davon aus, dass Russland bis 2050 durchschnittlich um 3,875 Prozent wächst. Damit würde das Riesenreich in der Liste der größten Volkswirtschaften der Welt von Rang 17 (2010) auf Rang 15 steigen. Ebenfalls eine durchschnittliche Wachstumsrate von 3,875 Prozent bis 2050 prophezeit die britische Großbank dem Iran. Im Jahr 2011/2012 betrug das Bruttoinlandsprodukt Schätzungen zufolge circa 480 Milliarden US-Dollar. Zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Irans zählen die Öl- und Gasindustrie, petrochemische Industrie, Landwirtschaft, Metallindustrie und Kfz-Industrie. Die Inflationsrate wird von offizieller Seite mit 22,5 Prozent angegeben, tatsächlich liegt sie bei über 30 Prozent. Die Arbeitslosenrate beträgt offiziellen Angaben zufolge 11,8 Prozent. Quelle: dpa-tmn
Ginza-Viertel in Tokio Quelle: dpa
Mexikanische Flagge Quelle: dapd
Copacabana Quelle: AP
Baustelle in Jakarta Quelle: AP

Die Kreativität ihrer Generation bei den Protesten im Gezi-Park hat sie begeistert. Doch zugleich ist sie besorgt, weil die Türkei vom Westen wegdriftet und hin zu einem radikaleren Islam: „Innovation funktioniert nur in einer Gesellschaft, wo jeder seine Meinung sagen kann und niemand den anderen seine Werte aufzwingt“, sagt Durak und fordert in Richtung Politik: „Ich hoffe wirklich, dass sie das begreifen und die Erwartungen und Bedürfnisse der jüngeren Generation ernst nehmen.“ Nur so könne das Land am Bosporus innovativer werden.

Ob das klappen kann – die Türkei als künftiges Silicon Valley vor Europas Toren? Wie Durak fürchten viele Investoren neue Konflikte durch die zunehmende Islamisierung. Ein halbes Jahr nachdem die Polizei die protestierende Mitte der Gesellschaft mit Tränengas durch die Straßen jagte, herrscht noch immer Schockstarre im wichtigsten Wachstumsmarkt an der EU-Außengrenze. Zu offensichtlich ist die tiefe Spaltung der Gesellschaft, zu kompromisslos die Reaktion der Staatsmacht, als dass man Bedenken ob der politischen Stabilität des Landes getrost übergehen könnte. Mit seinem konservativen Kurs weg von westlichen Werten und Freiheiten riskiert Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, jene wirtschaftliche Modernisierung abzuwürgen, die er selbst in Gang gesetzt hat.

Unsicherer Hafen

Zwar will Brüssel nach drei Jahren Stillstand die Verhandlungen über einen EU-Beitritt wiederbeleben. Dennoch sorgt Erdogans Kurs für Unsicherheit, wie Ergün Kis feststellt, Partner und Türkei-Spezialist bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in Istanbul: „Türkei-Neulinge warten jetzt erst einmal ab. Wer aber konkrete Pläne für den Markteintritt hatte, wirft diese deshalb nicht gleich über Bord.“ Und Ralph Jäger, Chef von RWE Türkei, mahnt: „Das politische System muss berechenbar und stabil sein.“

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