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Türkei Mindestens 90 Tote bei Putschversuch

Die Türkei hat einen Putschversuch von Militär-Streitkräften abgewendet. Dabei starben laut jüngsten Angaben vom Samstagmorgen mindestens 90 Menschen, mehr als 1000 wurden verletzt. Präsident Erdogan kündigt Vergeltung an.

Dramatische Szenen spielten sich Freitagnacht nicht nur auf dem Taksim-Platz in der Türkei ab. Quelle: dpa

Bei einem Putschversuch von Streitkräften in der Türkei gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat es zahlreiche Tote und Verletzte gegeben. „Die Situation ist weitgehend unter Kontrolle“, sagte der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim am frühen Samstagmorgen. Die Lage ist derzeit noch unübersichtlich. Im Morgengrauen waren in Istanbul noch Schüsse und Explosionen zu hören. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu sind mindestens 90 Menschen getötet worden. Es gebe zudem 1154 Verletzte, meldete Anadolu am Samstag. Am Hauptquartier der Gendarmerie in Ankara starben nach Angaben aus Regierungskreisen 16 mutmaßliche Putschisten. Am frühen Morgen war zunächst von 60 Toten die Rede gewesen.

Nach Angaben eines hochrangigen türkischen Regierungsvertreters von Samstagmorgen sind 1563 Mitglieder der Armee im ganzen Land festgenommen worden. Fünf Generäle und 29 Oberste seien ihrer Posten enthoben worden. Der als Geisel genommene Generalstabschef Hulusi Akar ist am Morgen bei einem Militäreinsatz auf einem Luftwaffenstützpunkt bei Ankara befreit worden. Er sei an einen sicheren Ort gebracht worden, berichtet die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu. Der Sender CNN-Turk hatte berichtet, Akar sei in der Militärzentale in Ankara als Geisel genommen worden und mit einem Hubschrauber auf den Luftwaffenstützpunkt Akincilar gebracht worden. Akar werde nun wieder den Oberbefehl gegen die Verschwörer übernehmen.

Erdogan sagte, bei den Putschisten handele es sich um eine Minderheit in den Streitkräften. „Wir haben mit der Operation begonnen, das Militär vollständig zu säubern. Und wir werden diese Operation weiterführen.“

"Blutvergießen in der Türkei muss ein Ende haben"
Bundeskanzlerin Angela Merkel Quelle: dpa
Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan Quelle: AP
Europaparlaments-Präsident Martin Schulz Quelle: dpa
Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat sich „zutiefst beunruhigt“ über den Putschversuch in der Türkei geäußert. „Alle Versuche, die demokratische Grundordnung der Türkei mit Gewalt zu verändern, verurteile ich auf das Schärfste“, sagte Steinmeier in einer ersten offiziellen Reaktion am Samstag in Berlin. Quelle: dpa
Angela Merkel geht in Ulan Bator beim Asien-Europa-Gipfel zusammen mit Regierungssprecher Steffen Seibert zu einer Sitzung. Quelle: dpa
Außenminister Frank-Walter Steinmeier Quelle: dpa
türkische Soldaten am Taksim-Platz in der Nacht zu Samstag Quelle: dpa

Der türkische Geheimdienst wurde während des Putschversuchs in der Nacht ebenfalls angegriffen, sagte ein Vertreter des Geheimdienstes. Dabei wurden von Militärhubschraubern Schüsse abgegeben. Zudem stand der Geheimdienst unter Beschuss aus Maschinengewehren. Drei Menschen seien verletzt worden. Der Chef des Geheimdienstes, Hakan Fidan, sei an einem sicheren Ort gewesen und habe konstant Kontakt zu Präsident Erdogan und Ministerpräsident Yildirim gehalten.

Am späten Freitagabend begannen türkische Streitkräfte mit einem Putschversuch gegen Erdogan, wie das Militär nach Angaben der privaten Nachrichtenagentur DHA mitteilte. Damit sollten unter anderem die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte wiederhergestellt werden. Zunächst hieß es, die Streitkräfte hätten die Macht in der Türkei übernommen.

Erdogan ruft bei CNN Türk an

Aus dem Präsidialamt wurde dies bestritten. Erdogan sei nicht abgesetzt. „Das ist ein Angriff gegen die türkische Demokratie. Eine Gruppe innerhalb der Streitkräfte hat außerhalb der Kommandostruktur einen Versuch unternommen, die demokratisch gewählte Regierung zu stürzen.“ Erdogan rief in einem live übertragenen Telefonanruf beim Sender CNN Türk das Volk zu öffentlichen Versammlungen gegen die Putschisten auf.

Ministerpräsident Yildirim wies das Militär nach Angaben aus dem Präsidialamt an, von den Putschisten gekaperte Flugzeuge abzuschießen. Kampfflugzeuge mit einem entsprechenden Auftrag seien von der Luftwaffenbasis Eskisehir abgehoben. Yildirim bestellte alle Parteien für Samstagnachmittag zu einer Sondersitzung ins Parlament ein, wie Lokalmedien berichteten.


Erdogan macht Gülen-Bewegung verantwortlich

Erdogan machte die Bewegung des im US-Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich. „Sie werden einen sehr hohen Preis für diesen Verrat zahlen“, sagte Erdogan am Samstagmorgen am Atatürk-Flughafen in Istanbul.

Gülen ist ein einstiger Verbündeter Erdogans. Beide haben sich aber 2013 überworfen. Gülens Bewegung bestritt jede Beteiligung. Gülen, der in der Türkei inzwischen als Terrorist gilt, verurteilte den Putschversuch auf das Schärfste. Eine Regierung müsse durch freie und faire Wahlen an die Macht kommen, nicht durch Gewalt, hieß es in einer Mitteilung.

Das ist die Gülen-Bewegung

Erdogan sagte, er sei vor seinem Flug nach Istanbul in Marmaris an der türkischen Ägäis-Küste gewesen. Unmittelbar nach seiner Abreise hätten die Putschisten „diesen Ort leider genauso bombardiert“. Während des Putschversuchs hatte es aus dem Präsidialamt geheißen, Erdogan sei in der Türkei und in Sicherheit.

Nach einer zeitweisen Besetzung durch Putschisten nahm der Sender CNN Türk die Berichterstattung wieder auf. Soldaten waren in der Nacht zu Samstag in das Redaktionsgebäude in Istanbul eingedrungen und hatten die Mitarbeiter dazu gezwungen, den Sender zu verlassen.

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