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Ukraine-Krise Europas vergessener Krieg

Heute wurde Petro Poroschenko als Präsident der Ukraine ins Amt eingeführt. Derweil geht der Konflikt im Osten des Landes mit viel Härte weiter – ob der Oligarch ihn lösen kann, ist zunehmend fraglich.

Während der Amtseinführung Poroschenkos, gehen die blutigen Gefechte im Osten der Ukraine weiter. Quelle: AP

Irgendwie dreht sich derzeit in der medialen Debatte alles um Symbole, die gute Mine zum bösen Spiel. Schüttelt Kanzlerin Angela Merkel dem bösen Russen Wladimir Putin die Hand? Und wie schaut sie dabei aus der Wäsche? Mit wem spricht US-Präsident Barack Obama am längsten? Wo sitzt Russlands Präsident und wie lange kommt er mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zusammen? Bei so viel Blick auf die Details gerät in Vergessenheit, wozu die Staatsleute am Freitag in Frankreich zusammen gekommen sind: Um den 70. Jahrestag des D-Day zu begehen.

Bricht das Eis zwischen den Weltmächten?
Auf den Weg zu Frankreichs Premierminister Francois Hollande strahl Putin noch seine machoartige Stärke aus. Die am roten Teppich Spalier stehenden Soldaten, scheinen bei Wladimir Putin Interesse geweckt zu haben. Quelle: dpa
So sieht freundliche Distanz aus. Weit aufgerissene Augen, schlaffer Händedruck, steife Körperhaltung – wie zwei erstarrte Wachsfiguren bei Madame Tussauds sehen Merkel und Putin während des Händeschüttelns aus. Quelle: dpa
Im Gespräch mit Angela Merkel würdigt Putin auf diesem Foto der Bundeskanzlerin keines Blickes. Wie gewöhnt hat sich der russische Premier mit gespielter Langeweile auf den edlen Stuhl gefläzt. Quelle: dpa
Hände schütteln und ein krampfhaftes Lächeln – das muss vorerst reichen. Das offizielle Begrüßungsfoto zeigt, dass auch zwischen Francois Hollande und Wladimir Putin nichts in bester Ordnung ist. Quelle: AP
Sie zuerst, nein Sie! Schon bei der Begrüßung scheint es Missverständnisse zwischen Putin und Hollande zu geben. Quelle: REUTERS
Mehr ein mustern als ein freundlicher Blick. Was der andere wohl vorhat. Manchmal sagen Augen mehr als tausend Worte. Quelle: AP
Und wieder die provokante Sitzhaltung. Was so manchem Politiker peinlich wäre, scheint Wladimir Putin nicht zu stören. David Cameron straft die übertrieben maskuline Sitzposition Putins mit einem strengen Blick. Bei ihrem Treffen am Donnerstagabend sollen sich die beiden nicht einmal die Hand gegeben haben. Quelle: AP

Merkwürdig schnell vergessen wird derweil auch der bewaffnete Konflikt in der Ost-Ukraine – gerade unter den Deutschen, deren Reporter fast sämtlich aus Sicherheitsgründen aus der Region abgezogen wurden. Während heute in Kiew zum neuen Präsidenten gewählte Unternehmer Petro Poroschenko den Eid auf die Verfassung des Landes ablegt, gehen die Kämpfe in den östlichen Gebieten Donezk und Lugansk mit so viel Härte und Brutalität weiter wie nie zuvor weiter: Auf You-Tube fand sich am Donnerstag ein Video, das die Erschießung von zwei ukrainischen Offizieren; tags zuvor verkündete Kiew stolz, bei Kämpfen über 300 Separatisten getötet zu haben.


Der Konflikt kennt keine Regeln mehr. Es spricht vieles dafür, dass es sich nicht mehr nur um einen Kampf der ukrainischen Armee gegen versprengte Separatisten und umgekehrt handelt. Vielmehr scheinen Separatisten, die meist unpolitische Banditen sind und Profit aus dem Chaos zu schlagen hoffen, mit militärischer Unterstützung aus Tschetschenien und Waffen aus Russland gegeneinander und gegen den Staat anzutreten. Wer wen finanziert und auf welche Weise unterstützt, ist im Detail unklar – einzig die Beteiligung von „Freiwilligen“ aus Russland und vor allem der russischen Unruheregion Kaukasus ist mittlerweile mit Fotos und Videos belegt.
Wie der „Schokoladenkönig“ Petro Poroschenko den Konflikt herunterkühlen will, ist unklar. Seit dessen im Ergebnis deutlicher Wahl am 25. Mai hat Übergangspräsident Turtschinow den militärischen Kampf gegen die Aufständischen verstärkt. Aus Donezk hört man täglich von Schießereien, in Lugansk ist der Luftangriff auf das Gebäude der Gebietsverwaltung dokumentiert. Immer mehr Menschen flüchten – und zwar sowohl in den Süden des Nachbarlands Russland, als auch nach Kiew. Und dort berichten sie, dass sie bei sämtlichen Kontrollposten Wegezoll entrichten müssen, ganz gleich ob ihn ukrainische Sicherheitskräfte kontrollieren oder die Separatisten der so genannten „Volksrepublik Donbass“. Im Krieg hält jeder die Hand auf, gerade im korrupten Osten Europas.

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Poroschenko steckt in einem Dilemma: Lässt er die militärischen Aktionen beenden, dürften aus Russland verstärkte Separatisten rasch die Oberhand in den Gebieten gewinnen. Das könnte zu Plünderungen und einem weiteren Kontrollverlust über die Region führen. Wird der Militäreinsatz fortgesetzt, wird sein Rückhalt im Osten des Landes weiter sinken. Die Menschen dort verbarrikadieren sich zu Hause und schauen russische Staatsmedien, wo am laufenden Band von der „systematischen Tötung von Frauen und Kindern“ durch die ukrainische Regierung die Rede ist. Diese Subjektivität ist eine scharfe Waffe im Informationskrieg. Niemand interessiert sich mehr dafür, dass Kiew mit durchaus klugen Plänen die Wirtschaft des Landes wieder aufrichten will.
Insofern bleibt völlig unklar, wie der neue Präsident den brutalen wie wirren Konflikt im Osten seines Landes lösen will. Er hat einen Friedensplan für die Region versprochen – und sprach in Frankreich am Freitag mit Wladimir Putin, der seinen Botschafter auch zur Amtseinführung nach Kiew setzte. Das ist ein Anfang, um für eine friedliche Lösung den politischen Überbau zu schaffen. Entscheidend ist aber, dass Poroschenko Vertrauen auch im Osten seines Landes gewinnt. Das wird mit Waffen nicht gelingen, sondern nur gewaltfrei und über wirtschaftliche Erfolge.

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