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Umfrage in sieben Ländern Bürger einig: Politiker haben bei Eurorettung versagt

Wie hat Europa die Griechenlandkrise gemeistert? Schlecht. Und die wirtschaftliche Erholung? Ebenfalls schlecht. Eine neue Umfrage zeigt: Länderübergreifend sind die Bürger frustriert und verlieren das Vertrauen.

Laut einer neuen Umfrage hat die Politik bei der Eurorettung versagt. Quelle: imago images

Nach fünf Jahren Rettungspolitik sind viele Bürger über das Krisenmanagement in Europa enttäuscht. Laut einer Umfrage unter west- und südeuropäischen Ländern sagen 62 Prozent, dass die griechische Schuldenkrise schlecht gehandhabt worden ist. Lediglich 12 Prozent meinen das Gegenteil.

Die Italiener kritisieren die Griechenlandpolitik der EU am heftigsten. 76 Prozent sagen, diese habe nicht funktioniert, gefolgt von Frankreich (66), Portugal (65) und Spanien (63). In den Südstaaten der EU, die die Auswirkungen der Krise am deutlichsten spüren, ist die Ablehnung also überproportional ausgeprägt. Bei den Briten sind 57 Prozent der Bürger mit der Griechenlandpolitik nicht einverstanden. In Deutschland halten sie 56 Prozent für falsch, in den Niederlanden 53 Prozent.

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Das britische Meinungsforschungsinstitut „Opinium Research“ hatte über 7.000 Bürger im vergangenen Juli repräsentativ befragt. Die vollständige Studie ist hier erhältlich.

Für Nicolai von Ondarza von der Stiftung Wissenschaft und Politik sind die schlechten Bewertungen eine logische Folge aus den harten Verhandlungen zwischen Griechenland und den Gelgebern. „Jede Seite hat daheim seine Maximalforderungen gut verkauft. Für die Bürger war der Kompromiss dann umso enttäuschender.“ Er fürchtet, dass langfristig Vertrauen in die politischen Institutionen auf europäischer Ebene verloren geht.

Laut dem jüngsten Eurobarometer, welches regelmäßig von der EU-Kommission veröffentlicht wird, war das Vertrauen in die EU zuletzt wieder leicht gestiegen. Im vergangenen Herbst hatte noch 50 Prozent gesagt, dass sie Brüssel nicht vertrauen. In diesem Frühjahr ist dieser Wert auf 46 Prozent zurückgegangen. Zugleich stieg die Zahl der EU-Befürworter um drei Punkte auf 40 Prozent an.

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Ob die Europäische Union als Institution langfristig Vertrauen zurückgewinnen kann, hängt maßgeblich von der wirtschaftlichen Entwicklung ab. In der Opinium-Umfrage haben die befragten Europäer die wirtschaftliche Erholung in der Eurozone allerdings negativ bewertet. 48 Prozent sagen, die Europäische Union habe diese schlecht gehändelt. Nur 14 Prozent meinen das Gegenteil. 38 Prozent sind unentschieden oder haben keine Meinung dazu.

Griechenland muss zur Erfolgsgeschichte werden

Auch bei dieser Frage gibt es deutliche Unterschiede zwischen den West- und Südeuropäern. Mit 65 Prozent sind die Italiener erneut am skeptischsten, gefolgt von Frankreich (58), Portugal (55) und Spanien (52). Im Vereinigten Königreich meinen noch 45 Prozent, die wirtschaftliche Erholung sei schlecht gehandhabt worden, in den Niederlanden 35 Prozent und in Deutschland nur 24 Prozent. 26 Prozent der Bundesbürger sagen das Gegenteil. Eine Mehrheit von 51 Prozent hat hingegen keine Meinung oder ist unentschieden.

Die deutsche Sonderrolle erklärt sich SWP-Experte von Ondarza mit der guten wirtschaftlichen Entwicklung hierzulande. „Viele Bundesbürger bewerten nicht insgesamt die Lage in der Eurozone, sondern wie es ihnen selbst in Deutschland geht.“

Bei der Frage, welche Lehren die Europäer aus der aktuellen Misere ziehen sollten, sind sich die Bürger uneins. Über alle Ländergrenzen hinweg wollen 45 Prozent die europäische Integration vertiefen und mehr Macht nach Brüssel abgeben. 20 Prozent wollen es beim aktuellen Integrationsniveau belassen. Weitere 29 Prozent sagen, die europäische Einigung sei zu weit gegangen und müsse zurückgeschraubt werden.

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Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Quelle: dpa
Donald Tusk Quelle: dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel Quelle: dpa
Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel Quelle: dpa
Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras Quelle: dpa
Frankreichs Präsident François Hollande Quelle: REUTERS
Markus Kerber, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Quelle: dpa

Besonders bei den Südländern ist der Wunsch nach mehr gemeinsamer europäischer Politik ausgeprägt. In Spanien wünschen sich 56 Prozent eine stärkere Integration, gefolgt von Portugal (54) und Italien (47). „Die Südländer hoffen auf mehr Solidarität aus dem Norden“, erklärt von Ondarza.

In Deutschland können sich noch 30 Prozent mehr Europa vorstellen, Frankreich (24), Niederlande (17) und in Großbritannien gerade noch 14 Prozent. „Diese Gruppe von Ländern hat Angst, dass sie noch mehr zahlen müssen als bislang.“

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Knapp die Hälfte der Briten sowie über 40 Prozent der Niederländer wollen zugleich Brüssel in seinen Kompetenzen beschneiden. In Frankreich sind es 32 Prozent, in Italien 25 und in Deutschland 24 Prozent. Für Nicolai von Ondarza ist klar: „Wenn die wirtschaftliche Misere in Griechenland weitergeht, verfestigt sich der Eindruck, dass die europäische Rettungspolitik hier gescheitert ist. Nur wenn aus Griechenland doch noch eine Erfolgsgeschichte wird, steigt auch die Akzeptanz bei der Bevölkerung.“

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