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Umstrittene Auflagen Deutschland blockiert EU-Klimaauflagen für Autos

Deutschland geht bei den umstrittenen Klimaauflagen für Autos auf Blockadekurs. Auf deutschen Druck hin verschoben die EU-Botschafter eine eigentlich für Donnerstag geplante endgültige Festlegung.

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Der statistische Trend ist eindeutig: Die Deutschen kaufen im Durchschnitt - und allen Debatten um das Weltklima zum Trotz -, immer stärkere Neuwagen. So hatten laut der Statistik des Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg die zwischen Januar und April in Deutschland neu zugelassenen PKW 2011 eine durchschnittliche Leistung von 134 PS - und damit so viel wie nie zuvor.  Im gesamten Jahr 2011 lag der Wert bei 130 Pferdestärken.  Den Grund für den Anstieg sieht Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des CAR, in dem zunehmenden Diesel-Anteil, und der hängt wiederum mit der Beliebtheit von SUV zusammen, deren Absatz stetig steigt und die in 67 Prozent der Fälle mit Selbstzündern unter der Haube ausgeliefert werden. Und da der Trend anhält, wird auch die durchschnittliche PS-Zahl weiter steigen, prophezeit Dudenhöffer.  Allerdings sind moderne und teils geländetaugliche SUV nicht die Serienwagen, mit den höchsten CO2-Ausstößen. Diese zweifelhafte "Ehre" gebührt den Sportwagen ... Quelle: Pressefoto
Zu den Spitzenreitern in Sachen CO2-Ausstoß gehören Lamborghini-Modelle. Ob Reventon, verschiedene Murcielago-Versionen, oder Gallardo: Weit über 300 Gramm Kohlendioxid-Ausstoß pro gefahrenen Kilometer verursachen bislang alle Sportwagen der Marke. Zwei Beispiele: Beim Gallardo LP 560 4 Spyder mit manueller Schaltung sind es 351 Gramm, und diese Angabe bezieht sich sogar noch auf den offiziellen Normverbrauch von 15 Liter Super Plus auf 100 km, die in der Realität nur schwer zu erreichen sein dürften. Beim Aventador LP 700-4 sind es sogar 389 Gr. CO2/km bei vom Hersteller angegebenen 17,2 Liter Normverbrauch. Immerhin: Der durchschnittliche CO2-Ausstoß der Lambo-Flotte soll bis 2015 um 35 Prozent reduziert werden. Das Unternehmen hat angekündigt dies u.a. durch die Reduktion des Fahrzeuggewichts, eine Optimierung des Verbrennungsverfahrens und die Reduktion von Reibungs- und Rollwiderständen erreichen. Auch Start-Stopp-Systeme und Hybrid-Antriebe sind geplant.  Zum Vergleich: Die EU-Kommission will ab 2020 den Kohlendioxidausstoß von Neuwagen auf 95 Gramm pro Kilometer limitieren, Umweltverbände fordern sogar Grenzwerte von 80 g/km. Quelle: PR
Auch die andere große italienische Supersportwagenmarke kommt über ein rotes G bei den neuen Effizienzklassen nicht hinaus. Für verschiedene aktuelle Ferrari-Modelle hat u.a. die Deutsche Automobiltreuhand (DAT), aufgelistet, wie diese in Sachen CO2-Ausstoß dastehen. Ferrari FF: 380 g/km FF HELE: 360 g/km 599 GTB Fiorano: 401 g/km 599 GTO: 411 g/km 599 SA Aperta: 411 g/km 458 Italia: 307 g/km 458 Italia HELE: 275 g/km California: 299 g/km California HELE: 270 g/km In diesem Zusammenhang ist allerdings auch die spezifische Betrachtung des Themas durch Ferrari-Boss Luca Montezemolo interessant. Er sagte auf dem Genfer Autosalon, ein Ferrari werde pro Jahr durchschnittlich nur 7.000 Kilometer bewegt. Damit sei der Wagen auf Jahressicht nicht klimaschädlicher als ein viel bewegter VW Golf. Quelle: PR
Dritter im Bunde der italienischen CO2-Sünder ist Maserati. Die Marke aus Bologna mit dem Dreizack im Logo hatte zuletzt eine kleine Modelloffensive und ein eigenes Luxus-SUV angekündigt. In Sachen Effizienzklassen ist natürlich alles knallrot bzw. mit dem Buchstaben G geschmückt. Im Überblick: Quattroporte, CO2-Ausstoß: 340 g/km Quattroporte S und Sport GT S: 365 g/km Gran Turismo (Autom.): 330 g/km Gran Turismo S: 360 g/km, Gran Turismo S (Autom.): 331 g/km Gran Turismo MC Stradele: 337 g/km Gran Cabrio: 337 g/km Gran Cabrio Sport: 337 g/km Quelle: PR
Große Motoren, sportliche Abstimmung, viel Spritdurst, daraus kann natürlich kein Öko-Vorreiter werden. Bei Aston Martin wird die CO2-Bilanz allenfalls durch das Kleinstwagen-Modell Cygnet (auf Basis des dreizylindrigen Toyota iQ) ein wenig aufpoliert. Doch die "echten" Astons schlagen voll zu in Sachen Abgas. V8 Vantage, CO2-Ausstoß: 321 g/km V8 Vantage (Sportshift-Getriebe): 295 g/km V8 Vantage S: 299 g/km V12 Vantage: 388 g/km DB9: 389 g/km, DB9 (Autom.): 345 g/km Virage: 349 g/km DBS: 388 g/km, DBS (Autom.): 367 g/km Rapide: 355 g/km Cygnet: 116 g/km, Cygnet (CVT): 120 g/km, damit beide in Effizienzklasse B.
Wir bleiben bei den Briten. Understatement in Sachen CO2 sieht anders aus, als das, was Rolly-Royce auffährt. So blütenweiß, wie sich das Concept Car Six Senses hier präsentiert, ist die Umweltbilanz nicht, wie ein Blick auf die Emissionen der folgenden Modelle zeigt: Phantom, CO2-Ausstoß: 377 g/km Phantom EWB: 380 g/km Phantom Drophead Coupé: 377 g/km Phantom Coupé: 377 g/km Ghost: 317 g/km Ghost EWB: 319 g/km Quelle: PR
... und so ähnlich sich manche Modelle von Rolls-Royce und Bentley sehen, so nah liegen auch die CO2-Bilanzen beieinander. Keine Ausnahme macht dabei der von Audi kommende Motor im neuen Continental GT V8, der bis zu vier Zylinder während der Fahrt abschaltet, hier an erster Stelle: Continental GT V8, CO2-Ausstoß: 384 g/km Continental Supersports: 388 g/km Continental Flying Spur: 396 g/km Continental Flying Spur Speed: 396 g/km Mulsanne: 393 g/km Quelle: PR

Von deutscher Seite hieß es, die Auflagen seien noch nicht entscheidungsreif. Eine Abstimmung gab es nicht, Irland als Vorsitz der EU-Staaten vertagte das Thema. Mehrere Botschafter hätten um Verschiebung gebeten, hieß es. Die EU hatte erst Anfang der Woche einen Kompromiss zu Grenzwerten für das Treibhausgas Kohlendioxid erreicht.
In Brüssel war zu hören, Deutschland habe massiven Einfluss auf die anderen EU-Staaten ausgeübt, um eine Verzögerung der Entscheidung zu erreichen. Ein EU-Diplomat sagte, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) persönlich habe zum Hörer gegriffen und unter anderem Irlands Premierminister Enda Kenny angerufen. Sein Land hat als EU-Ratspräsidentschaft eine wichtige Rolle bei der Organisation des politischen Kalenders. Möglicherweise werde Deutschland später einen neuen Vorschlag machen.

Deutschlands Autoindustrie ist mit Mercedes, BMW und der VW-Tochter Audi vor allem in der Oberklasse stark vertreten. Sie tut sich schwerer mit Klimaschutzauflagen als Hersteller, die stärker auf Kleinwagen setzen.
Der Vorsitzende des Umweltausschusses im Europaparlament, der SPD-Abgeordnete Matthias Groote, zeigte sich empört über die Berliner Intervention. „Sie haben einen mühsam erarbeiteten Kompromiss kaputt geschlagen. Das ist das Dreisteste, was ich in acht Jahren Brüssel erlebt habe“, sagte Groote, der die Verhandlungen um den CO2-Kompromiss für das Parlament geleitet hatte. Ein Diplomat erklärte, damit sei der Abschluss der Verhandlungen ungewiss.

Der EU-Verbraucherverband Beuc drängte auf eine Entscheidung. „Es wäre ein herber Schlag für Verbraucher, falls der Kompromiss noch scheitern sollte“, sagte ein Sprecher. „Die Politik kann durch strengere CO2-Grenzwerte den Verbrauchern Spriteinsparungen bescheren. In Zeiten hoher Spritpreise würden Verbraucher die Zeche dafür zahlen, wenn einzelne Mitgliedstaaten jetzt noch versuchen sollten, den Vorschlag zu kippen.“
Die Vertreter der EU-Staaten, des Europaparlaments und der EU-Kommission hatten sich am späten Montagabend auf die Fahrtrichtung nach dem Jahr 2020 geeinigt: So soll es auch längerfristig - wie jetzt schon - Obergrenzen für den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) geben. Dank Extra-Anreizen für Elektroautos und andere schadstoffarme Wagen sollen die Autobauer die CO2-Ziele aber leichter erreichen können. Umweltschützer verdammen diese Boni für schadstoffarme Wagen in der Fahrzeugflotte („Super Credits“) allerdings als Rechentricks.

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