WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Vergleich mit AKW-Demos Sarrazin macht Front gegen Türken-Protestler

Die Demonstranten in der Türkei lassen nicht locker. Am Wochenende protestierten sie wieder gegen ihre Regierung. Thilo Sarrazin kann dem Aufstand nichts abgewinnen und stellt die Anliegen der Protestler infrage.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Die provokantesten Zitate aus Sarrazins Euro-Buch
"Ich war im Bundesfinanzministerium im Juli 1989 in die von Horst Köhler geleitete Währungsabteilung gewechselt. (…) Mehrheitlich betrachteten wir damals im Hause alle Überlegungen für eine Europäische Währungsunion als Anschlag auf die deutsche Stabilitätskultur.“" Quelle: dapd
„Sind die Briten, Schweden, Polen, Tschechen keine Europäer oder leben sie in gescheiterten Staaten, nur weil sie nicht mit dem Euro zahlen?“ Quelle: AP
"Für Italien zeigt die jahrzehntelange Erfahrung, dass vorausplanendes Nachdenken und rationale Argumentation nicht wesentliche Triebfedern dieser Gesellschaft  (…) sind." Quelle: REUTERS
"Objektive Faktoren sind für diese Unterschiede nicht maßgebend, vielmehr ist es die Mentalität der Völker. Im Durchschnitt kann man sagen, dass finanzielle Solidität in Europa umso ausgeprägter war und ist, je sonnenärmer das Klima und je länger und dunkler der Winter." Quelle: dpa
„Wie viele ältere Männer war Helmut Kohl von dem Gefühl getrieben, wichtige langfristige Fragen, für die die Weisheit und Macht seiner Nachfolger nicht ausreichen würde, möglichst zu seiner Zeit abschließend zu regeln, mochten ein paar technische Unterpunkte auch noch ungeklärt sein. So kam Deutschland zum Euro.“ Quelle: dapd
„Angela Merkel zumal konnte nichts für den Schlamassel, den sie übernommen hatte. Aber sie nahm Kohls Erbe an und erwies sich im Sommer 2011 mit der Formel ,Scheitert der Euro, dann scheitert Europa’ als seine würdigen politische Tochter.“ Quelle: AP
„Dazu passte ein Bundesfinanzminister Schäuble, der sich schon seit seinem Amtsantritt im November 2009 mehr um die europäische Zukunft als um die deutschen Staatsfinanzen zu sorgen schien.“ Quelle: dpa

Der frühere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin hat den Demonstranten in der Türkei abgesprochen, mit ihren Protesten eine Modernisierung des Landes erreichen zu wollen. „In der Summe halte ich die Proteste bis zum Beweis des Gegenteils für ein Wiederaufleben des Konflikts zwischen Säkularisten und Islamisten, der die Türkei seit dem Untergang des osmanischen Reiches beherrscht“, schreibt Sarrazin in einem Gastbeitrag für Handelsblatt Online. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan scheine dies ähnlich zu sehen. „Sonst hätte er nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen.“

Sarrazin verglich die Proteste mit AKW-Demonstrationen in Deutschland. Zwar habe er Erdogan, dessen Nationalismus und die von ihm betriebene islamistische Entsäkularisierung der Türkei noch nie gemocht. „Seine maßlosen Äußerungen, sein ungeschicktes Verhalten und die von ihm offenbar gebilligten polizeilichen Übergriffe bei den Vorgängen rund um den Taksim-Platz in Istanbul haben ihn jetzt ein Stück weit entlarvt und entzaubert“, ist Sarrazin überzeugt. „Aber wo bitte ist auf der Seite der Protestierenden der prinzipielle Unterschied zu früheren Vorgängen in Deutschland um die Hafenstraße in Hamburg oder bei vielen AKW-Demonstrationen?“

Die Rolle der sozialen Netzwerke

Am Wochenende war es auf dem Istanbuler Taksim-Platz erneut zu Auseinandersetzungen gekommen. Die Polizei hatte daraufhin den Platz unter dem Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas geräumt. Dort hatten sich erneut mehrere zehntausend Menschen zu Protesten gegen die Regierung von Ministerpräsident Erdogan versammelt. Auch in der Hauptstadt Ankara gab es neue Proteste.

In Köln demonstrierten am Samstag etwa 30.000 bis 40.000 Menschen gegen Erdogan. Redner forderten dessen Rücktritt und Neuwahlen. Transparente trugen Aufschriften wie „Erdogan, der Wolf im Schafspelz“. Die Kundgebung stand unter dem Motto „Überall ist Taksim“. Organisiert wurde sie von der Alevitischen Gemeinde Deutschland, einer liberalen islamischen Gemeinschaft. Die Polizei sprach von einem „erfreulich friedlichen Verlauf“ der Kundgebung.

Umstrittene Sarrazin-Thesen zu Türken und Arabern

Sarrazin vermutet, dass die Besetzer und Demonstranten rund um den Taksim-Platz vor allem die Kinder jener eher säkularen Bewohner der Westtürkei seien, die im Land insgesamt mehr und mehr in die Minderheit geraten sind. Bei einem seiner Besuche in dem Land am Bosporus habe er auch gesehen, „dass die Kopftücher und langen Gewänder der Frauen auch die westlichen Städte des Landes erobert hatten“.

Der SPD-Politiker schlussfolgert daraus: „Ganz offenbar schwemmt gerade die demographische Welle aus dem geburtenstarken Anatolien die letzten kulturellen Reste der ehemals griechischen Prägung der westlichen Türkei hinweg.“ Erdogan wisse, dass er jede Wahl gewinnen werde, solange er seine traditionalen anatolischen Wähler bei der Stange halte. „Das macht ihn so irritierend selbstgewiss.“

Ausland



Sarrazin hatte schon früher mit Aussagen über Türken für Aufsehen gesorgt. Im Jahr 2009 hatte er in einem Interview mit der Zeitschrift "Lettre international" abfällige Äußerungen über Türken und Araber getroffen und damit eine lebhafte Debatte ausgelöst. Auch in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab", das im August 2010 erschien und ein Bestseller wurde, vertrat der SPD-Politiker seine Thesen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er den Posten als Berliner Finanzsenator bereits niedergelegt und war in den Vorstand der Bundesbank eingetreten, aus dem er Ende September 2010 ausschied.

Sarrazin hatte in dem Interview sinngemäß geäußert, Türken und Araber würden Deutschland unterwandern, indem sie viele Kinder bekämen, sie seien mehrheitlich dümmer als Deutsche und ohne erfolgversprechende berufliche Perspektive. Dazu hätten sie auch keinen Ehrgeiz, da das Sozialsystem es ihnen zu gemütlich mache und ihnen zu wenig abverlange. Sarrazin hatte von Teilen der Gesellschaft Beifall geerntet, von anderen Empörung.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%