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Verloren in Europa In Europas Armenhaus Moldawien schwindet die Hoffnung

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Großteil des Dorfes auf Arbeitssuche

Der Europakurs hat sich bislang für die Menschen nicht ausgezahlt. Andrian Candu weiß das. Der 39-Jährige ist Wirtschaftsminister und war zuvor lange Zeit Chef der Beratungsgesellschaft PwC in Moldawien. Als Ökonom hielt er sich von den politischen Grabenkämpfen stets fern. Aber er weiß um die soziale und ökonomische Lage im Land und will sie ändern.

Candu sieht vor allem drei Baustellen: Erstens müsse man gegen die Schwarzarbeit kämpfen. „Im Land zirkuliert zu viel Schwarzgeld, das müssen wir einsammeln“, sagt er, dann entstünden reguläre Jobs, für die auch Steuern und Sozialabgaben fließen. Zweitens müsse die Rechtssicherheit verbessert werden – damit Investoren aus dem Westen ins Land kommen. Aber es gebe zu wenig gute Richter. „Dieser Berufsstand hat durch Korruption so an Reputation verloren, dass keiner für die Justiz arbeiten will.“ Dahinter steht aber drittens ein generelles Problem: „Die besten Leute arbeiten außerhalb des Landes“, sagt Candu, „die müssen wir zurückholen und einspannen.“ Fragt sich nur, wie?

Fragt man Jörg Radeke, der für die Deutsche Beratergruppe die Regierung in Chisinau in Wirtschaftsfragen unterstützt, sieht die generelle Lage in Moldawien gar nicht so schlecht aus. Die Ernte war gut, und der Export nach Europa wächst, selbst das russische Embargo auf Lebensmittel aus Moldawien lässt sich verschmerzen. Dieses Jahr wird die Wirtschaft um bis zu vier Prozent wachsen.

Schwarzgeld-Schwemme

Radeke sieht auch kurzfristig Chancen, dem Investitionsklima jetzt den nötigen Schub zu geben: „Sie könnten die Schwarzgeld-Schwemme eindämmen, wenn Behörden bei Transaktionen Ausgangs- und Empfängerkonten überprüfen.“ Zudem müsste das Berufsbildungswesen reformiert werden, das der sowjetischen Kommandowirtschaft ähnele: „Der Vorteil dieses Landes sind die billigen Arbeitskräfte“, sagt Berater Radeke, „aber man muss sie so ausbilden, dass sie ins Anforderungsprofil der Investoren passen.“

In Arbeit
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Im Dorf Minschir sucht fast jeder Arbeit – und keiner findet einen Job vor Ort. In der Straße der Kizanus war eine Traktorwerkstatt, aber der rote Kran am Hof rostet im Gestrüpp vor sich hin, nie wird er wieder ein Maschinenteil bewegen. Im Dorf fahren mehr Pferdegespanne, kaum Traktoren. Die Kizanus hatten im Sommer eine gute Ernte. Doch nun wissen sie nicht so recht, wohin damit. Im Garten stapeln sich Säcke voller Kartoffeln, im Keller lagert Tatjana, Andrejs zweite Frau, Einmachgläser mit Gurken, die Weinfässer sind randvoll. Aber für den Handel am fernen Markt von Chisinau baut die Familie zu wenig an. Und mit den Großhandelspreisen können sie sowieso nicht konkurrieren.

Also schickt Andrej seine ältesten Söhne Iwan und Wasilij nach Moskau, wo sie als Autowäscher knapp 1000 Dollar verdienen – für ein halbes Jahr, schwarz auf die Hand. Der 19-jährige Wasilij arbeitet von früh um acht bis abends um zehn, sagt er, aber immer noch besser, als eine Niere zu verkaufen. Die große Dummheit seines Vaters Andrej liegt jetzt 15 Jahre zurück, der tut heute so, als sei nichts gewesen. Er steigt in seinen Keller hinab und sticht ein Holzfass an. Moldawischer Rotwein, hausgemacht, sagt er stolz. Und wie kommt seine letzte Niere damit klar? Der 42-Jährige winkt ab. „Wenn ich meinen Wein nicht mehr trinken darf, dann liege ich noch viel schneller im Grab.“ Spricht’s und trinkt in einem Zug aus.

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