WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Vítor Constâncio "Deflation ist gefährlich"

Der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) warnt vor dauerhaft sinkenden Preisen im europäischen Währungsraum und verteidigt den umstrittenen Kauf von Staatsanleihen.

vitor constancio ezb Quelle: Oliver Rüther für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Constâncio, wie gefällt es Ihnen im neuen Glaspalast der Europäischen Zentralbank am Osthafen in Frankfurt? Wir haben gehört, Mitarbeiter verlaufen sich noch im Labyrinth der zwei neuen Hochhaustürme.
Vítor Constâncio: Wir befinden uns noch in der Eingewöhnungsphase. Alles ist viel größer als vorher. Es gibt nicht nur mehr Platz, sondern auch viel Glas, kaum Wände, und die Entfernungen von einem Büro zum anderen sind weiter als vorher.

Das Jahr 2014 war für die EZB recht turbulent: Mit neuen geldpolitischen Instrumenten kämpft sie gegen niedrige Inflation und flaue Konjunktur in den Euro-Ländern. Ist nun der fallende Ölpreis Fluch oder Segen für die Konjunktur im Euro-Raum?
Für die Konjunktur sind die niedrigeren Ölpreise natürlich ein Segen. Sie unterstützen das Wachstum, und das hilft langfristig auch der Preisentwicklung nach oben.

Reaktionen auf EZB-Zinssenkung und Wertpapierkäufe

Und wie wirken sich die fallenden Benzinpreise kurzfristig auf die Inflationserwartungen aus?
Kurzfristig schafft dies eine nicht einfache Situation für uns. Unsere Expertenschätzungen sprechen für 2015 von einer Inflationsrate von gerade einmal 0,7 Prozent. Seit der Erarbeitung dieser Projektionen sind die Ölpreise aber um weitere 15 Prozent gefallen. Wir rechnen nun mit einer negativen Inflationsrate in den kommenden Monaten. Und das ist eine Sache, die sich jede Zentralbank sehr genau anschauen muss.

Inwiefern?
Die Teuerungsrate beeinflusst die Inflationserwartungen, diese wiederum beeinflussen die Entscheidungen von Unternehmen über Preise und Löhne. Wenn die Erwartung nicht mehr verankert ist, dass die Preise stabil bleiben, dann wächst die Gefahr, dass Menschen und Unternehmen Kaufentscheidungen vertagen. Denn sie beginnen, auf fallende Preise zu hoffen. Das wiederum würde wahrscheinlich weiter fallende Preise und einen weiteren Aufschub von Investitionsentscheidungen bedeuten. Es entstünde eine Abwärtsspirale. Unsere Aufgabe als Zentralbank ist es derzeit, genau das zu verhindern.

Stabil sind die Preise doch, wenn sie gar nicht steigen oder fallen, also bei einer Inflationsrate von null.
Zunächst einmal sind wir nicht die einzige Zentralbank der Welt, die sich ein Inflationsziel von rund zwei Prozent gesetzt hat. Alle großen Notenbanken haben festgelegt, dass für sie Preisstabilität bei einer Inflationsrate von um die zwei Prozent erreicht ist. Das hat mehrere Ursachen: Aus statistischen Gründen und aufgrund von Messungenauigkeiten neigen Inflationsindizes dazu, die tatsächliche Teuerung etwas überhöht auszuweisen, sodass ein Indexstand von null tatsächlich bereits eine negative Teuerung bedeuten würde.

"EZB hat völliges Neuland betreten"
"Eher symbolische Maßnahmen""Für sich betrachtet sind die Zinssenkungen und der negative Einlagezins eher symbolische Maßnahmen: Sie werden weder die Kreditvergabe in den Krisenländern maßgeblich verbessern noch das Deflationsrisiko deutlich mindern", kommentierte DIW-Chef Marcel Fratzscher die EZB-Entscheidung. "Ich interpretiere sie aber als Startsignal und Anfang einer neuen EZB-Strategie einer stärkeren geldpolitischen Expansion. Als erste Schritte in einer Reihe von weiteren Maßnahmen in den kommenden Monaten sind sie bedeutungsvoll. Die EZB-Maßnahmen bergen große Risiken: Sie könnten die Blasenbildung und das riskante Verhalten von Banken noch verstärken. Allerdings wäre es noch riskanter und eine deutlich schlechtere Option, wenn die EZB nichts täte." Quelle: dpa
"Genau das falsche Rezept""Der Schritt der EZB markiert eine neue Eskalationsstufe. Damit wird das Niedrigzinsniveau weiter verfestigt, zulasten der Vorsorgesparer in Deutschland. Ihre Sparanstrengungen werden durch die EZB untergraben", kritisiert Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). "Deshalb sind wir in Sorge. Ökonomisch ist die Maßnahme genau das falsche Rezept. Denn die niedrigen Zinsen lösen kaum noch Wachstumsimpulse aus. Viel wichtiger wäre die Fortsetzung der Strukturreformen zur Wiedergewinnung der Wettbewerbsfähigkeit. Die Politik des billigen Geldes wird zum Irrweg." Quelle: AP
"Zinspulver fast verschossen""Geldgeneral Draghi hat sein Zinspulver nun (fast) verschossen. Aktionäre und Immobilienbesitzer dürfen jubeln, Kontensparer und Versicherungssparer dürfen kapitulieren", sagt Ingo Theismann von der Vermögensverwaltung Consulting Team. "Erstmals müssen Banken Strafzinsen für ihre Einlagen zahlen, damit sollen über höhere Kreditvergaben Konjunktur und Inflation herbeigezaubert werden. Doch was sagte dazu bereits Ex-Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller vor 47 Jahren: 'Man kann die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie selber.' Wir können nur hoffen, dass diese riskante Wette der EZB auch aufgeht."
"Erhebliche Risiken""Ich sehe erhebliche Risiken durch die Niedrigzinspolitik und die vergleichsweise üppige Geldversorgung durch die EZB", sorgt sich Michael Fuchs, stellvertretender Fraktionschef der Unionsparteien im Bundestag. "Der Druck der Märkte auf Reformen und Einsparungen gerade in den EU-Krisenländern schwindet. Darüber hinaus gefährden Niedrigzinsen in der gesamten EU die Bereitschaft zum Sparen und zur Altersvorsorge in der Bevölkerung." Quelle: dapd
„Der Handlungsspielraum der EZB ist mehr homöopathisch“Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hält die Wirkung weiterer Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) für sehr begrenzt. „Der Handlungsspielraum der EZB ist mehr homöopathisch“, sagte das Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung dem Südwestrundfunk. Ein Leitzins, der noch näher bei null liege, und ein Strafzins für Geschäftsbanken, die überschüssiges Geld bei der EZB parken wollten, stellten als Konjunkturimpulse keine schweren „Geschütze“ dar. Um die Wirtschaft im Euroraum zu beleben, sollten die Politiker darüber nachdenken, wie man die Investitionsanreize stärken kann, sagte Bofinger: „Dass also mehr Kreditmittel auf den Märkten von Investoren aufgenommen werden, und dann steigen auch die Zinsen wieder.“ Eine Hauptkritik aus Deutschland an der Politik des billigen Geldes ist, dass das niedrige Zinsniveau die Sparer belaste. Quelle: dapd
"Völliges Neuland""Die EZB hat völliges Neuland betreten, in ihrer Mission, die Wirtschaft in der Euro-Zone zu unterstützen", konstatiert Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Diba. "Wird das die Wirtschaft anschieben? Wahrscheinlich nicht, aber es zeigt zumindest die Entschlossenheit der EZB und ihre Handlungsmöglichkeiten." Quelle: PR
"Ein ganz gefährlicher Weg, den die EZB da einschlägt."Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon (im Bild links neben dem Co-Chef der Deutschen Bank Jürgen Fitschen) wettert gegen die EZB-Ankündigungen, die Geldschleusen weiter zu öffnen. „Statt der erhofften Impulse für die Wirtschaft in den Krisenländern werden durch die erneute Zinssenkung die Sparer in ganz Europa weiter verunsichert und Vermögenswerte zerstört“, sagte der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), Georg Fahrenschon. Die Maßnahmen machten die Finanzmärkte auch nicht stabiler - „im Gegenteil, das überreichliche Geld quillt schon jetzt aus allen Ritzen und sucht sich immer riskantere Anlagemöglichkeiten“. Schon am Morgen vor der EZB-Entscheidung äußerte Fahrenschon im ARD-Morgenmagazin seine Sorgen darüber aus, dass viele Menschen, die mit Versicherungen für ihr Alter vorgesorgt hätten, jetzt ungefragt zur Kasse gebeten würden: „Das ist ein ganz gefährlicher Weg, den die EZB da einschlägt.“ Allein in Deutschland würden Sparer, die fürs Alter vorsorgen, 15 Milliarden Euro verlieren: „Das sind vom Baby bis zum Großvater 200 Euro pro Kopf. Und das ungefragt. Und das Geld fehlt. Es ist weg.“ Quelle: dpa

Das hört sich jetzt sehr technisch an.
Wichtiger noch, würde die EZB auf eine Inflation von null Prozent abzielen, müssten wir vermutlich dauerhaft für negative Inflationsraten in einigen Staaten sorgen, um die positive Teuerung in anderen Ländern auszugleichen. Deswegen macht es Sinn, sich ein Inflationsziel von um zwei Prozent zu setzen. Bei einem Inflationsziel von null Prozent ist außerdem die Gefahr hoch, dass die Wirtschaft in eine Deflation rutscht. Die Wirtschaft wäre zu nah an einer deflationären Situation und wäre bei jedem Schock verwundbar. Und Deflation ist gefährlich. Denn bei einer negativen Inflationsrate steigen die Reallöhne, und die Gewinnspannen der Unternehmen geraten unter Druck. Zudem halten sich Investoren und Konsumenten mit dem Geldausgeben zurück. In Frankreich haben Zeitungen über Umfragen berichtet, wonach eine Reihe der Befragten mit größeren Anschaffungen abwarten will, weil sie auf weiter sinkende Preise hofft. Es würde also ein gefährlicher Teufelskreis aus sinkenden Preisen, steigenden realen Lohnkosten, sinkenden Gewinnen, schrumpfender Nachfrage und weiter sinkenden Preisen drohen. Die Wirtschaft würde dann in eine Deflation und Rezession rutschen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%