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Wählerverhalten Rote Karte

Parteien haben in ganz Europa an Vertrauen verloren.

Beppe Grillo Quelle: AP/dpa

Als Beppe Grillo mit seiner Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) bei den italienischen Wahlen im Februar über ein Viertel aller Stimmen gewann, war die Überraschung in Europa groß. Grillo, der es zuvor als Komiker in Italien zu großer Bekanntheit gebracht hatte, ist aber beileibe kein italienisches Phänomen. „Das Potenzial solcher Bewegungen liegt in den meisten europäischen Ländern bei 20 bis 30 Prozent“, schätzt Jamie Bartlett, Direktor des britischen Centre for the Analysis of Social Media. Bartlett weiß, wovon er spricht. In einer Studie hat er 10.000 Anhänger von populistischen Bewegungen in elf europäischen Ländern befragt – und dabei ungewöhnlich deutliche Parallelen entdeckt.

Die Fans der neuen Polit-Organisationen, die Bartlett über Facebook ausfindig gemacht hat, sind von der herrschenden Klasse enttäuscht, misstrauen den Institutionen. Ganze drei Prozent der M5S-Anhänger gaben in der Umfrage an, den italienischen Parteien zu vertrauen, gerade einmal zwei Prozent dem nationalen Parlament. Das Muster wiederholt sich. In den Niederlanden etwa zeichnen sich die Anhänger der populistischen Freiheitspartei (PVV) von Geert Wilders durch ihr hohes Misstrauen gegenüber dem Staat aus.

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Die Euro-Krise verhilft Gruppen wie M5S, PVV, aber auch der britischen Splitterpartei UK Independence Party (UKIP) unter Nigel Farage zu gewaltigem Auftrieb, verstärkt sie doch Zweifel, dass „die da oben“ undemokratisch Entscheidungen fällen. „Es gab lange Zeit theoretische Bedenken, dass Europa undemokratisch ist“, sagt Bartlett. „Mit der Austeritätspolitik scheint es nun einen konkreten Beweis dafür zu geben.“

Das Internet gibt den neuen politischen Kräften ungeahnte Kräfte. „Social Media haben die Zugangsschranken zur öffentlichen Debatte gesenkt“, beobachtet Antonio Missiroli, ein ehemaliger Berater der EU-Kommission. Grillos Blog ist das meistgelesene Italiens, Wilders gehört nach einer Analyse von Burson-Marsteller zu den zehn niederländischen Politikern, die Online-Dienste wie Twitter für sich am besten zu nutzen wissen. Dank seiner Kommunikation im Internet hat Grillo binnen drei Jahren eine Million Unterstützer um sich geschart – einen solch rasanten Aufstieg hat es in Europa zuvor nie gegeben. Bartlett ist sich sicher: Bewegungen im Stil von M5S, die etablierten Parteien die rote Karte zeigen, werden künftig fester Bestandteil der europäischen Politik sein.

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