Wahl in Frankreich Der rote Hollande kommt – Europa muss sich Sorgen machen

Seite 2/2

Was Hollande wirklich will, blieb nebulös

Was die Franzosen mit Deutschland verbinden
Was die Franzosen mit Deutschland verbindenDie Deutsche Botschaft in Paris hat im vergangenen Jahr das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage vorgestellt. Die Frage lautete: Welches Bild haben die Franzosen von den Deutschen und umgekehrt? Fest steht: Es ist eine lange Geschichte der Anerkennung, aber auch der Anfeindung. Ein kurzer Überblick, über die Begriffe, mit denen die Franzosen uns Deutsche identifizieren. Quelle: dpa
Abgeschlagen auf den hinteren Plätzen landeten Begriffe wie „Hitler“, „Nazis“ und „Krieg“. Die Autoren der Studie schlussfolgern daraus: Germanophobie gibt es in Frankreich kaum noch. Gerade die jüngeren Franzosen denken mit Blick auf die vergangenen Jahrzehnte eher an den Fall der Mauer, als an Deutschlands Rolle unmittelbar vor und während des Zweiten Weltkrieges. Quelle: AP
Die Franzosen reden bei Deutschland von
Die Würstchen oder das Sauerkraut nannten zwölf Prozent der Befragten als was typisch Deutsches. Man muss davon ausgehen, dass die deftige Küche als Beispiel deutscher Kochkünste herhalten muss. Quelle: dpa
Das deutsche Auto genießt bei den Franzosen ein hohes Ansehen. 18 Prozent der Befragten gaben das an erster Stelle an - genauso viele, die
Die deutschen Rheinnachbarn werden auch stark mit ihrem Bier assoziiert: 23 Prozent der Befragten nannte als erst das deutsche Getränk par excellence. Quelle: AP
Gefragt nach einem spontanen Gedanken zu Deutschland, wurde der Nachname der deutschen Bundeskanzlerin bei der Umfrage der Deutschen Botschaft am meisten genannt. 29 Prozent der Befragten gaben

Aber schon in den kommenden Tagen wird all das vergessen sein und viele seiner Wähler werden sich verwundert die Augen reiben. Denn jenseits der Kuschelrhetorik und großen Versprechen muss Hollande Politik machen und die dringendsten Probleme Frankreichs angehen: Die Staatsverschuldung, die Arbeitslosigkeit und die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit. Wie er das genau tun will, wurde während des Wahlkampfes kaum klar. Genau deshalb müssen sich Franzosen und Europäer wegen des neuen Mannes im Élysée durchaus Sorgen machen.

So hat Hollande bisher nur erklärt, wie er die eine Hälfte des Haushaltsloches von mehr als 100 Milliarden Euro stopfen will. Nämlich mit der Erhöhung der Abgaben auf hohe Einkommen, Erbschaften und Kapitalgeschäfte. Wo er die darüber hinaus benötigten 50 Milliarden Euro einsparen will, um bis 2017 einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen, bleibt ungewiss.

Im Beamtenapparat kann es laut seinem Wahlprogramm nicht sein. Denn Hollande will 60.000 neue Lehrer und Erzieher einstellen. Dieselbe Zahl von Beamten plant er zwar andernorts abzubauen, aber gespart ist damit nichts. Auch das üppige französische Sozialsystem oder der Arbeitsmarkt, auf dem beinharter Kündigungsschutz, 35-Stunden-Woche und bis zu neun Wochen Urlaub regieren, sind für Hollande heilige Kühe.

Zu einem Zusammenbruch von seinem wirtschaftspolitischem Kartenhaus wird aber noch eine andere Tatsache führen: Der Sozialist hat in seinem Fünfjahresplan zur Haushaltskonsolidierung ein sehr hohes Wachstum von mehr als zwei Prozent angesetzt. Laut vielen Ökonomen ein Wunschkonzert. Die Steuereinnahmen werden folglich viel niedriger ausfallen als gedacht. Die Folge: ein noch größeres Loch in den Berechnungen.

Stand Heute, kann sich Europa einen ausgeglichenen französischen Haushalt in den kommenden Jahren also abschminken. Setzt Hollande sein Programm wie angekündigt um, bleibt Frankreich in Europa ein Wackelkandidat zwischen prosperierenden Nord- und verarmenden Südstaaten. Die Wachstumspakete, die Letztere gerade fordern, wird auch der französische Präsident künftig gut gebrauchen können, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen.

Trotz der düsteren Aussichten schienen sich in den vergangenen Wochen französische Unternehmer und die Analysten in den Finanzinstituten in Paris und London erstaunlich gut mit dem Gedanken abgefunden zu haben, dass Hollande der nächste Präsident wird. Der Tenor dort: „Er wird seine Politik der Situation anpassen müssen, er hat gar keine andere Wahl.“ Um die Reformen und Sparmaßnahmen, die Finanzmärkte im Gegenzug für eine hohe Bonität erwarten, komme Hollande nicht herum, so das Kalkül.

Aber kann der rote Bürgerkönig auch Reformer? Im Gegensatz zu Sarkozy hat Hollande noch keinen Hinweis gegeben, dass er Reformen auch gegen heftigen Widerstand durchboxen kann. Und den wird es mit Sicherheit geben, sollte sich Hollande entgegen allen Ankündigungen zu schmerzhaften Sparpaketen und Arbeitsmarktreformen durchringen. Soll Frankreich prosperieren, müsste sich also nicht nur das Land radikal ändern, sondern auch Hollande. Nach diesem Wahlkampf der schönen Worte und großen Versprechungen ist beides nicht zu erwarten.

  • 1
  • 2
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%