Wahl in Portugal Die Krise ist noch nicht vom Tisch

Konservative und Sozialisten liegen kurz vor der Wahlentscheidung nahezu gleichauf. Vielen Portugiesen ist das egal – sie gehen lieber ins Fußballstadion.

Wie stehen Griechenland, Spanien und Co. da?
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Die Lohnstückkosten sind in Griechenland, Irland und Spanien vergleichbar hoch. Für Griechenland senkt das die Wettbewerbsfähigkeit im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung deutlich herab.
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Alle vier Länder haben den Abbau der Staatsausgaben verbessert. Besonders Griechenland war hier auf einem guten Weg, bis im Januar Syriza an die Macht kam.
Mit dem Abbau der Staatsverschuldung haben alle vier Länder noch ein Problem und sind noch weit entfernt von einem akzeptablen Stand. Am besten schlagen sich hier Spanien und Irland.
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Für Ricardo Silva sind die schlechten Zeiten vorbei. Der Sportwagenverkäufer zeigt ein Video, in dem ein Herrenschneider im roten Ferrari durch Lissabon braust und seiner betuchten Kundschaft Maßanzüge vorbeibringt. „Natürlich gibt es Portugiesen, die sich so einen Wagen leisten können“, sagt Silva.

Wie zum Beweis liefert der Automobilverband ACAP die passenden Zahlen hinterher: Nicht nur der Markt für edle Autos erlebt einen Aufschwung. Über alle Klassen hinweg sind die Autoverkäufe in Europas westlichstem Land in diesem Jahr um fast 30 Prozent gestiegen – und die dazugehörigen Verbraucherkredite gleich mit. Viele Portugiesen schöpfen wieder Zuversicht, seit das Land nicht mehr auf das Rettungspaket der EU, der Europäischen Zentralbank (EZB) und des Internationalen Währungsfonds (IWF) angewiesen ist und an den Märkten wieder Kredite bekommt.

Was Sie noch nicht über Portugal wussten
Der Name Portugal ist von „Portus Cale“ (Lateinisch „Portus“ = Hafen) abgeleitet. So nannten die Römer die heute als Porto bekannte Hafenstadt im Norden des Landes, die griechische Händler zuvor „Kalos“ (schön) genannt hatten. Im Mittelalter wurde Portus Cale zu Portucale, später Portugale, und bezeichnete zunächst nur den Norden des Landes. Quelle: dpa
Im frühen 16. Jahrhundert teilten Portugal und Spanien mit den Verträgen von Tordesillas (1494) und Saragossa (1529) die gesamte außereuropäische Welt zwischen sich auf. Von Portugals Kolonialreich, zu dem Brasilien, Mocambique und Angolas gehörten, sind nur noch die Azoren und Madeira übrig - und das Portugiesische als Weltsprache.  Quelle: dapd
1678 tauchte erstmals die Bezeichnung „Porto“ für Weine aus dem Dourotal auf. Aufgrund steigender Nachfrage in England nach Wein importierten englische Kaufleute gegen Ende des 17. Jahrhunderts mehr Portwein, da Frankreichs Weine kriegsbedingt nicht verfügbar waren. In einem Klöster sollen englische Kaufleute den sogenannten „Priest-Port“ entdeckt haben. Der Trick der Mönche bestand darin, dem Wein während der Gärung Neutralalkohol hinzuzufügen, wodurch der Gärprozess gestoppt wird. Der nicht vergorene Restzucker der Trauben verleiht dem Portwein seine berühmte Süße. Quelle: KNA
Der extrem gestiegene Portwein-Export führte zu einem Qualitätseinbruch. 1756 ließ Portugals Premierminister Marquês de Pombal daher eine Gesellschaft zur Garantie von Qualitätskriterien gründen, eine Art des regionalen Qualitätssiegels. Die Weinberge im Douro-Tal wurden in sechs Klassen eingeteilt, nach den Kategorien Klima, Boden, Hangneigung, Meereshöhe, Ertragsmenge sowie Alter der Rebstöcke. Quelle: dpa/dpaweb
Portugals Bürokratie ist berüchtigt. So wird zum Beispiel der Salzgehalt des Brotes auf maximal 1,4 g Salz pro 100 g Brot festgelegt. Für das Gesetz hatten sich auch Ärzte stark gemacht. Frühstückscerealien wie Müsli sind davon nicht betroffen. Der Weltgesundheitsbehörde (WHO) zufolge wird in Portugal das Doppelte der empfohlenen Salzmenge konsumiert. Quelle: dpa/dpaweb
Der Export des Portweins nach England führte zum Import des Fußballs aus England. Es war nämlich ein mit England verbundener Weinhändler namens António Nicolau d'Almeida, der 1893 den F.C. Porto gründete - bis heute eine nationale und internationale Größe im Fußball. Almeidas Frau war übrigens keine Freundin des Sports. Sie brachte ihren Mann dazu, sein Engagement bald wieder zu beenden. Quelle: dapd
Seit den 1970er Jahren heißen einige Straßenzüge in der Hamburger Neustadt „Portugiesenviertel“. Ursprünglich ein günstiges Wohnviertel für portugiesische Gastarbeiter ist es heute vor allem bei Touristen und Büroangestellten der angrenzenden Viertel  wegen seiner portugiesischen Cafés und Restaurants beliebt. Die Zahl portugiesisch-stämmiger Einwohner geht seit Jahren zurück. Quelle: dpa/dpaweb

Regierungschef Pedro Passos Coelho, sollte man meinen, könnte der Parlamentswahl am kommenden Sonntag also gelassen entgegensehen. Doch dem ist nicht so. Im Gegenteil. Viele Wähler sind unzufrieden. Die Portugiesen regen sich vor allem über die in der Krise enorm gestiegene Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich auf – und lasten dies der bürgerlich-konservativen Regierung an.

So benehmen Sie sich in Portugal richtig

Umfragen zufolge wird sich aber weder das rechte noch das linke Lager im Parlament auf eine Mehrheit stützen können – obwohl die Partido Social Democrata (PSD) des Ministerpräsidenten und der kleinere Koalitionspartner, die Partido Popular (PP), mit einer Einheitsliste antreten. Eine große Koalition mit der Partido Socialista (PS) unter ihrem Spitzenkandidaten António Costa gilt als ausgeschlossen. So steuert das Land in eine ungewisse Zukunft, obwohl es auch nach den Wahlen eine handlungsfähige Regierung braucht.

Zwar haben die Portugiesen mit der ihnen eigenen Geduld Steuererhöhungen, Kürzungen der Sozialbudgets und Einkommen sowie Einschränkungen des Kündigungsschutzes ertragen, und viele Textil- und Schuhhersteller haben sich durch Innovationen und Spezialisierung neue Exportmärkte erschlossen. Doch über den Berg ist das Land noch lange nicht.

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