WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Wahlkampf in Italien Berlusconi muss um seine Heimat kämpfen

Die jungen Demokraten in Italiens wirtschaftsstärkster und traditionell konservativer Region, der Lombardei, begehren auf. Kurz vor den Parlamentswahlen mobilisieren sie noch einmal gegen die Rückkehr Silvio Berlusconis auf die politische Bühne. Ihr Erfolg könnte wahlentscheidend sein.

Kurz vor den Parlamentswahlen stehen die Chancen für Silvio Berlusconi gut - Doch den Wahlausgang wird die konservative Region Lombardei entscheiden Quelle: REUTERS

Es scheint, als habe Silvio Berlusconi Italien knapp zwei Wochen vor den Parlamentswahlen fest im Griff. In den jüngsten Umfragen kommt die Mitte-Rechs-Koalition unter Federführung von Berlusconis Partei „Volk der Freiheit“ (PdL) bis auf vier Prozent an das Mitte-Links-Bündnis heran, in dem die Demokratische Partei (PD) des Pier Luigi Bersani die stärkste Kraft ist. Doch kann der Cavaliere am Ende nur gewinnen, wenn ihm die traditionell konservative Wählerschaft der norditalienischen Region Lombardei auch dieses Mal die Treue hält.

Der König von Italien
Silvio Berlusconi ist nicht nur berühmt und berüchtigt als Italiens Ministerpräsident. Der 75-Jährige ist mit einem von "Forbes" geschätzten Vermögen von 7,8 Milliarden Dollar (2010) auch einer der reichsten Mann im Land. Seine unternehmerischen Aktivitäten hat Berlusconi in der Familienholding Fininvest gebündelt. Ein Überblick über Berlusconis Milliardenimperium.
Noch vor dem Abschluss seines Jurastudiums 1959 wurde Berlusconi Geschäftsführer eines Mailänder Bauunternehmens. 1961 machte er sich mit der Firma Cantieri Riuniti Milanesi selbstständig. Berlusconi etablierte sich schnell als Investor zukunftsweisender Wohn- und Geschäftskomplexe um Mailand.
In den 70er Jahren richtete Berlusconi sein unternehmerisches Interesse zunehmend auf den Mediensektor. Fininvest, 1978 gegründet, erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 5,9 Milliarden Euro und fuhr einen Gewinn von 160 Millionen Euro ein. Unternehmensleiterin ist seine Tochter Marina Berlusconi. Das Unternehmen mit Sitz in Rom und Mailand, bei dem mehr als 20.000 Mitarbeiter beschäftigt sind, gehört nach Medienangaben zu 63,3 Prozent Silvio Berlusconi und zählt zu den größten Arbeitgebern des Landes. Der Wert der Unternehmen wird auf insgesamt rund sechs Milliarden Euro geschätzt.
Einen Anteil von jeweils 7,65 Prozent halten die Kinder Marina und Pier Silvio, die drei anderen Kinder Barbara (im Bild), Eleonora und Luigi teilen sich zusammen 21,4 Prozent. Zu Fininvest gehört das Film- und Fernsehunternehmen Mediaset, der Verlag Mondadori, die Finanzberatung Mediolanum, der Fußballverein AC Mailand und das Teatro Manzoni in Mailand.
Größter Umsatzbringer in Berlusconis Reich ist der Medienkonzern Mediaset (Umsatz 2010: 4,3 Milliarden Euro, Gewinn: 352,2 Millionen Euro), an dem Fininvest mit 39 Prozent beteiligt ist. Dazu gehören drei landesweite TV-Sender, die dem Ministerpräsidenten eine beachtliche mediale Präsenz sichern: Italia 1, Rete 4 und der Flagschiffsender Canale 5 - spezialisiert auf populäre Unterhaltungssendungen wie "C'è posta per te", "Amici", "Zelig" und "Big Brother". Mit einer durchschnittlichen Einschaltquote von 21,9 Prozent ist Canale 5 Italiens Marktführer.
Zum Mediaset-Konzern gehören neben der Werbeagentur Publitalia außerdem noch die spanischen Kanäle Cuatro und Telecinco und die Bezahlplattform Mediaset Plus. Zusätzlich betreibt das Unternehmen zahlreiche digitale Spartensender wie Boing, La 5, Iris und den Einkaufssender Mediashopping und hält Anteile an Produktionsfirmen und Werbeagenturen. Im November 2008 war Mediaset mit drei Prozent beim deutschen Bezahlsender Premiere - heute Sky (Bild) - eingestiegen.
Bücher, Zeitschriften (darunter das Magazin "Panorama") und Radiosender bündelt Berlusconi im Verlagshaus Mondadori, an dem Fininvest mit 50,1 Prozent beteiligt ist. Das Unternehmen mit seinen 3900 Mitarbeitern erzielte im vergangenen Jahr einen Gewinn von 97 Mio. Euro bei 1,82 Mrd. Euro Umsatz.

Objektiv gesehen sind die Voraussetzungen dafür gegeben: Berlusconis Imperium Fininvest zieht seine Strippen von der lombardischen Hauptstadt Mailand aus; über das Verlagshaus Mondadori, das Fernsehunternehmen Mediaset und den AC Mailand ist der Cavaliere allseits präsent. Daneben bringen die Modemacher Dolce&Gabbana und der Stahlkonzern Riva Fire der Region Bekanntheit und Geld ein; die beiden größten Banken des Landes, Unicredit und die Banca Intesa, und die Börse haben ihren Sitz in Mailand.

Zusätzlich stärken zahlreiche kleine und mittelgroße Betriebe aus der Metall-, Elektro-, Textil- und der chemischen Industrie der Region den Rücken. Über die Jahre haben sie im Hinterland eine solide Produktion aufgebaut. Insgesamt stemmt die Lombardei rund ein Fünftel des italienischen Bruttoinlandsprodukts. Die regionale Arbeitslosenquote liegt mit 6,7 Prozent deutlich unter der nationalen (11,2 Prozent). Fazit: Trotz der derzeit rückläufigen Wirtschaftsleistung in Gesamtitalien geht es den rund zehn Millionen Lombarden immer noch vergleichsweise gut.

Langsam bröckelt das Vertrauen in Berlusconi

Würde Berlusconis Mitte-Rechts-Koalition in der Lombardei die meisten Stimmen sammeln und 27 Senatoren nach Rom entsenden, hätte es das Mitte-Links-Lager schon schwerer, auf die 158 Sitze zu kommen: Nun müssten sich 17 der 31 Senatoren von Montis „Bürgerlichen Wahl“ (Scelta Civica) auf die Seite der Demokraten schlagen. Centrosinistra (Mitte-links-Koalition), Scelta Civica Monti („Bürgerliche Wahl Monti“), Movimento Cinque Stelle (M5S, Bewegung Fünf Sterne), Centrodestra (Mitte-Rechts-Parteienbündnis) Sonstige (Altri) Quelle: Screenshot

Doch sind erste Anzeichen gegeben, dass das Vertrauen in die nationalistisch-konservativ gerichtete Politik langsam bröckelt. Für viele überraschend, ging die lombardische Hauptstadt Mailand nach 18 Jahren rechtsgerichteter Führung im Juli 2011 an den parteilosen Bürgermeister Pisapia, der jetzt mit den Demokraten regiert. Bereits damals hatten viele junge Italiener in einer beherzten Straßen-Kampagne für Pisapia Stimmung gemacht und Flugblätter verteilt.

Den Erfolg im Rücken, will eine starke Basis an jungen Demokraten nun Berlusconi und der PdL erneut den Kampf ansagen – eine Stufe ernsthafter, eine Stufe organisierter als noch vor Monaten in Mailand. Im Internet mobilisieren sie seit Wochen für eine „nächste Lombardei“ unter demokratischer Führung, versammeln sich zum Fahrrad Mob vor der Mailänder Skala, rufen schließlich zur „Operazione Ohio“. Die Mission: (Buchstäblich) an alle Türen in der Nachbarschaft klopfen und konservative Wähler umstimmen, nicht länger Berlusconis PdL, sondern den PD zu unterstützen. Es komme auf jede Stimme an, sagen sie. Die Lombardei sei das Ohio Italiens.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%