WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Weltwirtschaftsforum Davos-Teilnehmer haben Angst um Frankreich

François Hollande ist nicht in Davos, trotzdem sprechen fast alle über den französischen Präsidenten und dessen wirtschaftsfeindliche Politik. Ökonomen und Wirtschaftsbosse fürchten einhellig, dass Frankreich auf den Abgrund zusteuert.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Die skurrilsten Zahlen und Fakten über Davos
Mittlerweile zum 43. Mal lädt Klaus Schwab, der Gründer und Präsident des Weltwirtschaftsforums, zum Treffen in Davos. Das Thema diesen Jahres lautet "Resilient Dynamism" (zu deutsch: "Widerstandsfähige Dynamik"). Der Schweizer Nobelort hat 11.131 Einwohner - und wird im Tagungszeitraum von...
Iglu Quelle: dapd
Davos Quelle: AP
Viele Wirtschaftsbosse laden am Essen gerne Geschäftspartner zu einem Essen ein. Das Posthotel berechnet dabei nach NY-Times-Angaben pro Person mindestens 210 US-Dollar. Eine Cocktail-Party für 60 bis 80 Leute kostet pro Stunde 8000 US-Dollar.
Die meisten Gäste des Weltwirtschaftsforums reisen über den Flughafen in Zürich an. Die Schweizer Metropole liegt rund 150 Kilometer von Davos entfernt. Von Zürich-Kloten geht es mit einer Limousine nach Davos - oder per Helikopter. Eine Strecke kostet 3.400 US-Dollar.
Weltwirtschaftsforum Quelle: dpa
Wein Quelle: Fotolia

Die Nachricht aus Frankreich machte in Davos schneller die Runde, als ein Skifahrer das Jakobshorn herunterrasen kann: Die französische Fondsgesellschaft „Carmignac Gestion“ verlegt einen Teil ihrer Fondsverwaltung aus Steuergründen nach Luxemburg. „Wir müssen Talente gewinnen und sie gut bezahlen, das Umfeld ist dafür in Frankreich nicht sehr günstig“, so der Generaldirektor Eric Helderlé. Unter den Gästen des Weltwirtschaftsforums im Schweizer Nobel-Ski-Ort Davos ist die Erklärung nur all zu gut nachvollziehbar.

„Frankreich macht eine verheerende Wirtschaftspolitik. Es war nur eine Frage von Wochen, ehe der Exodus von Unternehmen, Anlegern und Kapital aus Frankreich endgültig Fahrt aufnimmt“, kommentiert ein deutscher Spitzenmanager im Hintergrundgespräch mit WirtschaftsWoche Online. „Das Land wird zum größten Sorgenkind in Europa.“

Die Wirtschaftsbosse in Davos kritisieren gleich eine ganz Reihe an Verfehlungen des Präsidenten François Hollande. Die Einführung der Reichensteuer gehört natürlich dazu, aber auch die Ankündigung, Konzerne zu verstaatlichen, sollten sie Arbeitsplätze abbauen – wie konkret im Fall eines Stahlwerks von „ArcelorMittal“ in Lothringen. „In diesem Umfeld investiert kein Unternehmer“, so ein ehemaliger Dax-Konzernchef.

Eine Massenflucht der Unternehmen ist das letzte, was Frankreich, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone, gebrauchen kann. Über drei Millionen Franzosen sind bereits arbeitslos, das sind mehr als zehn Prozent aller Bürger im erwerbsfähigen Alter. Bei den Jung-Erwachsenen ist gar jeder vierte ohne Job. Die französische Volkswirtschaft wächst nur noch minimal, doch selbst damit könnte im neuen Jahr Schluss sein. Glaubt man den Prognosen, steuert das Land geradewegs auf einen Abschwung zu.

„Nach Italien und Spanien wird auch Frankreich in die Rezession rutschen“, glaubt Fondsmanager Frédéric Leroux. Ein Szenario, das nicht nur für Frankreich, sondern auch für Deutschland böse Folgen haben könnte.

Frankreichs Regierung überhört die Warnungen


Die wettbewerbsfähigsten Länder der Welt
Platz 10: GroßbritannienFür die Insel ging es im Vergleich zum Vorjahr zwei Ränge abwärts. Großbritannien offenbart in mehreren Kategorien Schwächen, besonders was das gesamtwirtschaftliche Umfeld und die Finanzmärkte angeht. Das Land profitiert aber von seiner starken Arbeitsmarkteffizienz. Quelle: "Global Competitiveness Index" des World Economic Forum Quelle: REUTERS
Platz 9: JapanJapan steigt im Vergleich zum Vorjahresranking um einen Platz auf. Die Punkte in den einzelnen Bewertungspositionen des Index blieben nahezu unverändert. Besonders in Sachen Innovationen ist das Land gut dabei: Japan hat die weltweit vierthöchste Anzahl von Patentanträgen pro Kopf. Quelle: REUTERS
Platz 8: NiederlandeNoch im Vorjahr konnten sich die Niederlande um zwei Plätze auf Position fünf verbessern - nun ging es wieder um drei Plätze nach unten. Geschuldet ist der Abwärtstrend geschwächten Finanzmärkten und Sorgen um die Stabilität des Bankensystems. Nichtsdestotrotz haben die Niederlande eine sehr produktive Volkswirtschaft mit gut entwickelten und innovativen Unternehmen. Quelle: AP
Platz 7: HongkongFür Hong Kong ging es im Vorjahresvergleich um zwei Plätze nach oben, dank einer anhaltend starken Leistung. Die Wettbewerbsfähigkeit der Sonderverwaltungszone Hongkong zeugt vor allem von einem guten Abschneiden in vielen Kategorien, hervorzuheben ist die gute Infrastruktur und die hohe Effizienz, Stabilität und Vertrauenswürdigkeit der dortigen Finanzmärkte. In Sachen Bildung und Innovationen hat Hong Kong jedoch noch deutlichen Nachholbedarf (aktuell belegt es die Plätze 22 und 23), wenn es sich weiter verbessern will. Quelle: REUTERS
Platz 6: SchwedenSchweden gehört zwar weiter zur Spitzengruppe, fiel im Vergleich zum Vorjahr aber um zwei Plätze im Ranking. Wie die Schweiz legt Schweden viel Kraft in Innovationen. Obwohl die WEF-Bewertung leicht fiel - Schuld ist ein etwas schwächeres gesamtwirtschaftliches Umfeld - zählen Schwedens öffentliche Einrichtungen nach wie vor zur Spitzenklasse, mit einem hohen Maß an Effizienz, Vertrauenswürdigkeit und Transparenz. Quelle: dpa
Platz 5: USADie Wirtschaft der USA gehört laut WEF nach einem vierjährigen Abwärtstrend wieder zu den effektivsten der Welt und ist führend bei der Entwicklung innovativer Produkte und Dienstleistungen bis zur Marktreife. Im Wettbewerbsindex verbesserten sich die USA gegenüber 2012 um zwei Plätze auf Rang 5. Quelle: REUTERS
Platz 4: DeutschlandDeutschland ist überraschend um zwei Plätze nach oben geklettert. Im Vorjahr noch auf Rang sechs, hat sich die Bundesrepublik nun auf den vierten Platz vorgearbeitet. Die WEF-Experten bescheinigen Deutschland eine hohe Flexibilität und Innovationskraft seiner Wirtschaft sowie eine ausgezeichnete Infrastruktur. Gelobt wird in der Studie, dass deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich viel für Forschung und Entwicklung ausgeben. Probleme habe Deutschland hingegen durch einen vergleichsweise unflexiblen Arbeitsmarkt. Quelle: dpa

„Es gibt in der Euro-Zone neben Deutschland keine Führungsmacht mehr“, sagt der renommierte US-Ökonom Jeffrey Sachs im Gespräch mit WirtschaftsWoche Online. Das bedeute, ob es die Bundesregierung wolle oder nicht, dass Deutschland „mehr Verantwortung stemmen müsse“. Politisch, aber auch finanziell. Etwa im Fall Griechenland. „Ein Schuldenschnitt für das Land ist unausweichlich“, sagt Sachs. „Je länger Deutschland wartet, desto teurer wird es.“

Auch die Banker in Davos sind verunsichert. Eigentlich gebe es nach Mario Draghis Ankündigung, im Zweifelsfall Staatsanleihen der Euro-Pleitekandidaten aufzukaufen, nur noch wenig Gründe, die langfristig gegen eine Erholung der Euro-Zone sprechen, erklärt eine ehemalige Führungskraft der US-Großbank JP Morgan im Vier-Augen-Gespräch. „Aber Frankreich sät neue Zweifel.”

Ähnlich argumentiert auch die Fondsgesellschaft Carmignac, die es nun nach Luxemburg zieht. In einer Welt der Abwertungswettläufe – insbesondere in Japan und den USA – sei der Euro-Raum „der letzte Mann, der noch steht“, wenn da nicht Frankreich wäre. So erhöhten zwei Fonds der Gesellschaft (Carmignac Patrimoine und Carmignac Investissement) ihren Anteil in den vergangenen Monaten von Euro-Anlagen um acht bzw. 23 Prozent.  Doch für wie lange?

Ausland



Doch die „grande nation“ gefährdet mehr denn je die Erholung der Euro-Zone – und die Investitionsbereitschaft von Unternehmen und Anlegern in diese. Bereits im Juli warnte Carmignac mit einer Anzeige in der „Financial Times“, Steuererhöhungen seien kontraproduktiv. Doch Frankreich blieb stur. Finanzminister Pierre Moscovici sagte am Abend in Davos schlicht: „Wir haben hohe Schulden. Die Wirtschaft und die Wohlhabenden müssen ihren Anteil leisten.“ Man arbeite an einem neuen, verfassungskonformen Konzept, um diesen Anteil einzufordern.

Carmignac wird das egal sein. Die Fondsgesellschaft ist weg aus Frankreich. Glaubt man den Gipfelteilnehmern von Davos, werden sich zig weitere Unternehmen und Investoren ein Beispiel nehmen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%