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Wie Künstler die Finanzmisere verarbeiten Die Kunst der Krise

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Das Goldene Zeitalter des 21. Jahrhunderts

Junge Demonstranten sitzen am 14.05.2012 auf einem Platz in Madrid (Spanien). Quelle: dpa

Während die Staatshaushalte dramatisch schrumpfen, Subventionen für die Kunst als Erstes gestrichen wurden, lässt die Vielfalt an Sujets die Kultur aufblühen. Griechische Filme haben seit 2009 insgesamt 30 internationale Filmpreise gewonnen, zuletzt errang Alexandros Avranas mit dem düsteren Drama „Miss Violence“ einen Silbernen Löwen bei den Festspielen in Venedig. Die Finanzierung von Projekten ist schwierig, Filmförderung nicht existent, jährlich entstehen in Griechenland nur noch rund 20 Filme. Doch die erzählen so pralle Geschichten, dass schon von einem Goldenen Zeitalter des griechischen Films die Rede ist. „Kunst hängt nicht von Geld ab“, sagt Regisseur Papakaliatis, der in seinem Film die Hauptrolle spielt, das Drehbuch verfasste und mit einem Budget von einer Million Euro auskam.

Der Begriff vom Goldenen Zeitalter fällt auch in Spanien, wo Karikaturen boomen wie zuletzt in der Zeit nach dem Tod des Diktators Franco in den Siebzigerjahren. Andrés Rábago García, der den Übergang zur Demokratie damals schon unter dem Pseudonym „El Roto“ („Der Gebrochene“) mit seinen spröden Zeichnungen begleitete, läuft in diesen Tagen zu neuer Höchstform auf. Die Arroganz der Mächtigen, die sich schmieren ließen und hinterher ihre Unschuld beteuern, bannt er in ein eingängiges Bild: Der Bestechliche hält die Hand hinter seinem Rücken auf. Als glaube er beinah selbst, dass er dann nichts davon gewusst haben könne. „In 50 Jahren werden die Karikaturen von El Roto die besten Erklärungsmuster für die Krise bieten“, prophezeit der spanische Sozialdemokrat Javier Solana, einst Nato-Generalsekretär.

„Eine Zeichnung ist kraftvoller als eine 20-minütige Reportage“, beobachtet Comic-Autor Saló, der mittlerweile den dritten Band zur Krise vorgelegt hat. Zeichnungen entfalten eine derartige Kraft in Spanien, weil die Menschen den elektronischen Medien immer weniger trauen. „Der Fachpresse gelingt es nicht, die Krise einem breiten Publikum zu erklären“, sagt Saló. Er will unterhaltsam informieren, stellt Zusammenhänge her, erläutert Kettenreaktionen, erklärt Fehlentscheidungen am konkreten Beispiel. In einem seiner Videos erinnert er an das 2009 vom damaligen Ministerpräsidenten José Luis Zapatero groß angekündigte, 50 Milliarden Euro schwere Konjunkturprogramm Plan E, bei dem ein Großteil in so unsinnige Maßnahmen wie die Renovierung von Gehwegen floss, und zeigt in der nächsten Szene John Maynard Keynes, der sich im Grab umdreht.

Saló stellt den Denkansatz von Staatsgläubigen und Marktverfechtern einander gegenüber und kommt zu dem Schluss, dass Spanien nicht an Ideologien gescheitert ist, sondern an Filz. Konservative wie Sozialdemokraten haben ihre Leute in die Aufsichtsräte großer Unternehmen wie den Stromversorger Endesa oder Telefónica geschickt und Klientelpolitik betrieben. Saló hütet sich allerdings vor allzu einfachen Erklärungsmustern: „Ich glaube nicht, dass Banker böse sind oder jeder Politiker korrupt. Wir haben alle einen Anteil an dem, was aus Spanien geworden ist.“

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