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Wie Künstler die Finanzmisere verarbeiten Die Kunst der Krise

Die Krise hat das Leben in Griechenland, Spanien und Irland von Grund auf verändert. Künstlern verhilft das zu großen Themen – und neuem Publikum.

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Der griechische Regisseur Alexandros Avranas hält für seinen Film

Mit wenigen Strichen bringt Comic-Zeichner Aleix Saló die Dinge auf den Punkt. Im Video zu seinem Band „Españistan“ erklärt er das Platzen der spanischen Immobilienblase so prägnant, dass Professoren den knapp sieben Minuten langen Zeichentrickfilm gerne in ihren Vorlesungen zeigen, um Studenten die größte Wirtschaftskrise Spaniens seit dem Zweiten Weltkrieg zu erklären. Auf YouTube erzielte der Clip in einer Woche zwei Millionen Klicks.

Mit wenigen Schnitten fängt Regisseur Christopher Papakaliatis die Höhen und Tiefen des Alltags in Athen ein. In seinem Erstling „An“ („Wenn“) tanzt ein verliebtes Paar vor der malerisch beleuchteten Akropolis. Als sich die beiden später leidenschaftlich in die Arme fallen, rückt im Hintergrund die Polizei zum Großeinsatz gegen Demonstranten an. Unter dem englischen Titel „What if...“ steht der griechische Kassenschlager in der diesjährigen Vorauswahl für die Golden Globes.

Mit wenigen Worten zockt der Komiker Barry Murphy sein Gegenüber ab. „Könnte ich zehn Euro haben?“, fragt der Ire in seiner Paraderolle als Professor Doktor Günther Gruhn, Volkswirt der Europäischen Zentralbank, einen Zuschauer in Dublin. Der zückt prompt die Brieftasche und überreicht den Schein. „It’s that easy“, triumphiert Murphy mit deutschem Akzent. Das Publikum tobt. Barry Murphy, der seinen Landsleuten gerne den Spiegel vorhält und entlarvt, wie Irland jahrelang umgekehrt Europa gegenüber die Hand aufgehalten hat, ist einer der beliebtesten Komiker im Lande.

Die Euro-Krise, die vor vier Jahren in Griechenland ihren Anfang nahm, hat das Leben der Menschen in den betroffenen Ländern grundlegend verändert. Sicherheit gibt es nur noch für eine kleine, privilegierte Schicht. Angst vor Arbeitslosigkeit und Abstieg prägt selbst diejenigen, die noch einen Job haben und von Armut nicht direkt betroffen sind.

Comic-Zeichner Saló, Regisseur Papakaliatis und Komiker Murphy sind drei von vielen Künstlern, die die Umbrüche in ihren Ländern einfangen, während Ökonomen den wirtschaftlichen Abstieg noch mit Zahlen beschreiben. Allein in Griechenland sank der Lebensstandard seit 2008 im Durchschnitt um 40 Prozent. Seit 2011 ist das verfügbare Einkommen pro Kopf niedriger als in Südkorea, ermittelte die Pariser Wirtschaftsorganisation OECD. Doch was bedeutet es für eine Gesellschaft, jahrelang kollektiv der Illusion des vermeintlichen Reichtums angehangen zu haben? Was bedeutet es für den Einzelnen, künftig mit mehr Ungewissheit leben zu müssen?

Soziologen, Psychologen und andere Welterklärer ringen noch um überzeugende Antworten. Sie konstatieren Angst, Wut, Verzweiflung in nie da gewesenem Ausmaß, verfolgen steigende Selbstmordraten und stagnierende Scheidungsziffern: Kaum jemand kann sich noch eine Trennung finanziell leisten.

Während die Sozialwissenschaften über die Deutung der Umbrüche brüten, hat die Kunst längst die ganz großen Themen der Krise für sich entdeckt. Vertrauen, Betrug und Selbstverantwortung sind nur einige der Leitmotive, die sich aktuell durch das Kunstschaffen der Krisenländer ziehen. Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist dabei deutlich höher als in der Politik.

Das Goldene Zeitalter des 21. Jahrhunderts

Junge Demonstranten sitzen am 14.05.2012 auf einem Platz in Madrid (Spanien). Quelle: dpa

Während die Staatshaushalte dramatisch schrumpfen, Subventionen für die Kunst als Erstes gestrichen wurden, lässt die Vielfalt an Sujets die Kultur aufblühen. Griechische Filme haben seit 2009 insgesamt 30 internationale Filmpreise gewonnen, zuletzt errang Alexandros Avranas mit dem düsteren Drama „Miss Violence“ einen Silbernen Löwen bei den Festspielen in Venedig. Die Finanzierung von Projekten ist schwierig, Filmförderung nicht existent, jährlich entstehen in Griechenland nur noch rund 20 Filme. Doch die erzählen so pralle Geschichten, dass schon von einem Goldenen Zeitalter des griechischen Films die Rede ist. „Kunst hängt nicht von Geld ab“, sagt Regisseur Papakaliatis, der in seinem Film die Hauptrolle spielt, das Drehbuch verfasste und mit einem Budget von einer Million Euro auskam.

Der Begriff vom Goldenen Zeitalter fällt auch in Spanien, wo Karikaturen boomen wie zuletzt in der Zeit nach dem Tod des Diktators Franco in den Siebzigerjahren. Andrés Rábago García, der den Übergang zur Demokratie damals schon unter dem Pseudonym „El Roto“ („Der Gebrochene“) mit seinen spröden Zeichnungen begleitete, läuft in diesen Tagen zu neuer Höchstform auf. Die Arroganz der Mächtigen, die sich schmieren ließen und hinterher ihre Unschuld beteuern, bannt er in ein eingängiges Bild: Der Bestechliche hält die Hand hinter seinem Rücken auf. Als glaube er beinah selbst, dass er dann nichts davon gewusst haben könne. „In 50 Jahren werden die Karikaturen von El Roto die besten Erklärungsmuster für die Krise bieten“, prophezeit der spanische Sozialdemokrat Javier Solana, einst Nato-Generalsekretär.

„Eine Zeichnung ist kraftvoller als eine 20-minütige Reportage“, beobachtet Comic-Autor Saló, der mittlerweile den dritten Band zur Krise vorgelegt hat. Zeichnungen entfalten eine derartige Kraft in Spanien, weil die Menschen den elektronischen Medien immer weniger trauen. „Der Fachpresse gelingt es nicht, die Krise einem breiten Publikum zu erklären“, sagt Saló. Er will unterhaltsam informieren, stellt Zusammenhänge her, erläutert Kettenreaktionen, erklärt Fehlentscheidungen am konkreten Beispiel. In einem seiner Videos erinnert er an das 2009 vom damaligen Ministerpräsidenten José Luis Zapatero groß angekündigte, 50 Milliarden Euro schwere Konjunkturprogramm Plan E, bei dem ein Großteil in so unsinnige Maßnahmen wie die Renovierung von Gehwegen floss, und zeigt in der nächsten Szene John Maynard Keynes, der sich im Grab umdreht.

Saló stellt den Denkansatz von Staatsgläubigen und Marktverfechtern einander gegenüber und kommt zu dem Schluss, dass Spanien nicht an Ideologien gescheitert ist, sondern an Filz. Konservative wie Sozialdemokraten haben ihre Leute in die Aufsichtsräte großer Unternehmen wie den Stromversorger Endesa oder Telefónica geschickt und Klientelpolitik betrieben. Saló hütet sich allerdings vor allzu einfachen Erklärungsmustern: „Ich glaube nicht, dass Banker böse sind oder jeder Politiker korrupt. Wir haben alle einen Anteil an dem, was aus Spanien geworden ist.“

Erst die Krise lieferte die Zutaten für eine Karriere

Arbeitslose warten auf die Auszahlung ihrer Arbeitslosenunterstützung in Athen, Griechenland. Quelle: dpa

Der 30-Jährige zeichnet Karikaturen, seit er 17 ist, zunächst für die Lokalzeitung seiner katalanischen Heimatstadt Ripollet. Dort bringt er Bürgermeister und Gemeinderat mit seiner spitzen Feder gegen sich auf. Ein Architekturstudium bricht er ab, weil er sich lieber mit Comics seinen Lebensunterhalt verdient. Er provoziert ein bisschen, indem er einen bösen Videoclip zum Besuch von Papst Benedikt XVI. ins Netz stellt. Doch sein Durchbruch kommt mit der Krise und dem Comic-Band „Españistan“. Der Name ist Programm: Seither geht Saló der Frage nach, wie seine Heimat zu einem Land verkommen konnte, das einer zentralasiatischen Republik gleicht. Seine Themen sind grenzüberschreitend verständlich. Der jüngste Band „Euro pesadilla – Alguien se ha comido a la clase media“ („Euro-Alptraum – Jemand hat den Mittelstand verzehrt“) ist gerade in Portugal erschienen, die Übersetzung ins Türkische steht bevor.

Dem Iren Barry Murphy mit seiner Kunstfigur Professor Doktor Günther Gruhn hat die Krise ebenfalls zu einem völlig neuen Umfeld verholfen. Schon vor zehn Jahren brachte Murphy seine Landsleute zum Lachen, wenn er als EZB-Ökonom mit schlecht sitzender Perücke und ploppenden Konsonanten darauf hinwies, dass Deutschland Irland genug Geld gegeben hätte, um das ganze Land zu teeren – und zwar 32-mal. Seit Irland aber unter der Kuratel der Troika steht, bekommt ein Ökonom mit deutschem Akzent, der den Iren Verschwendung und Schlamperei vorwirft, eine ganz neue Bedeutung. Bösartigkeit liegt Murphy fern, er weiß, dass Iren am liebsten über sich selbst lachen. Auch von Deutschfeindlichkeit fehlt bei Murphy jede Spur. Er hat die Deutsche Schule St. Kilians in Dublin besucht, daher auch der gekonnte deutsche Akzent.

Beim Griechen Papakaliatis, 38, war es ebenfalls die Krise, die seiner Karriere eine unerwartete Wendung gab. Mit 16 war er erstmals in einer griechischen Fernsehserie aufgetreten, er schrieb Drehbücher, zuletzt für „Tessera“, eine Serie über vier Brüder, bei der er auch Regie führte. 2010 stellte der Privatsender Mega die Serie ein, weil die Anzeigeneinnahmen weggebrochen waren. „Auch ohne Krise hätte ich einen Film gemacht“, sagt Papakaliatis heute. Fernsehen drohte zur Routine zu werden.

Erst die Krise lieferte die Zutaten, die „An“ zu einem Werk machen, für das sich auch ein Publikum außerhalb Griechenlands interessiert. Papakaliatis stellt ähnlich wie vor ihm schon der Franzose Alain Resnais in „Smoking“ und „No Smoking“ und der Pole Krzysztof Kieslowski in „Die zwei Leben der Veronika“ die Frage, was gewesen wäre, wenn sich die Hauptperson in einem Moment anders entschieden hätte. In einem Handlungsstrang führt Dimitris abends seinen Schäferhund aus und trifft die Frau seines Lebens, im anderen schickt er den Hund in den Hinterhof und wird kurz darauf von Einbrechern brutal zusammengeschlagen. „Die Zeiten haben sich geändert“, sagt der Polizist im Krankenhaus und fügt hinzu: „Am falschen Tag am falschen Ort.“ Nichts ist hier das, was es scheint – der Film ist eine Allegorie auf das Leben in Griechenland.

Europa



2012, als der Film entstand, fanden dort zwei Wahlen statt. „Wir hatten täglich den Eindruck, dass sich um uns herum alles ändern kann“, erinnert sich Papakaliatis.

Den nächsten Film wird er auf Englisch drehen, als ausländische Koproduktion. Eine Deutsche wird auch darin vorkommen. Sie entlässt einen Griechen und verliebt sich dann in ihn. „Vor ein paar Jahren hätte die Rolle eine Schwedin oder eine Österreicherin spielen können“, sagt Papakaliatis. Aber heute ist Mitteleuropa in den Köpfen der Griechen eindeutig besetzt.

Papakaliatis ist stolz, dass „An“ eine der wenigen griechischen Produktionen der vergangenen Jahre war, bei der alle ihre Gage erhielten. Comic-Zeichner Saló, dem es finanziell besser geht als vielen seiner früheren Kommilitonen, die als Architekten heute arbeitslos sind, weiß, dass Karrieren in Festanstellung, wie sie Karikaturist El Roto noch genießt, heute nicht mehr möglich sind. „Wenn ich es mir recht überlege, bin ich mehr Unternehmer als Künstler“, sagt der Katalane. „Die Zeiten lassen mir keine andere Wahl.“

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