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Wie Künstler die Finanzmisere verarbeiten Die Kunst der Krise

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Erst die Krise lieferte die Zutaten für eine Karriere

Arbeitslose warten auf die Auszahlung ihrer Arbeitslosenunterstützung in Athen, Griechenland. Quelle: dpa

Der 30-Jährige zeichnet Karikaturen, seit er 17 ist, zunächst für die Lokalzeitung seiner katalanischen Heimatstadt Ripollet. Dort bringt er Bürgermeister und Gemeinderat mit seiner spitzen Feder gegen sich auf. Ein Architekturstudium bricht er ab, weil er sich lieber mit Comics seinen Lebensunterhalt verdient. Er provoziert ein bisschen, indem er einen bösen Videoclip zum Besuch von Papst Benedikt XVI. ins Netz stellt. Doch sein Durchbruch kommt mit der Krise und dem Comic-Band „Españistan“. Der Name ist Programm: Seither geht Saló der Frage nach, wie seine Heimat zu einem Land verkommen konnte, das einer zentralasiatischen Republik gleicht. Seine Themen sind grenzüberschreitend verständlich. Der jüngste Band „Euro pesadilla – Alguien se ha comido a la clase media“ („Euro-Alptraum – Jemand hat den Mittelstand verzehrt“) ist gerade in Portugal erschienen, die Übersetzung ins Türkische steht bevor.

Dem Iren Barry Murphy mit seiner Kunstfigur Professor Doktor Günther Gruhn hat die Krise ebenfalls zu einem völlig neuen Umfeld verholfen. Schon vor zehn Jahren brachte Murphy seine Landsleute zum Lachen, wenn er als EZB-Ökonom mit schlecht sitzender Perücke und ploppenden Konsonanten darauf hinwies, dass Deutschland Irland genug Geld gegeben hätte, um das ganze Land zu teeren – und zwar 32-mal. Seit Irland aber unter der Kuratel der Troika steht, bekommt ein Ökonom mit deutschem Akzent, der den Iren Verschwendung und Schlamperei vorwirft, eine ganz neue Bedeutung. Bösartigkeit liegt Murphy fern, er weiß, dass Iren am liebsten über sich selbst lachen. Auch von Deutschfeindlichkeit fehlt bei Murphy jede Spur. Er hat die Deutsche Schule St. Kilians in Dublin besucht, daher auch der gekonnte deutsche Akzent.

Beim Griechen Papakaliatis, 38, war es ebenfalls die Krise, die seiner Karriere eine unerwartete Wendung gab. Mit 16 war er erstmals in einer griechischen Fernsehserie aufgetreten, er schrieb Drehbücher, zuletzt für „Tessera“, eine Serie über vier Brüder, bei der er auch Regie führte. 2010 stellte der Privatsender Mega die Serie ein, weil die Anzeigeneinnahmen weggebrochen waren. „Auch ohne Krise hätte ich einen Film gemacht“, sagt Papakaliatis heute. Fernsehen drohte zur Routine zu werden.

Erst die Krise lieferte die Zutaten, die „An“ zu einem Werk machen, für das sich auch ein Publikum außerhalb Griechenlands interessiert. Papakaliatis stellt ähnlich wie vor ihm schon der Franzose Alain Resnais in „Smoking“ und „No Smoking“ und der Pole Krzysztof Kieslowski in „Die zwei Leben der Veronika“ die Frage, was gewesen wäre, wenn sich die Hauptperson in einem Moment anders entschieden hätte. In einem Handlungsstrang führt Dimitris abends seinen Schäferhund aus und trifft die Frau seines Lebens, im anderen schickt er den Hund in den Hinterhof und wird kurz darauf von Einbrechern brutal zusammengeschlagen. „Die Zeiten haben sich geändert“, sagt der Polizist im Krankenhaus und fügt hinzu: „Am falschen Tag am falschen Ort.“ Nichts ist hier das, was es scheint – der Film ist eine Allegorie auf das Leben in Griechenland.

Europa



2012, als der Film entstand, fanden dort zwei Wahlen statt. „Wir hatten täglich den Eindruck, dass sich um uns herum alles ändern kann“, erinnert sich Papakaliatis.

Den nächsten Film wird er auf Englisch drehen, als ausländische Koproduktion. Eine Deutsche wird auch darin vorkommen. Sie entlässt einen Griechen und verliebt sich dann in ihn. „Vor ein paar Jahren hätte die Rolle eine Schwedin oder eine Österreicherin spielen können“, sagt Papakaliatis. Aber heute ist Mitteleuropa in den Köpfen der Griechen eindeutig besetzt.

Papakaliatis ist stolz, dass „An“ eine der wenigen griechischen Produktionen der vergangenen Jahre war, bei der alle ihre Gage erhielten. Comic-Zeichner Saló, dem es finanziell besser geht als vielen seiner früheren Kommilitonen, die als Architekten heute arbeitslos sind, weiß, dass Karrieren in Festanstellung, wie sie Karikaturist El Roto noch genießt, heute nicht mehr möglich sind. „Wenn ich es mir recht überlege, bin ich mehr Unternehmer als Künstler“, sagt der Katalane. „Die Zeiten lassen mir keine andere Wahl.“

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