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Wirtschaftshistoriker Bas van Bavel Lehren der Geschichte für eine bessere EU

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Der historische Zyklus der Marktwirtschaften

Derartige Marktwirtschaften sind in der westlichen Welt mittlerweile der dominante Typ. Es gab sie in der Geschichte aber auch schon früher in einigen Ausnahmefällen. Die markantesten Beispiele sind die Wirtschaft des Irak im 7. bis 10. Jahrhundert, die italienische Wirtschaft im 12. bis 15. Jahrhundert und die der Niederlande vom 14. bis 18. Jahrhundert. Diese Fälle haben wir ausführlich analysiert und mit den modernen Marktwirtschaften verglichen: Die Marktwirtschaft Englands in der frühen Neuzeit, die der Vereinigten Staaten seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts und die Wirtschaft in Westeuropa im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Wer diese Marktwirtschaften miteinander vergleicht, sieht bei allen den gleichen Zyklus von Aufstieg und Fall.

Einen Zyklus, der sich über drei bis vier Jahrhunderte erstreckt.

Zunächst, zu Beginn des Zyklus, bringen soziale Bewegungen eine Situation verhältnismäßig großer sozialer Gleichstellung und Freiheit und ebensolchen Wohlstands hervor. Diese Bewegungen haben durch politische Organisation, Gewerkschaftsbildung, Revolten und Streiks, Gründung von Kooperativen und Vereinen die Standardposition aller Gesellschaften durchbrochen. Die Standardposition ist nämlich die der materiellen Ungleichheit und politischen Unfreiheit. Es gibt nur wenige Gesellschaften, die sich diesem Muster entziehen können. Wenn es doch gelingt, dann liegt dem Erfolg immer eine langanhaltende Welle sozialer Bewegungen zugrunde, die den politischen und wirtschaftlichen Zwang einer kleinen Elite durchbrechen.

Dabei wird auch der Zugriff der Elite auf die Zuweisung von Boden, Arbeit und Kapital, die die Grundlage ihrer Machtposition bilden, durchbrochen. Grund, Arbeit und Kapital werden dabei frei und können in anderer Weise umverteilt werden, zum Beispiel über den Markt.

Dies ermöglicht die Entstehung eines Marktwirtschaftssystems. Anfänglich fördert die Marktwirtschaft weiteres wirtschaftliches Wachstum. Gleichzeitig ist es aber hauptsächlich eine kleine Wirtschaftselite, die die wirtschaftlichen Vorteile am meisten genießt und in der Folge auch politische Einfluss verschafft. Diese Elite verteidigt danach vehement die eigenen Interessen, verdrängt Gruppen oder Organisationen, die entscheidend zum gesellschaftlichen Gleichgewicht beitragen, von ihrem Platz und unterminiert das „Level Playing Field“ der Märkte.

So geschah es im Italien der Renaissancezeit und in den Niederlanden im „Goldenen Zeitalter“ des 17. Jahrhunderts: Epochen die als Höhepunkte dieser Marktwirtschaften gelten, aber gleichzeitig auch den Anfang ihres Niedergangs bildeten. Wachsende Ungleichheit und zunehmende Freiheitseinschränkungen sind die Folge. Spekulationsgeschäfte der Elite, die ihr Geld immer weniger in die Produktion und immer mehr in die Finanzmärkte und in politischen Einfluss steckt, läuten eine Phase wirtschaftlichen Rückgangs ein, die mit dem Verschwinden des marktwirtschaftlichen Systems endet.

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