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Wirtschaftsräume in der Karibik „Wir haben hier drei Währungen“

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Wie funktioniert der Einkauf auf der Insel?

Aber wie funktioniert der Einkauf auf der Insel, gerade mit den Preisunterschieden?
Auf der französischen Seite sind zum Beispiel Restaurants aufgefordert, ihre Zutaten nicht auf der niederländischen Seite einzukaufen, auch wegen der strengeren EU-Bestimmungen für Lebensmittel. Man erinnere sich an die Diskussion um die berühmten amerikanischen Chlorhühnchen. Wobei sich natürlich niemand daran hält und man so schon mal französische Gastronomen in der Schlange vor der Supermarkt-Kasse sichtet. Zu Zeiten Mitterands, der anfangs einen knallharten sozialistischen Kurs verfolgte und sogar zeitweise Devisenbeschränkungen für Franzosen einführte, war die unbewachte Landstraße zwischen dem französischen und holländischen Teil berüchtigt dafür, dass im Kofferraum von Taxis riesige Geldsummen von reichen Franzosen außer Landes geschmuggelt wurden.

Kriegt man als Besucher den Grenzverlauf eigentlich mit?
Nur optisch, etwa durch Architektur, andere Schilder und Flaggen. Am ehesten vielleicht durch den Straßenbelag.

Sind die Straßen im EU-Teil besser?
Nein, im Gegenteil (lacht). Die Franzosen haben da momentan kein gutes Händchen. Die Niederländer haben die besseren Straßen. Das spüre ich, wenn ich mit meiner Kawasaki unterwegs bin. Übrigens gelten auch unterschiedliche Verkehrsregeln, selbst bei so wichtigen Sachen wie der Vorfahrt. Rechts vor links gilt nur auf der EU-Seite.

Und das funktioniert?
Die Einheimischen sind natürlich dran gewohnt. Und die Mietautos der Touristen, vornehmlich Amerikaner, erkennt man und hält dann etwas Abstand, ist im Straßenverkehr vor- und nachsichtiger.

Sie sind Medienunternehmer, leben im französischen Teil, betreiben Internet-Portale und lassen sogar ein wöchentliches Magazin drucken, dass sich an Touristen richtet.
Ja, wir drucken jede Woche, mit Ausnahme der Hurrikan-Season, wo das Magazin pausiert. Mir liegt unsere kleine Insel und deren wirtschaftliche Entwicklung persönlich sehr am Herzen. Wir sind hier auf Offenheit angewiesen, leben vornehmlich vom Tourismus.

Die Situation mit der geteilten Insel hat viele Parallelen mit der Brexit-Herausforderung mit Irland und Nordirland, wo eine geschlossene Grenze auf der Insel politisch nicht in Frage kommt.
Ja, genau. Es ist im Grunde ähnlich. Nur, dass Irland natürlich wesentlich größer ist und bevölkerungsreicher. Wir sind hier am westlichsten Punkt der EU. Im französischen Teil ist Französisch Amtssprache, im Süden ist es Niederländisch. Aber eigentlich verständigen sich alle auf Englisch, die Kommunikation klappt also.

Kann so eine Teilung langfristig funktionieren?
Wir machen es ja vor, im Grunde läuft das schon seit über 350 Jahren so. Die wichtigsten Warenkontrollen finden auf dem Wasserweg statt. Aber es hat eben seine Umstände. Es mag hier vielleicht etwas einfacher sein, weil der Tourismus der dominierende Wirtschaftszweig ist. Und nicht etwa produzierendes Gewerbe, das auf internationale Lieferketten angewiesen ist. Aber ich glaube schon, dass die EU, Irland und Großbritannien sich hier einiges abschauen können, was funktioniert und was nicht.

Und politisch?
Da bin zu weit von Europa weg, um das beurteilen zu können. Ich bekomme hier allerdings unmittelbar mit, welche Unterschiede es macht, in welchem Land man geboren ist. Beispielsweise an den Einwanderern aus Jamaika, auf die viele hinabschauen, oder den vielen Flüchtlingen aus Venezuela. Es führt einem täglich vor Augen, wie man allein durch die Geburt in einem besser gestellten Staat Privilegien und Chancen hat, die anderen nicht offenstehen.

Ihr 1995 verstorbener Vater, der Showmaster Wim Thoelke, war ebenfalls Unternehmer. Hat er ihnen das Unternehmertum in die Wiege gelegt?
Vielleicht. Er war ja nicht nur in der Medienbranche, sondern ebenfalls im Tourismus aktiv. Er hat zwei Fluglinien gegründet, eine davon in der Karibik. Er war Anfang der sechziger Jahre kaufmännischer Leiter bei der Bavaria Fluggesellschaft. Dann wurde ihm der Chefposten bei der gerade gegründeten Fluglinie Condor angetragen und parallel vom ZDF ein Vertrag als Leiter der Sportredaktion. Er hat sich dann fürs Fernsehen entschieden. Sein letztes unternehmerisches Projekt war der Radiosender 50 plus in Berlin, aus dem Spreeradio hervorgegangen ist.

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