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Wolfson-Preis Leben ohne Euro

Ein Ausstieg aus der Währungsunion ist möglich, ohne die Weltwirtschaft in die Krise zu stürzen. Das zeigt die preisgekrönte Arbeit des Ökonomen Roger Bootle, die mit dem Wolfson Economics Prize ausgezeichnet wurde.

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Roger Bootle Wolfson Quelle: dpa

Normalerweise stößt die Verleihung von Preisen an Ökonomen in der Öffentlichkeit nur auf mäßiges Interesse. Nicht so am Donnerstag. Da verlieh der Charles Wolfson Charitable Trust, eine private Stiftung in London, dem Gründer des Beratungsunternehmens Capital Economics, Roger Bootle, einen Preis für eine Arbeit mit provozierendem Titel: „Leaving the Euro: A practical guide“ heißt das Werk, mit dem sich Bootle und sechs Koautoren an dem von der Stiftung ausgeschriebenen Wettbewerb beteiligt hatten. Gesucht waren Ideen, wie sich die Euro-Zone ohne allzu große wirtschaftliche Schäden abwickeln lässt.

Das Interesse an dem mit 250.000 Pfund dotierten Preis war riesengroß, vor allem aus Deutschland habe man viele Anfragen erhalten, hieß es beim Veranstalter, dem Londoner Think Tank Policy Exchange. Mehr als 400 Bewerber reichten Arbeiten ein. Die vierköpfige Jury aus renommierten Wirtschaftsprofessoren entschied sich für den Bootle-Beitrag, weil dieser „alle Facetten eines Euro-Austritts umfassend und verständlich analysiert“.

Die Chronik der Schuldenkrise

In der Studie konzentriert sich Bootle auf den Fall, dass ein Staat oder mehrere Krisenländer die Euro-Zone verlassen. Top-Kandidat dafür ist Griechenland. Um Turbulenzen an den Finanzmärkten und einen Bank-Run zu vermeiden, müsse der Austritt von einer kleinen Gruppe aus Regierungsvertretern und Notenbankern geheim vorbereitet werden. Andere EU-Länder, Zentralbanken und die Öffentlichkeit dürfen erst kurz vor dem Austritt informiert werden. Am besten wäre ein Freitag geeignet. Banken und Börsen müssten sofort geschlossen werden. Bekomme die Öffentlichkeit Wind von den Vorbereitungen, sei es notwendig, Kapitalverkehrskontrollen einzuführen. Das Wochenende sollten Regierung und Notenbank nutzen, um der Öffentlichkeit und den Finanzmärkten ihre künftige Strategie zu erklären.

„Soll der Austritt kein Fiasko werden, braucht man stabile makroökonomische Rahmenbedingungen“, so Bootle gegenüber der WirtschaftsWoche. Die Notenbank muss zur Strategie der Inflationssteuerung mit einem niedrigen Inflationsziel übergehen, die Regierung muss sich harten Haushaltsregeln unterwerfen. Um eine Lohn-Preis-Spirale zu verhindern, sollte die Regierung alle Formen der Lohnindexierung verbieten. Zudem sollte sie bei Aufnahme neuer Kredite inflationsindexierte ¬Anleihen ausgeben, um Stabilitätswillen zu dokumentieren.

Wird der "Euro" zum "Nordo"?

10 Gründe gegen den Euro
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Keiner hat uns mehr lieb Quelle: dpa

Anfang der folgenden Woche könnten Banken und Börsen wieder öffnen. Zuvor seien alle Gehälter und Preise im Verhältnis 1:1 von Euro auf Drachme umzustellen. Weil es wegen der Geheimhaltung schwer sei, im Vorfeld ausreichend Noten und Münzen der neuen Währung herzustellen, müssten die alten Euro-Noten und -Münzen für alle Barzahlungen für einen Übergangszeitraum von bis zu sechs Monaten weiter verwendet werden. Der Außenwert der neuen Währung gegenüber Euro, Dollar und Co müsse frei schwanken. Bootle rechnet damit, dass die neue Währung um 30 bis 50 Prozent abwertet.„Das ist erforderlich, damit das Land wieder wettbewerbsfähig wird.“

Zwar verteuert die Abwertung die Importe, die Inflation dürfte daher in den beiden Folgejahren um je fünf Prozent höher ausfallen, schätzt Bootle. Die Erfahrung anderer Länder nach kräftigen Abwertungen zeige jedoch, dass der Preisschub vorübergehend sei. Entscheidend ist für Bootle, dass die Schulden der Krisenländer im Gefolge des Euro-Austritts sinken. Daher sollten die Regierungen alle nach inländischem Recht begebenen Anleihen auf die neue nationale Währung umstellen und mit den Gläubigern einen Forderungsverzicht aushandeln, der die Staatsschulden auf rund 60 Prozent des BIP drückt.

Heimische Banken, die in Bedrängnis geraten, müssen von der Zentralbank rekapitalisiert werden. Internationale Verträge auf Euro-Basis, die auf ausländischem Recht beruhen, sollten hingegen auf einen Währungskorb umgestellt werden. Dieser könne sich am ECU orientieren, dem Vorläufer des Euro. Der ECU war ein Währungskorb, der die nach ihrer Bedeutung gewichteten nationalen Währungen der späteren Euro-Länder umfasste.

Neue Nordwährung?

In Arbeit
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Bootle geht davon aus, dass innerhalb von zwei Jahren nach einer kurzen tiefen Talfahrt ein Aufschwung erfolgt. Das allerdings könnte zu einer weitergehenden Erosion der Euro-Zone führen. Erlebt ein Land wie Griechenland nach dem Austritt ein Revival, dürfte auch bei Portugiesen, Spaniern und Italienern der Wunsch nach einem Leben ohne Euro aufkommen. Bootle hält es für möglich, dass der Euro mittelfristig zum „Nordo“ schrumpft – mit Deutschland, den Niederlanden, Finnland, Österreich und Belgien.

„Diese Länder kommen dem Ideal eines optimalen Währungsraums am nächsten“, sagt Bootle. Und Frankreich? Aus politischen Gründen werde das Land versuchen, am Nordo teilzunehmen. Wirtschaftlich tue es sich damit wegen seiner geringen Wettbewerbsfähigkeit aber keinen Gefallen. „Frankreich“, so Bootle, „sollte seine Zukunft im Süden suchen. “

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