ZEW Konjunkturerwartungen fallen zum siebten Mal in Folge

Experten bewerten die Aussichten für die deutsche Wirtschaft wegen des Volkswagen-Skandals und schwächelnder Schwellenländer so schlecht wie seit einem Jahr nicht mehr. Das Barometer fiel den siebten Monat in Folge.

Das ist die Streichliste von Volkswagen
VW-Logo Quelle: dpa
MarketingFeierlichkeiten waren bei Volkswagen bislang vom Allerfeinsten: Robbie Williams (r., hier neben Stephan Grühsem, ehemaliger Leiter Kommunikation beim VW-Konzern), Lenny Kravitz, Mark Knopfler, Lang Lang oder die Pet Shop Boys. Und im Publikum tummelten sich Hollywood-Hüne Ralf Moeller oder Sport-Ikonen wie Günter Netzer und Hans-Joachim Stuck. Die Musik für die üppigen Inszenierungen kam von Produzent Leslie Mandoki. Und der Kabarettist Django Asül sorgte die für die gute Laune. All das wird künftig genauso wenig passend erscheinen wie die Konzernabende im Vorfeld großer Automessen. Weit über tausend Gästen wurde dabei stets ein anderthalbstündiges Happening mit Licht und Showeffekten präsentiert, in dem alle Marken des Konzerns ihre Innovation präsentierten. Quelle: imago
Die Party ist zu EndeKein anderer Hersteller betreibt nur annähernd einen solchen Aufwand der Selbstinszenierung. So kann Volkswagen auch getrost darauf verzichten. Genauso wie auf die Mini-Autoshows zur Hauptversammlung und zur Bilanzpressekonferenz. Eine zweite Halle im Stil einer Mini-IAA wird angesichts der Sparzwänge sicher kein Aktionär oder Journalist vermissen. Quelle: dpa
GehälterDer Aufschrei kam prompt: Die zu erwartenden Einschnitte dürfen nicht zulasten des kleinen Mannes gehen. Dass der kleine wie der große Mann bei VW künftig weniger in der Tasche haben wird, ist realistisch. Auffallen wird dies bei den Vorständen, die zuletzt ein Festgehalt zwischen einer und zwei Millionen Euro pro Jahr hatten. Durch eine variable Vergütung kam Ex-Chef Martin Winterkorn 2014 auf ein Gesamtsalär von 15,8 Millionen Euro. Andere Mitglieder im Vorstand verdienten um die sieben Millionen Euro. Bei allem dürfte in diesem Jahr mangels Erfolg weit weniger herauskommen. Quelle: dpa
Das große und das kleine LeidenAuch das Gros der Belegschaft wird leiden müssen. Eine Ergebnisbeteiligung von 5900 Euro bekam jeder Mitarbeiter für das vergangene Jahr bei VW, dazu zwölf Gehälter und ein kleines Urlaubsgeld. Da ein Verlust droht, gibt es die gewohnte Ergebnisbeteiligung quasi nur als Goodwill. Die 1545 Euro, die es immer im November gab, sollen jedoch gezahlt werden. Einsparungen in Milliardenhöhe sind möglich. Quelle: dpa
SponsoringBeim Pokalfinale 2015 demonstrierte der Volkswagen-Konzern seine ganze Fußballmacht: Nicht nur, weil der Werksclub VfL Wolfsburg am Ende den Titel gewann, sondern auch weil selbst der Gegner Borussia Dortmund mit einen VW-Logo auf dem Ärmel auflaufen musste. Der Konzern ist nämlich auch Sponsor des gesamten Wettbewerbs. Mit dem Ausbruch des Abgasskandals soll das Pokal-Sponsoring nun auf den Prüfstand gestellt werden. Der VfL Wolfsburg hat den angedachten Neubau des Nachwuchsleistungszentrums vorerst gestoppt. „Ich denke, es ist zu verstehen, dass man das jetzt zumindest erstmal aussetzt“, bestätigte VfL-Geschäftsführer Klaus Allofs. Bis zu 40 Millionen Euro sollte das Projekt an der Wolfsburger Dieselstraße kosten. „Wir waren noch lange nicht soweit, dass man hätte sagen können, das Projekt wird umgesetzt. Aber natürlich ist das derzeit nicht der Moment zu investieren. Da muss man Vernunft walten lassen“, erläuterte Allofs die Entscheidung, die die VfL-Geschäftsführung gemeinsam mit dem Aufsichtsrat des Clubs getroffen hatte. In dem Kontrollgremium sitzen auch hochrangige Manager des VW-Konzerns. Quelle: dpa
Das Zittern der FußballerFür die Bundesliga ist das Volkswagen-Desaster indes ein Problem. Immerhin unterstützt der Konzern 21 von 36 Bundesligavereinen. Am VfL Wolfsburg, dem FC Bayern und dem FC Ingolstadt ist Volkswagen sogar direkt beteiligt. Wie stark der Sparkurs ausfallen wird, ist allerdings noch nicht klar. Die Verträge, die unter dem zurückgetretenen VW-Chef Martin Winterkorn geschlossen wurden, sind unabhängig von der Krise weiterhin gültig. Quelle: dpa

Die Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten haben sich im Oktober auch wegen des Volkswagen-Skandals weiter eingetrübt. Der Indikator des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sei um 10,2 Punkte auf 1,9 Punkte gefallen, teilte das ZEW am Dienstag in Mannheim mit. Das ist der siebte Rückgang für die Erwartungen für die Konjunkturentwicklung Deutschlands in Folge, der Indikator sinkt damit auf den niedrigsten Wert seit Oktober des vergangenen Jahres. Bankvolkswirte hatten zwar mit einem Rückgang gerechnet, aber nur auf 6,5 Punkte.

„Der Abgasskandal bei Volkswagen und die Wachstumsschwäche der Schwellenländer dämpfen die Konjunkturaussichten für Deutschland“, kommentierte ZEW-Präsident Clemens Fuest die Daten. „Aufgrund der nach wie vor guten wirtschaftlichen Ausgangslage im Inland und der voranschreitenden konjunkturellen Erholung der Eurozone dürfte ein Abrutschen Deutschlands in die Rezession allerdings wenig wahrscheinlich sein.“

Europas größter Autobauer muss mit milliardenschweren Strafen und Schadensersatzforderungen rechnen. Allein für millionenfache Rückrufe hat Volkswagen 6,5 Milliarden Euro zur Seite gelegt, die Investitionen sollen um eine Milliarde Euro im Jahr gekürzt werden Darunter könnten auch Zulieferer leiden.

"Der VW-Abgasskandal dürfte auf das sensible Gemüt der befragten Finanzmarktanalysten gedrückt haben", sagte Thomas Gitzel von der VP Bank. "Doch so deutlich der Rückgang des Konjunkturbarometers ist, wir sollten alle Fünfe mal gerade sein lassen." Die Rahmenbedingungen seien nach wie vor günstig - geringe Arbeitslosenquote, ordentliche Lohnsteigerungen und niedrige Zinsen. "Nicht zu vergessen auch: Der Flüchtlingszustrom wirkt über höhere Staatsausgaben als Mini-Konjunkturprogramm", sagte Gitzel.

Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

Allerdings sehen Experten wenig Spielraum für ein beschleunigtes Wachstum. "An den Finanzmärkten bleibt die Unsicherheit über das Wachstum in den Schwellenländern bestehen" sagte der Europa-Chefvolkswirt der Nordea Bank, Holger Sandte. Etwa 30 Prozent der deutschen Exporte gehen in Schwellenländer wie China oder Brasilien, die den größten Boom vorerst hinter sich haben. "Für das Wirtschaftswachstum in Deutschland lassen sich keine genauen Rückschlüsse ziehen, aber nach einer Beschleunigung sieht es gerade nicht aus", sagte Sandte.

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Die konjunkturellen Lage in Deutschland bewerteten die Experten ebenfalls schlechter: Das Barometer fiel um 12,3 auf 55,2 Zähler. Die Bundesregierung wird ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr wegen der Konjunkturabkühlung in den Schwellenländern voraussichtlich leicht zurücknehmen. Sie veranschlagt das Plus für 2015 nur noch auf 1,7 Prozent, nachdem sie bislang mit 1,8 Prozent gerechnet hatte, wie die Nachrichtenagentur Reuters aus Regierungskreisen erfuhr. Für das kommende Jahr bleibe sie aber bei 1,8 Prozent. Hierzu trage bei, dass das Wachstum durch die Ausgaben für Flüchtlinge kurzfristig Impulse erhalten dürfte. Allerdings werde die Arbeitslosenzahl im kommenden Jahr etwas zunehmen.

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