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Zinsentscheid EZB wartet ab - aber bis wann?

Vorerst ändert die EZB nichts an ihrer ultra-expansiven Geldpolitik, die Hoffnung ruht nun auf dem Kauf von Unternehmensanleihen. Steigen die Preise dennoch nicht, könnte das Abwarten schneller vorbei sein als gewünscht.

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Der Platz von Mario Draghi vor der Pressekonferenz der EZB. Quelle: Bloomberg

Üblicherweise sind Zinsentscheide einer Notenbank eine ziemlich dröge Veranstaltung. Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) war das dagegen zuletzt höchst selten der Fall. Zu oft drehte EZB-Chef Mario Draghi an der Zinsschraube. Im März senkte er die Zinsen sogar auf null Prozent und bescherte den Märkten milliardenschwere Anleihekaufprogramme. Am Donnerstag verharrte der Italiener ausnahmsweise komplett im Ruhemodus.

"Draghi ist es mit einer eher trockenen Pressekonferenz gelungen, keine Hoffnungen oder Spekulationen aufkommen zu lassen", sagt Christoph Kutt, Ökonom bei der DZ Bank. Aus Zentralbanker-Sicht ist das also eine gelungene Veranstaltung gewesen. Es habe keine konkreten Hinweise auf weitere geldpolitische Aktionen gegeben, so die Meinung der meisten Volkswirte. Eine "Wait-and-See-Verantstaltung" sei das gewesen, so Kutt.

Wie erwartet beließ die EZB den Leitzins auf seinem Rekordtief von null Prozent. Auch der negative Einlagezins, sprich der Strafzins, welchen die Banken für kurzfristig bei der EZB gelagertes Geld zahlen, liegt weiter bei minus 0,4 Prozent.

Gespannt hatten Beobachter daher auf die neuen Inflationsprognosen der EZB-Volkswirte gewartet. Aufgrund des zuletzt gestiegenen Ölpreises hatten Händler gefürchtet, die Zentralbank könnte die Prognosen deutlich anheben und damit an den Märkten Ängste einer Zinserhöhung schüren. Diesen Ängsten wusste Mario Draghi entgegenzuwirken, indem er die Prognose für die Teuerungsrate 2016 nur leicht auf 0,2 Prozent anhob. Im März waren die EZB-Ökonomen noch von 0,1 Prozent für dieses Jahr ausgegangen.

2017 erwarten die Währungshüter weiterhin eine Inflationsrate von 1,3 Prozent, 2018 sollen es dann 1,7 Prozent sein. Das ist weniger als das von der Zentralbank angestrebte Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent. Der Markt reagierte entsprechend verhalten. Der Dax lag zunächst leicht im Minus, auch der Euro schwankte lediglich seitwärts.

Geldpolitik der EZB: Belastungen durch Niedrigzinsen

"Die Inflationsrate wird in den kommenden Monaten sehr niedrig oder negativ bleiben", erklärte EZB-Chef Draghi nach dem auswärtigen Treffen der Ratsmitglieder in Wien. Zwar würden die bisher ergriffenen Maßnahmen wirken und auch die Prognose für das Wachstum der Euro-Zone in diesem Jahr fällt mit 1,6 Prozent etwas optimistischer aus als im März. Dennoch betonte Draghi die weiterhin bestehenden Risiken. Vor allem fehle es weiterhin an strukturellen Reformen in den einzelnen Euro-Ländern. "Unsere Maßnahmen sind auch ohne Reformen sehr effektiv", erklärte der Italiener. Zusammen mit strukturellen Reformen würden sie aber noch schneller Wirkung zeigen.

Ökonomen befürchten dennoch, dass die EZB spätestens im Winter erneut in ihre geldpolitische Trickkiste greifen wird. "Die Sorge um negative Zweitrundeneffekte und der zuletzt zeitweise festere Euro-Wechselkurs dürfte die Alarmbereitschaft hochhalten", schreibt Alexander Krüger, Chefvolkswirt vom Bankhaus Lampe, in einer Analyse. Die Bank erwartet daher, dass die EZB den Anstieg der Inflationsrate im zweiten Halbjahr festigen wird und den Zins auf minus 0,05 Prozent absenken könnte, zusammen mit einem Strafzins von dann 0,5 Prozent.

Geldpolitik der EZB: Entlastungen durch Niedrigzinsen

Der Blick auf die blanken Zahlen zeigt allerdings nicht, dass die EZB jeden Monat milliardenweise frisches Geld in den Markt pumpt. Die Preise in der Euro-Zone sind im Mai erneut gefallen, um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch im April lag die Inflation im negativen Bereich, die Verbraucherpreise fielen um 0,2 Prozent. Von der angestrebten Teuerungsrate von zwei Prozent ist die Zentralbank also trotz ihres umfangreichen Maßnahmenpakets, welches sie im März beschloss, meilenweit entfernt.

Auch ein möglicher Brexit, also das Austreten Großbritanniens aus der EU, sei ein Risiko für die Konjunktur. Zwar sei die EZB auf alles vorbereitet, erklärte der Zentralbank-Chef. Allerdings würden Großbritannien und die EU voneinander profitieren. Großbritannien solle also in der EU verbleiben.

Auto-Anleihen dürften trotz Autobanken gekauft werden

Der EZB bleibt nun vorerst nichts anderes übrig, als die Wirkung ihrer im März beschlossenen Maßnahmen abzuwarten. Bisher sind noch nicht mal alle davon in Kraft getreten. Am 8. Juni will die Zentralbank mit dem Kauf von Unternehmensanleihen beginnen. Ab Juli soll wöchentlich eine Liste der gekauften Anleihen veröffentlicht werden, die Anzahl der Anleihen werden allerdings nicht veröffentlicht.

Insgesamt sechs nationale Notenbanken werden zusätzlich zu den Staatsanleihekäufen auch am Markt für Unternehmensanleihen tätig werden, darunter auch die Deutsche Bundesbank. Zusammen mit den Notenbanken aus Belgien, Frankreich, Spanien, Italien und Finnland werden die Frankfurter auf Einkaufstour gehen. Experten rechneten zunächst mit einem Volumen von fünf bis zehn Milliarden Euro. Zuletzt hieß es allerdings, möglicherweise könnten derartige Zahlen gar nicht erreicht werden, möglich seien auch Käufe im Volumen von ein bis zwei Milliarden Euro.

Gekauft werden dürfen Anleihen von Firmen, die über mindestens ein Investmentgrade-Rating verfügen. Außerdem müssen die Unternehmen ihren Sitz in der Euro-Zone haben, Tochterunternehmen von Nicht-Euro-Zonen-Konzernen kommen allerdings auch in Frage. Nicht gekauft werden dürfen dagegen Anleihen von Banken. Freuen können sich allerdings Autokonzerne - obwohl die meisten von ihnen über Autobanken verfügen, können ihre Anleihen gekauft werden, solange es keine Bank als Mutterkonzern gibt.

Hinsichtlich der Zinsen gilt für Käufe von Unternehmensanleihen die gleiche Regelung wie bei Staatsanleihen: gekauft werden darf, was über dem Strafzins von 0,4 Prozent rentiert. Da die EZB die Zinsen an den Anleihemärkten kräftig nach unten drückt, fürchten Experten bereits seit längerem, dass der Umfang kaufbarer Anleihen immer kleiner werden dürfte.

Umstritten ist das Programm aus mehreren Gründen. Nicht nur, dass die EZB gezielte Industriepolitik im Sinne von großen Konzernen betreibt. Zusätzlich holen sich die Notenbanken zahlreiche Risiken in ihre Bücher. Wie die EZB erklärt, müssen Anleihen nicht verkauft werden, wenn ein Unternehmen sein Investmentgrade-Rating verliert. Experten gehen davon aus, dass die Zentralbanken die Anleihen eher bis zum Laufzeitende halten dürften.

Nicht zuletzt riskiert die EZB damit ein großes Schuldenproblem. Unternehmen können sich zu ultra-niedrigen Kosten refinanzieren. Experten schätzen unter anderem, dass Mega-Fusionen wie die von Bayer geplante Monsanto-Übernahme künftig noch häufiger werden dürften, da die Konzerne sich das notwendige Kapital leichter beschaffen könnten. Ob dagegen das Geld wie von Mario Draghi und seinen Kollegen beabsichtigt, in zusätzliche Investitionen fließt und somit die Konjunktur ankurbelt, darf bezweifelt werden.

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