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Zinsentscheid Jetzt zockt Draghi richtig

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Kommt die Entscheidung zu früh?

Die zehn größten Euro-Lügen
Ex-EZB-Chef Jean-Claude Trichet Quelle: dpa
Wolfgang Schäuble Quelle: dpa
Giorgios Papandreou Quelle: dpa
Wolfgang Schäuble Quelle: dapd
Chef der Eurogruppe Jean-Claude Juncker Quelle: dapd
Angela Merkel mit Draghi Quelle: dapd
Mariano Rajoy Quelle: REUTERS

Nicht nur einige Volkswirte, auch einige Vertreter im EZB-Rat hätten lieber die in den nächsten Wochen erscheinenden Wirtschaftsdaten abgewartet, bevor die Zinsen weiter gelockert werden. Draghi erklärte, die Zentralbanker seien sich einig darüber gewesen, dass die EZB handeln müsse. Allerdings habe es Uneinigkeiten über den Zeitpunkt gegeben, einige wollten lieber bis zum Dezember warten. Dafür spricht auch, dass Inflation als ein sogenannter nachlaufender Indikator gilt. Experten sehen die aktuell niedrigen Teuerungsraten als Folge der schlechten konjunkturellen Entwicklung in der Euro-Zone. Da das Wachstum im Währungsgebiet aber zulegen konnte, ist langfristig auch mit steigenden Inflationsraten zu rechnen. Die Allianz rechnet für das kommende Jahr mit höheren Inflationsraten, allerdings immer noch unter zwei Prozent. "Der Preisauftrieb wird auch im nächsten Jahr weiterhin gering bleiben", erklärt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise bei der Vorstellung der Konjunkturprognose des Versicherers.

Ist eine Zinssenkung in diesem Fall das richtige Mittel?

Rein theoretisch sorgt eine expansive Geldpolitik mit steigender Geldmenge auch für steigende Preise. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der Förderbank KfW, hält steigende Preise für notwendig. „Mittlerweile ist die Inflationsrate weit von der EZB-Zielmarke entfernt. Ein schwaches oder gar stagnierendes Nominalwachstum erhöht die Konsolidierungslast in den Peripherieländern und erschwert die Schuldentragfähigkeit zusätzlich. Auch mit Blick auf den Wechselkurs und die immer noch fragile Konjunkturlage im Euroraum ist eine weitere geldpolitische Stimulierung angemessen“, sagt Zeuner.
Trotzdem stellen viele Ökonomen die Wirkung einer Zinssenkung in Frage. Nicht zuletzt, weil Banken schon jetzt über ein überdurchschnittliches Angebot an Liquidität verfügen. "Für Banken dürfte es relativ unerheblich sein, ob sie sich zu 0,5 oder zu 0,25 Prozent Zinsen Geld bei der EZB leihen können", sagt Heise. Im Gegenteil, per se sei die niedrige Inflation gar nichts schlechtes, so Heise. Gerade die Peripheriestaaten kämen so schneller wieder auf die Beine. Die niedrigen Inflationsraten in Ländern wie Spanien oder Portugal stärken die Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig bleibt die Kaufkraft der dortigen Verbraucher relativ stabil.

Heise sieht noch ein weiteres Problem: "Mit einer Zinssenkung wird möglicherweise erst Recht Angst vor einer Deflation geschürt", sagt Heise. Ähnlich sieht das Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding: "Die Entscheidung zeigt, dass die EZB die Gefahr einer möglichen Deflation sehr ernst nimmt." Sobald dieses Signal die Inflationserwartungen negativ beeinflusst, hätte die EZB genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollte.

Aus der Sicht von Commerzbank-Experte Balz ist eine Zinssenkung wenig wirkungsvoll. "Das ist relativ ineffektiv", erklärt Balz. Zudem seien die Nebenwirkungen unverändert hoch. Denn an Liquidität fehlt es der Euro-Zone ganz und gar nicht. Wichtig wäre vielmehr, dass die Unternehmen das Geld auch für notwendige Investitionen nutzen. Doch gerade in den Krisenländern herrscht Zurückhaltung. Daran dürfte auch die erneute Zinssenkung nichts ändern. Schuld sind vielmehr strukturelle Probleme. In Deutschland sorgt beispielsweise die Angst vor einer möglichen Steuererhöhung dafür, dass Unternehmer die Hand auf dem Portemonnaie lassen.

Wo liegen die Risiken der niedrigen Zinsen?

Für Anleger wird es noch schwerer, eine reale Rendite zu erwirtschaften. Denn in Deutschland liegt die Inflationsrate immerhin bei 1,6 Prozent. Auf Tagesgeldkonten werden aber oft nicht mal mehr ein Prozent Zinsen gezahlt. Sparer sind daher definitiv die Leidtragenden der Entscheidung, das Signal ist klar: Sparen lohnt sich nicht mehr. Denn auch für institutionelle Anleger wird es immer enger. Versicherer haben kaum noch eine Chance, ihr erklärtes Anlageziel zu erreichen und den Garantiezins zu erwirtschaften. Der Altersvorsorge-Sparer ist vorerst der größte Verlierer der Entscheidung.

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