Adam Smith Urvater der Ökonomie

Adam Smith machte die Nationalökonomie zur eigenständigen Wissenschaft und untersuchte als Erster systematisch die wohlstandsfördernde Wirkung von Arbeitsteilung und freien Märkten. Seine zentrale Botschaft ist umstritten, aber nicht wirklich widerlegt: Triebfeder des wirtschaftlichen Fortschritts ist der Eigennutz.

Stets präsent: Seit 2007 ist Adam Smith auf der englischen 20-Pfund-Note abgebildet Quelle: dpa

Wer sich mit dem Leben berühmter Ökonomen beschäftigt, stößt oft unweigerlich auf interessante Dinge aus deren Privatleben. David Ricardo, der erste Globalisierungstheoretiker, machte ein Vermögen als Börsenspekulant. John Maynard Keynes war schwul und heiratete trotzdem eine russische Balletttänzerin. Joseph Schumpeter fuhr mit Prostituierten im offenen Wagen durch Wien, wanderte nach Amerika aus und hielt Vorlesungen im Reitkostüm.

Bei Adam Smith (1723–1790), dem Urvater der Nationalökonomie und historischen Helden liberaler Ökonomen, fehlt alles Schillernde und Schrille. Der Philosoph David Hume beschrieb ihn als „wahrhaft verdienstvollen Mann, wenngleich seine sesshafte, zurückgezogene Lebensweise sein Auftreten und Erscheinungsbild als Mann von Welt getrübt hat“. Der Schotte war kränklich und verklemmt, ein in sich versunkener Kauz mit merkwürdig schlängelndem Gang, der Selbstgespräche führte. Einmal soll er sinnierend im Schlafrock die Straße entlanggewandert sein. Die einzige Frau in seinem Leben war seine fromme Mutter, mit der er fast 60 Jahre unter einem Dach lebte.

Die größten Ökonomen
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Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift
Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt. Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen. Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA
Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen. Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität. Quelle: dpa
Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien. Quelle: dpa
Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft. Quelle: dpa
Amartya Sen Quelle: dpa

Das "Alte Testament" der Nationalökonomie

Doch genau dieser Mann ist zu einem der berühmtesten Ökonomen der Geschichte geworden. Sein Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“ ist das Alte Testament der Nationalökonomie. Es findet sich bis heute auf den Literaturlisten von VWL-Studenten wieder. In dem fast 1.000 Seiten starken Wälzer analysiert Smith die wohlstandsmehrenden Effekte von Arbeitsteilung und freien Märkten, es gibt umfangreiche Kapitel zur Preis-, Lohn- und Außenhandelstheorie ebenso wie Ausführungen zum Geldwesen, zum Kapitaleinsatz und zur Rolle des Staates.

Literatur von und über Adam Smith

Der Ökonom Joseph Schumpeter mäkelte zwar mehr als ein Jahrhundert später, Smiths Werk enthalte „keine einzige analytische Idee oder Methode und kein analytisches Prinzip, die im Jahre 1776 völlig neu gewesen wären“. Doch sein großes Verdienst ist es, die Ökonomie zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin entwickelt zu haben, war sie doch zuvor nur ein wenig beachtetes Anhängsel anderer Fachrichtungen. „Smith war ein großer Sammler und Jäger“, sagt der Smith-Experte Heinz Kurz, Ökonomieprofessor an der Universität Graz. „Er hat das verstreute Wissen seiner Zeit systematisiert und neu kombiniert und damit eine universelle Gesellschaftswissenschaft zu entwickeln versucht.“

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