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Arbeitsmarkt Kleine Völkerwanderung aus Osteuropa

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Akzeptable Löhne werden verdrängt

Ein Mindestlohn egalisiert Quelle: ZB

Für einen Mindestlohn in der Sicherheitsbranche macht sich der Branchenzweite, der Düsseldorfer Unternehmer Friedrich Kötter, stark: Der Preis sei im Wettbewerb oft entscheidend. Ohne Mindestlohn könnten von Mai an osteuropäische Wachdienste in Deutschland für zwei Euro die Stunde ihr Personal beschäftigen.

IAB-Chef Möller unterstützt die Warnungen. Der Volkswirt befürchtet einen „immensen gesellschaftlichen Schaden“, wenn es nicht zu einem „mit Augenmaß festgesetzten Mindestlohn“ komme. Bei den gering Qualifizierten, wo die Arbeitslosenquote über 20 Prozent liege, befürchtet er ohne Mindestlohn aufgrund der Dienstleistungsfreiheit eine „Abwärtsspirale, in der neue Konkurrenten mit billigen Arbeitskräften Firmen verdrängen, die akzeptable Löhne zahlen“.

Selbst ein Mindestlohn egalisiert aber nicht die unterschiedlichen Fixkosten polnischer und deutscher Unternehmen, rechnet Hans Joachim Driessen vor, Geschäftsführer beim zweitgrößten deutschen Reinigungsunternehmen Klüh. Zwar müssen polnische Anbieter den deutschen Mindestlohn für Gebäudereiniger zahlen – 8,55 Euro von Januar 2011 an, statt 1,86 Euro in Polen. Aber aufgrund der niedrigen Lohnnebenkosten in Polen ergeben sich Vorteile gegenüber Mitarbeitern deutscher Betriebe, jedenfalls solange die Arbeitnehmer höchstens 183 Tage in Deutschland arbeiten. Driessen beziffert die Differenz auf „circa 40 Prozent“. Folge: „In grenznahen Bereichen, wo Kosten für Logistik und Unterbringung gering sind, ist ein weiterer Preisverfall zu erwarten.“

Werbung von Ostpersonal in der Gastronomie

In manchen Branchen bereitet also trotz Mindestlohn der Mai 2011 Sorge. Andere schauen ohne Mindestlohn entspannt nach vorn – etwa das Hotel- und Gaststättengewerbe. Michaela Rosenberger, Vizechefin der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten erwartet nur einen „kurzfristigen Effekt“ und „keinen Massenansturm“ aus dem Osten. Löhne und Arbeitsbedingungen der Branche seien unattraktiv – selbst für polnische Arbeitnehmer. Auch dass der Lohndruck steigt, glaubt Rosenberger nicht. Für Gastrojobs würden oft Löhne unter fünf Euro pro Stunde gezahlt: „Noch weiter runter geht’s einfach nicht.“ Derzeit kommt rund ein Drittel aller Gastrobeschäftigten aus dem Ausland. Darunter sind 10 000 Saisonkräfte aus Osteuropa, die im Sommer Hotelzimmer putzen oder in Restaurants Kartoffeln schälen. Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes: „Von Mai an fällt für Auslandskräfte und Unternehmen viel Bürokratie weg.“

Ihr Interesse an Ostpersonal bewiesen die Gastronomen bei einer Rekrutierungs-Veranstaltung Ende September. Die Ausbildungsmesse hatte Stil: Im früheren Schloss der pommerschen Herzöge zu Stettin präsentierten sich Hotelketten wie Accor und buhlten um polnische Schulabgänger als Auszubildende. Beim Schaulauf waren auch das Asklepios Klinikum Uckermark, Deutsche Bank, Heidelberger Druckmaschinen, die Eisengießerei Torgelow und die Callcenter-Sparte des Zeitarbeits-Marktführers Adecco dabei.

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