„Benzin liegt in der Luft“ Die neue Geißel der Welt: Inflation

Finanzminister und Notenbankchefs versuchen auf die brisante Mischung aus Inflation und Deglobalisierung zu reagieren. Quelle: imago images

Die Mittelschicht fürchtet den Abstieg, den Entwicklungsländern droht der Absturz, die gesamte Weltwirtschaft ist gefährdet. Nun muss die internationale Gemeinschaft gegensteuern.

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In normalen Zeiten säßen die Europäer jetzt auf der Anklagebank. Der Rest der Welt, allen voran die USA, würden die Deutschen, Franzosen und vor allem die Europäische Zentralbank bedrängen, endlich die Leitzinssätze zu erhöhen, um die galoppierende Inflation zu bekämpfen. Doch die Zeiten sind nicht normal. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine schweißt den Westen zusammen. Nun richten sich alle Pfeile auf Moskau. „Die Verantwortung für die gegenwärtigen makroökonomischen Risiken trägt ganz allein Putins Russland“, sagte Bundesfinanzminister Christian Lindner bei der Frühjahrstagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank, bevor er in Washington dann positiv auf Corona getestet wurde und am Mittwochabend in Quarantäne ging.

Dennoch versuchen die Finanzminister und Notenbankchefs, auf die brisante Mischung aus Inflation und Deglobalisierung zu reagieren. „Benzin liegt in der Luft“, sagt Lindner und versucht damit die dramatische Lage zu veranschaulichen. Nach den ersten Gesprächen mit seinen Ministerkollegen und den Notenbankchefs sitzt Lindner im Fairmont-Hotel, unten im Kennedy Ballroom mit seinem plüschigen Teppich. „Es gibt Jahre, da passiert fast gar nichts. Und es gibt Wochen, die Dekaden prägen.“ So wie jetzt. Lindner weckt Erinnerungen an die Zeit vor 13 Jahren, als die Bankenkrise in eine Weltfinanzkrise ausartete. Nun sei die globale Finanzstabilität „wieder auf der Tagesordnung“.

Was tun also? „In dieser hochsensiblen, fragilen Lage“ seien vor allem die führenden G20-Staaten gefordert – natürlich ohne den neuen Paria Russland. Dazu zählt, den besonders hoch verschuldeten Entwicklungsländern unter die Arme zu greifen, bevor die steigenden Zinslasten diese erdrücken und es zu unkontrollierten Zahlungsausfällen kommt. Dazu müssten die Gläubiger aber an einem Strang ziehen. Und ausgerechnet der mittlerweile größte Gläubiger – China – scheint das nicht wirklich zu wollen. So ist die Gesamtzahl an Schulden bei chinesischen Banken und dem Staat nicht bekannt und es fehlt auch die Bereitschaft, an einem Schuldenerlass mitzuwirken. Lindner: „China trägt hier eine besondere Verantwortung.“

Doch es geht nicht nur um die Entwicklungsländer und einen drohenden Zahlungsausfall. Es geht insbesondere auch um die Mittelschicht in Deutschland und anderswo, die nun den sozialen Abstieg fürchtet. In Frankreich hat dies beispielsweise zu den Gelbwestenprotesten beigetragen. Also müsse auch die Inflation selbst direkt bekämpft werden. Geldtransfers an die Bürgerinnen und Bürger sind da offenbar nicht die richtige Lösung.

Für Lindner besteht die Lösung vor allem in einer Ausweitung des Angebots. Denn neben dem Rohstoffmangel treibt die Güterknappheit die Preise. Und das liegt am knappen Energieangebot und Lieferkettenproblemen. Umso wichtiger findet es Lindner, neue Bezugsquellen zu erschließen, neue Märkte und Lieferketten aufzubauen und für entsprechende grenzüberschreitende Investitionsanreize zu sorgen. Allerdings dürften diese Maßnahmen nicht sofort wirken, eher eine Perspektive bieten.

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Zumindest in diesem Jahr muss die Welt also noch mit extrem hohen Inflationsraten leben. Die Aussichten sind dabei nicht gerade rosig. Denn es besteht die Gefahr, dass gerade die Mittelschicht beim Einkommen einen Kaufkraftausgleich fordern wird, sprich Lohnerhöhungen. Das dürfte aber bei anhaltender Energie- und Güterknappheit für weiteren Inflationsschübe sorgen. Es stehen also spannende Monate bis zur nächsten Tagung der Finanzminister und Notenbankchefs im Oktober in Washington.

Lesen Sie auch, wie der Weltbankpräsident im Interview warnt: „Die Inflation ist eine soziale Katastrophe“

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